Massnahmen gegen hohe Ozonwerte sind unpopulär

Mehrmals pro Jahr wird der Ozon-Grenzwert von 120 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Schweiz überschritten. Laut Bund dürfte dies nur ein Mal pro Jahr passieren. Kurzfristige Massnahmen werden keine ergriffen, denn diese verärgern die Bevölkerung.

Ozonbelastung in der Schweiz Anzahl Tage mit Überschreitungen von 1.6.2012 bis 31.5.2013. Der Grenzwert 120 µg/m3 (Mikrogramm pro Kubikmeter) darf höchstens einmal pro Jahr überschritten werden. In Lugano wurde im Zeitraum von 12 Monaten der Grenzwert an 88 Tagen überschritten.

Viel Sonne und wenig Wind führen vor allem im Sommer zu einer hohen Ozonbelastung in der Luft. Ab einem Wert von 120 Mikrogramm pro Kubikmeter spricht das Bundesamt für Umwelt (Bafu) von einer «deutlichen Belastung». Schleimhautreizungen und eine verminderte Lungenfunktion sind wahrscheinlich.

Der Grenzwert von 120 Mikrogramm pro Kubikmeter darf laut Verordnung eigentlich nur ein Mal pro Jahr überschritten werden. Wirft man aber einen Blick in die Erhebungen des Bafu und das Nationale Beobachtungsnetz für Luftfremdstoffe (Nabel), zeigt sich ein anderes Bild. Zwischen Juni 2012 und Mai 2013 wurde der Grenzwert an mehreren Orten mehrfach überschritten: Zum Beispiel in Lugano an 88 Tagen oder in Dübendorf (ZH) an 36 Tagen innerhalb der letzten 12 Monaten.

Hohe Ozonbelastung im Tessin

1:29 min, aus HeuteMorgen vom 16.07.2013

Diese Woche verzeichnete der Kanton Tessin Werte von 211 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die kantonalen Umweltdirektoren riefen die Bevölkerung auf, freiwillig einen Beitrag zur Reduktion der Schadstoffe beizutragen. Konkrete Massnahmen ergriffen sie keine.

Langfristige Strategie

Laut Richard Ballaman vom Bafu helfen kurzfristige Massnahmen nur wenig gegen die hohen Ozonwerte. «Wenn es um die Ozonbelastung geht, verfolgt der Bund eine langfristige Strategie. Man möchte die Belastung dauerhaft und nicht nur kurzfristig senken.»

Die Kantone hätten laut Ballaman aber die Möglichkeit, bei hohen Werten durchzugreifen. Mit einem Verbot von Feuern, bestimmten Fahrzeugen, aber auch mit Tempobeschränkungen.

Unpopuläre Massnahmen

Trotz langfristiger Strategie des Bundes und der Möglichkeit kurzfristige Massnahmen zu ergreifen, werden die Ozonwerte jedes Jahr massiv überschritten.

Laut Karin Ingold, Assistenzprofessorin am Lehrstuhl für Policy Analyse mit Schwerpunkt Umwelt an der Universität Bern, ist dies ein typisches Problem von Grenzwerten. «Grenzwerte schaffen keinen richtigen Anreiz bereits im Voraus zu handeln.» Das Ozon sei dabei ein besonderer Fall.

«Das Problem tritt immer im Sommer auf, genau dann, wenn auch der Ferienverkehr am grössten ist.» Und gerade der Verkehr sei die Hauptursache für die zu hohen Ozonwerte. «Nähert man sich den Grenzwerten, müsste der Verkehr massiv eingeschränkt werden. Verkehrseinschränkungen sind aber extrem unpopulär.»

Verantwortung Abschieben

Sowohl die Kantone als auch der Bund hätten eine Palette von Massnahmen zur Einschränkung des Verkehrs und damit zur Senkung der Ozonwerte zur Verfügung. Man gebe die Verantwortung in solchen Fällen aber gerne weiter, erklärt Ingold. «Die Kantone lassen gerade beim Entscheid zu solch unpopulären Massnahmen der Landesregierung den Vorrang.»