Abtretender Umfrage-Guru Longchamp plädiert für Berufsparlament

Auf eidgenössicher Ebene sei die Politik schon heute vollamtliche Tätigkeit, sagt der Berner Politologe in der «NZZ am Sonntag».

Porträt-Aufnahme von Claude Longchamp. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Mann mit Fliege hört nach der nächsten Abstimmung auf. Keystone

Eine Woche vor seinem letzten Auftritt im Abstimmungsstudio des Schweizer Fernsehens zieht Meinungsforscher Claude Longchamp Bilanz. Im Interview mit der «NZZ am Sonntag» fordert er eine Professionalisierung der Bundespolitik.

Berufspolitiker sind eine Tatsache

«Das Milizsystem ist auf Gemeindeebene ein Segen, auf kantonaler Ebene ein Vorteil und auf Bundesebene eine Fiktion», sagt Longchamp. Die Schweiz sollte zu einem Berufsparlament übergehen und damit anerkennen, dass Politik eine vollamtliche Tätigkeit sei. Damit sich keine abgehobene Politikerkaste herausbilde müsste man die Amtsdauer beschränken, damit es regelmässig Wechsel gibt.

Psychopharmaka nach Minarett-Abstimmung

Was seine eigene Leistung als Politerklärer betrifft, sagt der Chef des Instituts GfS Bern: «Als wir angefangen haben, waren die Verbände stark, die Parteien schwach und die Meinungsforschung steckte in den Kinderschuhen. Wir haben als Erste einen eigenständigen Ansatz entwickelt, um die politische Meinungsbildung dynamisch zu erfassen.»

Die fraglos schwierigste Zeit seien die Wochen nach der Abstimmung über die Minarettinitiative gewesen, wo er bei der letzten Umfrage einen Ja-Anteil von bloss 37 Prozent auswies, während das Ergebnis der Volksabstimmung wenig später bei 57 Prozent lag: «Ich war damals nahe daran aufzuhören, stand zwölf Wochen lang unter Psychopharmaka», sagt Longchamp.

Drei Monate später habe er dann entschieden, weiterzumachen. «Und zwar weil wir trotz aller Abweichung keine Fehler gemacht haben.»