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Schweiz Mehr Menschen beziehen Sozialhilfe

2012 waren 2,5 Prozent mehr Städter abhängig von der Sozialhilfe. Weil aber auch die Bevölkerung zunahm, blieb der Anteil an Bezügern gleich hoch. Auffällig: Immer mehr über 50-Jährige sind bedürftig. Die Skos stellt die Frage nach dem Gesellschaftsvertrag. Muss er neu definiert werden?

Legende:
Anteil der 50- bis 64-Jährigen an allen Sozialhilfebeziehenden Schnitt der 13 Städte. Bundesamt für Statistik

2012 sind die Sozialhilfefälle in den meisten Städten gestiegen, im Schnitt um 2,5 Prozent. Gemessen am Anteil der Bevölkerung blieb die Quote allerdings stabil. Dies ist das Fazit aus einer Zählung in 13 Städten der Schweiz.

Acht Städte, nämlich Basel, Lausanne, Luzern, St. Gallen, Schaffhausen, Schlieren, Winterthur und Zug weisen ein deutliches Wachstum bei der Sozialhilfe aus. In Bern, Biel und Uster erhöhten sich die Fälle nur gering. In Wädenswil und in Zürich sind die Fallzahlen gesunken.

Allerdings gibt es grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Städten. Biel und Lausanne haben die höchste Sozialhilfequote: In Biel beträgt sie 11,4 Prozent, in Lausanne 10,3. Dafür glänzen Uster und Zug. In Uster beträgt die Quote 1,3, in Zug 1,7 Prozent.

Die Sozialhilfequote der Personen aus der Europäischen Union ist in den meisten Städten signifikant tiefer als die Sozialhilfequote insgesamt. Im Schnitt liegt die Quote bei 5,5 Prozent, für Personen aus der EU beträgt sie 3,7 Prozent, jene der Schweizer liegt bei 4,0 Prozent.

Mehr Risiko für Menschen ab 50 Jahren

Ab 50 steigt das Risiko, arm zu sein. Die Sozialhilfequote dieser Altersgruppe hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Der Grund dafür liegt im Arbeitsmarkt. Aber auch die Sozialversicherungen sind selektiver geworden. Die Städte äussern sich mit Sorge.

Die Städte schreiben: Es brauche Massnahmen, die den Arbeitsmarkt aber auch die soziale Integration betreffen. Die Existenzsicherung einer zunehmenden Anzahl von über 50-Jährigen bis zum Rentenalter habe Kostenfolgen für Städte.

«Es gibt immer weniger Arbeitsplätze für Menschen mit niedriger Bildung», stellt Dorothee Guggisberg, Geschäftsführerin der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe Skos im Interview mit SRF News Online fest. «Ältere Arbeitnehmer haben in diesem Sektor immer weniger Chancen, weil da der Verdrängungskampf immer härter wird.»

Skos: Lasten verschieben sich

Hinzu kommen die Sozialversicherungen, die sparen. Sie sind selektiver geworden, wen sie aufnehmen. «Früher fanden die älteren Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen eher Aufnahme in der IV. Heute werden IV-Renten restriktiver ausgesprochen, deshalb springt nun für diese Menschen die Sozialhilfe ein», sagt Guggisberg.

Das Fazit der Geschäftsführerin der Skos: «Es ist eine Tendenz der Lastenverschiebung sichtbar. Menschen fallen aus dem ersten Auffangsystem wie Arbeitslosen- oder Invalidenversicherung heraus. Die Lücke, die entsteht, muss zunehmend die Sozialhilfe decken.» Guggisberg findet, die Gesellschaft müsse dies diskutieren. «Es geht um die Frage, ob die Sozialhilfe die richtige Institution ist, um strukturelle Mängel in der Gesellschaft zu beheben.»

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51 Kommentare

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  • Kommentar von C. Brunner, 4054 Basel
    Die Ausgesteuerten müssen sich formieren und eine politische Partei gründen, nur so können wir uns wehren und unsere Würde behalten. Wir geben uns nicht nur mit Almosen ab, während Kriminelle wie Carlos monatlich 640.-- Taschegeld haben plus Essen + Versicherunge + TV/Internet +++
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  • Kommentar von Resi Weber, Lausanne
    Vor einigen Jahren wurde ich von einer Italienerien ausgelacht. Sie sind dumm solange zu arbeiten! Ihr Mann arbeitete bei der Post und liess sich mit 58 pensionieren und zogen nach Italien mit 2. Säule. Als das Geld weg war, kamen sie schon vor Pensionsalter zurück in die CH zum Sozialamt. Es gibt solche viele in VD. SRF hätten Sie den Bericht des Lausanner Stadtrates Tosati voll übertragen, hätten das alle gehört.
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    1. Antwort von Beppie Hermann, Bern
      Es gibt auch in meinem Umfeld 1/2 Dutzend Sozialbezüger,die sich Dinge leisten, die ich mir nicht gönnen könnte.Hat mir doch eine gesch.Mutter,deren 6+7j Söhne ich 3x/W hütete,ihr jeweils noch Gemüse+Obst vom Garten mitgab,erklärt,seit sie Sozialzulagen bekomme,könne sie sich nun endlich eine Putzfrau leisten.Und ein arbeitsloser soz'abhängiger Lastwagenchauffeur vom Dorf verriet mir seinen Trick,nicht mehr arbeiten zu müssen.Vor jeder 1.Fahrt an der neuen Stelle habe er sich einfach besoffen.
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  • Kommentar von Marlies Artho, Schmerikon
    Ergänzung ich bin selbst AHV Bezügerin und habe auch immer meinen Beitrag AHV geleistet. Aber wir lebten bescheiden und ohne Schulden, da wir niemanden etwas Schuldig sein wollten. Deshalb ist es auch wichtig, dass man in die Zukunft denk und mit dem Geld sorgsam umgeht, nicht kleinlich aber so das man trotzdem noch leben kann im Alter. Materiales macht nicht nur glücklich sondern es häuft sich oft einem Ballast an. In der heutigen Wegwerfgesellschaft sind vielleicht manche überfordert.
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    1. Antwort von Resi Weber, Lausanne
      Frau Artho, absolut einverstanden mit Ihnen. Viewiele von den heutigen Sozialbezügern leisteten sich Reisen und Ferien und konsumierten bis der Geldsack leer war? Sicher gibt es aber auch solche die es sich nicht leisten konnten.
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    2. Antwort von M. Keller, Thurgau
      R. Weber: "bis der Geldsack leer war": das ist ein Phänomen der "renovierten Sozialwerke"; da man Sozialhilfe (damit verbunden Jobvermittlung, etc) bekommt, muss der Kontostand 0,0 Fr. (od. weniger) sein (BS und ZH kennen einen Freibetrag). Wenn nun nach der Aussteuerung klar ist das man "in 2000 Franken in der Sozihilfe landet", dann nehmen viele die Gelegenheit war, und machen eine letzte Reise, bevor es in das rückzahlungspflichtige Sozialwerk geht; danach wirds sehr schwierig normal zu leben
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    3. Antwort von C. Brunner, Basel
      Bescheiden leben, ja, etwas sparen für elende Zeiten leigt nicht mehr drinn, nach Abzug der Steuern, KK-Prämien und Miete bleiben pro Person noch Fr. 600.-- übrig, damit kaufen wir Essen ein, bezahlen die Franchise und die Selbstbehalte für medizinische Behandlungen, Zahlarzt, Strom, Versicherungen, U-Abo, Geschenke, Freizeit, Ferien. Die drei letzteren wurden in den vergangenen Jahren zum Fremdwort.
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