Nicht ohne Gummi – Keine Nachlässigkeit bei Aids-Prävention

Die Zahl der HIV-Neuinfektionen in der Schweiz ist weiter rückläufig und Therapien werden immer wirksamer. Solche positiven Meldungen lassen die Leute aber auch fahrlässiger werden, wie Roger Staub, Gründungsmitglied der Aids-Hilfe Schweiz, mahnt.

Ein Plakat der Aids-Prävention mit der Aufschrift «Love Life» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Aids-Kampagnen sollen verhindern, dass Menschen in der Schweiz nachlässig werden. Keystone

SRF News: Wie ist die Situation in der Schweiz?

Roger Staub: Wir stehen gut da. Gleich gut wie die meisten westeuropäischen Länder, aber viel besser als beispielsweise Osteuropa, wo dramatische Zunahmen von Neuinfektionen zu beobachten sind. Unaids sagt zum Weltaidstag, dass die Zahlen weltweit leicht sinken.

Die Zahlen bis September 2015 zeigen in der Schweiz gegenüber dem Vorjahr einen stabilen Wert – sogar einen leicht rückläufigen Trend. Worauf führen Sie das zurück?

Die Schweiz hat sich mit dem aktuellen nationalen HIV- und STI-Programm für 2011 bis 2017 vorgenommen, die Zahl von Neuinfektionen zu halbieren – damals waren es über 700. Das Ziel wäre es, bis Ende 2017 auf 350 Neuinfektionen zu kommen. Das BAG erwartet im Jahr 2015 etwa 500 Fälle – das zeigt, dass man auf einem guten Weg ist. Ob es wirklich für die Halbierung reicht, ist noch offen.

«  Die Schweiz hat die Epidemie bei intravenösen Drogenkonsumenten wirklich bewältigt – das ist der grösste Erfolg der letzten 30 Jahre. »
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Roger Staub

Roger Staub

Keystone

Der Mitbegründer der Aids-Hilfe Schweiz leitet beim Bundesamt für Gesundheit das «Nationale Programm HIV und andere STI 2011-17.»

Führen Sie das auch auf die Aufklärungskampagnen in der Schweiz zurück?

Ich bin davon überzeugt, dass einerseits die regelmässige und innovative Information der Bevölkerung über das Thema HIV und wie man sich schützen kann seit bald 30 Jahren wirkt. Auch die zielgruppenspezifischen Massnahmen, vor allem bei schwulen Männern, wirken. Zudem darf sich die Schweiz rühmen, dass sie die Epidemie bei intravenösen Drogenkonsumenten wirklich bewältigt hat – das ist der grösste Erfolg der letzten 30 Jahre.

Trotz aller Aufklärung stecken sich in der Schweiz noch immer Menschen mit dem Aids-Virus an. In welchen Gruppen finden diese Neuansteckungen statt?

Es gibt zwei grosse Gruppen: Die Grösste sind schwule Männer – meistens in einem mittleren Alter. Es sind also nicht die ganz Jungen, welche die Präventionsbotschaft nicht gehört hätten, sondern es sind Männer zwischen 30 und 50. Bei schwulen Männern muss man aber sagen, dass das Risiko auf jemanden zu treffen, der schon infiziert ist, viel höher ist, als für andere. Andererseits gibt es die grosse Gruppe der heterosexuellen Männer und Frauen, wobei vor allem die Männer betroffen sind. Bei ihnen hat man den Eindruck, dass sie sich bei Gelegenheitssex-Kontakten anstecken. Hier gibt es auch Männer und Frauen, welche, ohne sich zu schützen, Kontakte zu Prostituierten im Ausland haben und sich dann manchmal anstecken.

«  Leute zu motivieren, sich bei sexuellen Kontakten wirklich konsequent zu schützen, ist schwieriger geworden. »

Heutzutage bedeutet die Diagnose Aids nicht mehr automatisch ein Todesurteil. Führt die Aussicht auf eine erfolgreiche Therapie möglicherweise dazu, dass der Respekt vor HIV abnimmt?

Ich würde es nicht so formulieren. In den ersten zehn Jahren der Aidsepidemie, Mitte der Achtziger- bis Mitte der Neunzigerjahre, haben sich die Leute vor allem gut geschützt, weil sie Angst hatten, ein tödliches Virus zu erwerben. Dass diese Todesangst dank der neuen Therapien weg ist, ist ein super Erfolg für Medizin und Forschung, über den alle froh sind. Aber als Preis dafür ist die Überzeugungsarbeit schwieriger geworden, Leute zu motivieren, sich bei sexuellen Kontakten wirklich konsequent zu schützen.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf in der Schweiz?

Der grösste Handlungsbedarf liegt darin, in der Aufklärungsarbeit nicht zu ermüden. Ich mache gerne den Vergleich mit Coca Cola: Auf der ganzen Welt kennt jedes Kind den Namen dieses Getränks. Trotzdem investiert die Firma Millionen, wenn nicht Milliarden, um den Namen bekannt zu halten. Coca Cola würde niemand Geldverschwendung vorwerfen. Aber bei uns gibt es immer wieder Leute, die sagen «jetzt weiss man es und kann mit diesen Kampagnen aufhören.» Ich glaube die grösste Herausforderung ist es weiterzumachen, weil immer wieder daran erinnert werden muss. Auch die zielgruppenspezifische Aufklärung wird weiter wichtig bleiben – vor allem bei homosexuellen Männern oder bei Männern, die mit Männern Sex haben.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

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