Längere Strafen und mehr Rückfälle in Deutschland

Nach dem «Fall Carlos»: Nun fordern vor allem bürgerliche Politiker härtere Strafen – so wie sie Deutschland kennt. Doch ein Experte ist der Meinung, dass dies nichts bringt.

«Bei jungen Leuten sollte man in die Zukunft investieren, und irgendwann zahlt sich das auch aus», sagt Professor Bernd-Rüdeger Sonnen. Er lehrt Strafrecht und Kriminologie an der Universität Hamburg. Sonnen kennt die Situation in beiden Ländern: Während das Höchststrafmass in Deutschland für jugendliche Straftäter bei zehn Jahren liegt, sind es in der Schweiz nur vier Jahre.

Es stelle sich die Frage, was eine Strafe erreichen solle, sagt Sonnen. Strafen könnten das Ziel verfolgen, zu vergelten, einen Schuldausgleich herbeizuführen oder jemanden zur Sühnebereitschaft zu motivieren. Doch: «Wenn das Ziel die soziale Integration ist, dann ist es eine andere Zielsetzung als Strafe im Sinne von Vergeltung.»

Sonnen hält fest: Im Jugendstrafrecht gehe es nicht um allgemeine Abschreckung. Es geht um die persönliche Abschreckung eines Täters.

Grosse Wohnung

In Bezug auf die grosse Wohnung, die für «Carlos» gemietet wurde, sagt der deutsche Experte: «In einem vergleichbaren Programm in Deutschland würde nie ein Jugendlicher eine Vierzimmerwohnung erhalten.» Doch Sonnen hält es für unverzichtbar, dass auch die Freizeit des jungen Mannes strukturiert wird. «Ob nun bei Gewalttätern Kampfsport das Mittel der Wahl ist, da kann man Zweifel haben.»

Hohe Rückfallquote

In Deutschland liege die Rückfallquote von jugendlichen Straftätern bei 75 Prozent. «Unsere Erfahrung mit den längeren Strafen her ist nicht optimal.» Für Sonnen ist klar, dass die Schweiz das bessere Modell verfolgt. «Sobald man nicht nur auf Strafen setzt, sondern gleichzeitig etwas für die Zukunft aufbaut, ist im Interesse weiterer potentieller Opfer.» Alles, was über drei oder vier Jahre hinausgehe, sei aus erzieherischer Sicht nicht optimal.

Man dürfe den Strafvollzug nicht von der Therapie abtrennen. Die beiden Teile müssten zusammengehören. Allerdings dürfe man sich nicht der Illusion hingeben, Kriminalität zu 100 Prozent verhindern zu können. Aber die Verhinderung von Rückfallkriminalität könne mit der Kombination von stationären und ambulanten Reaktionsformen steigern, sagt der Experte.

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