«Man hat die Lokführer allein gelassen»

Nach dem Zugunglück in der Waadt reisst die Debatte um die Sicherheit bei der SBB nicht ab. Während Lokführer die Folgen des Stellenabbaus beklagen, plant die Bahnleitung eine beschleunigte Modernisierung der Signalsysteme.

Menschen stehen an einer Bahn-Unfallstelle. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nachwirkungen einer Kollision: Die Debatte um die Sicherheit bei der SBB läuft in vollen Zügen. Keystone

Nach dem tragischen Zugunglück vom vergangenen Montag in Granges-près-Marnand (VD), dessen Ursache noch immer unklar ist, kommt harsche Kritik vom Lokführerverband an die Adresse der SBB.

Für Hubert Giger, Präsident der Schweizer Lokführer, ist der jüngste Zwischenfall auch in Zusammenhang mit dem Stellenabbau in den vergangenen Jahren zu betrachten. «Das Problem ist, dass man die Lokführer allein gelassen hat», sagte er der «Zentralschweiz am Sonntag».

Belastung der Lokführer

Habe früher im Regionalverkehr das Vier-Augen-Prinzip gegolten, so seien die Lokführer heute auf den S-Bahn- und Regionalstrecken bei 70 Prozent aller Züge auf sich allein gestellt. Giger: «Früher haben Kondukteure oder Bahnhofvorstände den Befehl zur Abfahrt gegeben. Nun lastet die gesamte Verantwortung auf dem Lokführer».

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Schlecht schneidet in den Augen von Giger auch das neue Sicherheitssystem ab, das sogenannte European Train Control System, das die SBB einführen wollen. Bis im Jahr 2018 soll eine erste Version des Systems eingeführt werden. Bis 2035 soll dann die Vollversion zum Einsatz kommen.

«Das System wird inklusive Folgekosten Milliarden verschlingen, die Sicherheit aber nicht merklich erhöhen. Zudem ist es zu komplex und taugt nicht für den Normalbetrieb», so das Fazit von Giger. Für ihn sind die Folgen klar: Die Lokführer werden verunsichert und daher langsamer fahren. «Darunter wird die Streckenkapazität leiden", sagt er voraus.

Tausende Fahrpersonal-Fehler

Nicht erst nach dem Zug-Crash in Granges-près-Marnand muss sich die SBB Fagen nach einer übermässigen Belastung der Lokführer gefallen lassen. Ein internes Papier, aus dem der «SonntagsBlick» zitiert, zeigt offenbar, dass es «in diesem Jahr bereits zu 4837 Fahrpersonal-Fehlern» kam. «Allein 207 waren es in der letzten Woche», so das Blatt. Jedes dieser Ereignisse habe zu Verspätungen im Zugverkehr geführt.

SBB-Sprecher Reto Schärli dazu: «Die Fragen sind berechtigt, ob die Arbeitsbelastung der Lokführer und die hohen Pünktlichkeitswerte, die wir alle gemeinsam anstreben, sicherheitsrelevante Auswirkungen haben.» Der Stress für die Lokführer werde zur Zeitbombe, kritisieren Gewerkschaften. Urs Mächler, Präsident des Lokpersonalverbandes (LPV), sagte der Zeitung: «Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein solches Unglück passiert.»

SBB-Chef: Signale schneller modernisieren

Die Zugsicherung beim überfahrenen Haltesignal in Granges-près-Marnand stamme aus dem Jahr 1958, berichtet die «Schweiz am Sonntag». Nun sollen die Signale schneller modernisiert werden, wie SBB-Chef Andreas Meyer gegenüber der Zeitung ankündigt. «Ich habe die Division Infrastruktur beauftragt, die Priorisierung der einzelnen Investitionstranchen und eine Beschleunigung zu überprüfen», erläutert Meyer.

Gemäss bisherigem Plan hätte es bis 2018 gedauert, bis 1700 Signale mit dem Zugbeeinflussungssystem (ZUB) ausgerüstet werden. Parallel dazu könnte auch die Führerstands-Signalisierung (ETCS Level 2) früher als vorgesehen eingeführt werden. Bislang war vom Jahr 2035 die Rede.

Meyer weist Vorwurf zurück

Meyer wies den Vorwurf, die SBB hätten die Sicherheit vernachlässigt, gegenüber dem Blatt zurück: «Bei der Zugsicherung haben wir ein historisch gewachsenes System, von dem man seit vielen Jahrzehnten weiss, dass es Lücken hat. Von einem Missstand zu reden, ist überhaupt nicht angebracht.» Er habe sich «persönlich und gegen Widerstand» dafür eingesetzt, dass das ZUB-System ausgebaut werde.

Die Bahngewerkschaft kritisiert, das Personal sei zunehmend am Anschlag. Dagegen betont SBB-Chef Meyer, der Unterbestand bei den Lokführern sei weitgehend behoben. Er kündigt aber auch einen Stellenausbau an: «In gewissen Bereichen – etwa der Instandhaltung – brauchen wir mehr Personal.»