Machtwort aus Lausanne im Bündner Sprachenstreit

Rumantsch Grischun hat als Standardsprache in Bündner Schulen weiter ihren festen Platz und kann nicht nach Belieben durch lokale Idiome ersetzt werden. Das Bundesgericht stützt einen Regierungsbeschluss und weist die Beschwerde von Eltern ab. Doch die ungeliebte Kunstsprache leidet so oder so.

Wie schnell dürfen Bündner Schulen die Einheitssprache Rumantsch Grischun wieder abschaffen und durch lokale Idiome ersetzen? Mit dieser Frage befasste sich am Freitag das Bundesgericht.

Eine Minderheit des Gerichts stellte sich hinter die Beschwerdeführer aus der Surselva und dem Münstertal, die Rumantsch Grischun sofort und umfassend aus den Schulen verbannen wollen. Die rund 60 Mütter und Väter berufen sich auf die Sprachenfreiheit. Sie machen geltend, die Kunstsprache Rumantsch Grischun sei in den meisten rätoromanischen Gemeinden mehrheitlich abgelehnt worden. Viele von ihnen sind mit ihren Kindern nach Lausanne gereist, um die Sitzung mitzuerleben.

Bundesgericht: Keine Grundfrage

Die Mehrheit der Bundesrichter wollte die Angelegenheit allerdings nicht so hoch hängen und wies die Beschwerde zurück. Es wäre übertrieben hier von einer Grundfrage zu sprechen, war ihr Argument.

«Das Urteil war sehr knapp»

1:14 min, vom 12.7.2013

Die Folge des höchstrichterlichen Urteils: Jene Schülerinnen und Schüler, die bereits in Rumantsch Grischun unterrichtet werden, müssen auch weiter in der Einheitssprache unterrichtet werden. Der Wechsel in ein lokales Idiom bleibt grundsätzlich nur auf die 1. Primarklasse hin erlaubt. So hatte es die Bündner Regierung im Dezember 2011 festgelegt, der entsprechende Artikel im Schulgesetz tritt per Anfang August in Kraft.

Gnadenfrist für ungeliebte Einheitssprache?

Ohnehin ist aber klar: Rumantsch Grischun als Schulsprache ist auf dem absteigenden Ast. Fast alle Gemeinden in der Surselva und im Münstertal sind dabei, sie im Schulunterricht wieder abzuschaffen. Sie wurden mit dem Lausanner Entscheid nur etwas gebremst. In den Engadiner Schulen hatte die Einheitssprache schon gar nie richtig Fuss gefasst.

Von der ursprünglichen Idee der Bündner Sprachenpolitiker ist also nicht viel übriggeblieben. Nur ein paar Gemeinden in Mittelbünden wollen beim Rumantsch Grischun als Unterrichtssprache bleiben.

Überlebenswichtig für das Rätoromanische?

Offen bleibt, was dieser Trend für die rätoromanische Sprache insgesamt bedeutet. Die Befürworter von Rumantsch Grischun haben immer argumentiert, das Rätoromanische könne nur mit einer gemeinsamen Hochsprache überleben.

Als Amtssprache des Bundes und des Kantons Graubünden hat sich die Standardsprache inzwischen etabliert. Ebenso beim romanischen Radio und Fernsehen. Ob das langfristig hilft, ist fraglich, wenn die Einheitssprache bei so vielen Rätoromanen offensichtlich auf Widerstand stösst.

brut