Nutzlose Behandlungen: Bei Spezialärzten kaum Thema

Es geht um mehr Qualität in der Medizin: Die Schweizer Allgemeinmediziner veröffentlichten vor knapp zwei Jahren eine schwarze Liste mit fünf Behandlungen, die möglichst zu vermeiden sind. Sie seien nutzlos oder gar schädlich. Doch die Spezialärzte haben das Problemfeld nicht weiter beackert.

Ärzte in einem Patientenzimmer Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Folgten ihren Allgemeinmediziner-KollegInnen bisher nicht mit einer eigenen Liste: Spezialärzte. Keystone

Mit ihrer Vorlage der Liste unnötiger Behandlungen verbanden die Allgemeinmediziner eine Idee: Andere medizinische Berufsgruppen sollen nachziehen und eine eigene Liste in ihrem Fachgebiet erarbeiten. Passiert ist seither allerdings kaum etwas, wie Recherchen von SRF News ergaben.

Top-5-Liste unnützer Behandlungen

2:07 min, aus HeuteMorgen vom 15.01.2016

Keine Antibiotika bei einfachen Infekten der oberen Luftwege, kein Röntgen bei leichten Rückenschmerzen. Das sind zwei der fünf Behandlungen, die es grundsätzlich zu vermeiden gilt.

Seit zwei Jahren nichts passiert

Die so genannte «Top-Five-Liste» der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) sollte nur der Anfang sein: Nach dem Vorbild der Hausärzte sollten auch andere Berufsgruppen wie die Chirurgen oder Kardiologen eigene Listen erarbeiten.

Das war vor knapp zwei Jahren. Passiert ist seither nichts, wie Hermann Amstad von der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften ernüchtert feststellt: «Da haben vielleicht die ärztlichen Fachgesellschaften ihre Hausaufgaben nicht gemacht».

Drei Gründe für Passivität

Die Akademie der medizinischen Wissenschaften wollte deshalb wissen, warum die Spezialärzte passiv geblieben sind. Die Umfrage zeigte drei Gründe: «Erstens ist die Erstellung einer solchen Liste durchaus mit einem gewissen Aufwand verbunden. Zweitens ist es so, dass möglicherweise gewisse Ängste bestehen, wie die Patienten auf eine solche Liste reagieren würden. Und drittens besteht möglicherweise auch eine gewisse Angst bezüglich Einkommenseinbussen.»

Verzicht auf Einnahmen

Denn führen Ärzte an sich unnötige Behandlungen tatsächlich nicht durch, verzichten sie auch auf Einnahmen. Der Dachverband der Schweizer Chirurgen fürchtet den Druck der Krankenkassen, wie Generalsekretär Markus Trutmann erklärt: «Tatsächlich könnte die Frage auftauchen, ob man diese Top-Five-Leistungen überhaupt noch vergüten muss.»

Bis jetzt ist es nur eine Empfehlung, auf Behandlungen zu verzichten, die auf der Top-Five-Liste stehen. Aber die Krankenkassen wünschen sich tatsächlich mehr Verbindlichkeit. Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbandes santésuisse, ist ob der Zurückhaltung der Spezialärzte nicht überrascht: «Heute können die Ärzte abrechnen, was sie wollen. Je mehr sie abrechnen, desto mehr verdienen sie.» Die Anreize seien also so gesetzt, dass man nicht das möglichst Notwendige, sondern möglichst viel mache. Und damit auch mehr verdiene, so Nold.

Frage der Verbindlichkeit

Zudem stelle sich die Frage, wie verbindlich eine solche Liste sein soll. Kinderarzt Jan Teller bringt das Beispiel Hustensaft für Kinder aufs Tapet. So sei es zwar eigentlich erwiesen, dass Hustensaft die Kinder nicht schneller gesund mache: «Es gibt aber Ärzte und Patienten, die einen positiven Effekt sehen. Deshalb wäre es schwierig den Gebrauch von Hustensirup generell vorzuenthalten.»

Trotz Widerstand verspricht sich die Akademie der medizinischen Wissenschaften mehr Qualität von solchen Top-Five-Listen. Denn Überversorgung kann auch schädlich sein

Listen aus den USA übernehmen?

Deshalb unternimmt sie jetzt einen neuen Versuch, die Spezialärzte zu überzeugen: Sie sollen prüfen, ob sie die entsprechenden Top-5-Listen aus den USA übernehmen könnten. Denn dort ist die Diskussion über die medizinische Überversorgung bereits weiter als in der Schweiz.

Top 5 der unnützen Behandlungen

Bildgebende Diagnostik während der ersten sechs Wochen bei Patienten mit Lendenschmerzen
Falls jemand über unspezifische, also nicht genau verortbare Lendenschmerzen klagt, verbessert die bildgebende Diagnostik wie zum Beispiel das Röntgen oder der
Ultraschall die Behandlung nicht. Ein Patient ist aber einer erhöhten Strahlendosis ausgesetzt.
Messung des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) ohne eine Diskussion von Risiko und Nutzen
Das PSA ist ein Enzym und in der Urologie für die Prostatakrebs-Diagnose relevant. Der Nutzen eines PSA-Screening ist unklar. Die Patienten sollten das Risiko von
Überdiagnostik und Überbehandlung verstehen.
Antibiotika gegen unkomplizierte Infekte der oberen Luftwege
Der häufigste Grund für einen solchen Infekt ist ein Virus, und in diesen Fällen ist Antibiotikum wirkungs- und deshalb sinnlos.
Routinemässiges präoperatives Röntgen des Brustkorbs (Thorax)
Ein Thorax-Röntgenbild zeigt Herz, Lungen und Hauptschlagader. Die SGAIM empfiehlt, vor einer Operation auf ein Thorax-Röntgenbild zu verzichten – ausser wenn es
um eine Erkrankung innerhalb des Brustkorbs selber geht.
Langzeit-Therapie bei Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt mit Säureblockern ohne Reduktion auf die tiefste Dosis
Säureblocker senken die Säurebildung im Magen und werden zur Behandlung z.B. von Magengeschwüren verwendet. Aber diese Langzeit-Therapie mit einem Medikament
kann auch Nebenwirkungen haben, die zuweilen auch den Nutzen überwiegen. Risiken und Nutzen einer Behandlung sollten regelmässig mit Patienten diskutiert werden.

Quelle: SGAIM/SRF/mz

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