Autonom fahrende Züge Pilotprojekt der Südostbahn ausgebremst

Die Südostbahn möchte autonom fahrende Züge testen. Der Bund verlangt aber eine gemeinsame Lösung der Eisenbahnbranche.

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Südostbahn will autonom fahrende Züge

2:33 min, aus Schweiz aktuell vom 15.6.2017

Die Südostbahn AG (SOB) plant ein Projekt zum automatischen Fahrbetrieb (Automatic Train Operation) auf seiner bestehenden Bahninfrastruktur. Wie das Unternehmen mitteilte, sollen die ersten selbstfahrenden Züge in der Schweiz im Toggenburg zwischen Mogelsberg und Wattwil verkehren. Danach soll der Pilotbetrieb auf dem Abschnitt bis Nesslau ausgedehnt werden. Lokführer blieben zwar noch auf dem Zug, würden aber nur im Notfall eingreifen.

Kartenausschnitt Toggenburg. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für die Testfahrten ist die Strecke von Mogelsberg nach Wattwil im Toggenburg vorgesehen und später bis Nesslau. SRF

BAV verlangt Brachenlösung

Jetzt werden aber die Pläne der SOB vom Bundesamt für Verkehr (BAV) durchkreuzt. «Das BAV ist der Ansicht, dass in der Schweiz ein einheitlicher Standard entwickelt werden soll. Darum sollen die Bahnunternehmen zusammen mit der Industrie einen Bericht erstellen», sagt BAV-Sprecher Gregor Saladin gegenüber «Schweiz aktuell». Erst anschliessend würde dann über einzelne Gesuche entschieden.

Bei der SOB wird der Entscheid des Bundesamts bedauert. Trotzdem sei das Pilotprojekt noch nicht gestorben. Für Markus Bart, Leiter Infrastruktur bei der SOB, ist der Entscheid eine Art Moratorium. «Das BAV will sich einen Gesamtüberblick verschaffen, weil die Branche miteinander eine Lösung erarbeiten möchte. Das Projekt der SOB ist ein Teil davon.» Man werde zusammen mit der SBB und BLS in einer Arbeitsgruppe am Thema weiterarbeiten.

FLIRT-Zug der SOB. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ab 2019 sollen bei der SOB erste Versuche ohne Passagiere stattfinden und ab 2020 kommerziell genutzt werden. SRF

SBB «macht» selber was

Die Diskussion um selbstfahrende Züge zwischen Nesslau und Mogelsberg begann schon im vergangenen Herbst. Damals stellte SOB-Direktor Thomas Küchler die Pläne für einen Probebetrieb mit selbstfahrenden Zügen der Öffentlichkeit vor. «Dieser Probebetrieb soll dazu dienen, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass solche Systeme sicher funktionieren können.»

Sein Vorantreiben des Projekts ist in der Eisenbahnbranche gar nicht gut angekommen. Der SOB-Direktor sei vorgeprescht, ohne sich mit den anderen Bahnen abzusprechen, sagt SBB-Chef Andreas Meyer: «Wissen Sie, wir machen auch Studien, aber wir reden nicht gern so laut darüber, wenn es nicht ein wenig handfest wird.»

«Vorwärts machen»

Der heutige SOB-Direkter Küchler arbeitete früher selber bei der SBB. Ihm ist nicht entgangen, dass sein Vorstoss mit autonomen Zügen in der Branche für rote Köpfe sorgt. «Für das stehe ich, dass ich immer mal wieder unangenehm bin und den Kollegen sage, dass wir schneller vorwärts machen müssen. Nicht nur bei diesem Thema, sondern in auch in anderen Feldern.»

Die SBB wollte den abschlägigen Entscheid des BAV nicht kommentieren: «Zu diesem Thema steht die SBB als Gesprächspartner aktuell nicht zur Verfügung»,

Selbstfahrende Züge sind die Zukunft

Bei der SOB will man sich davon nicht vom Projekt abhalten lassen, denn selbstfahrende Züge seien nun einmal die Zukunft. «Wenn automatisch fahren, dann ist wirklich die Schiene dazu prädestiniert. Im Gegensatz zum Auto haben wir eine Spur, die lenkt. Und es geht nur darum, vorwärts oder rückwärts zu fahren oder ob der Zug anhalten muss», sagt SOB-Direktor Küchler.

Mit dem Entscheid des BAV ist klar: Bundes-Mittel für ein Projekt autonom fahrender Züge gibt es nur, wenn die Bahnbranche zusammenarbeitet. Und das ist derzeit offensichtlich nicht der Fall.

Automatischer Zugbetrieb (ATO) bei der SOB

Auch bei automatisch fahrenden Züge soll es weiterhin Personal auf den Fahrzeugen geben. In einem ersten Schritt würde das Fahrpersonal durch Assistenzsysteme unterstützt und entlastet. Wie die SOB mitteilt, ergäben sich dadurch in den Endbahnhöfen schnellere Wendezeiten und damit höhere Streckenkapazitäten. Zudem werde die Pünktlichkeit verbessert.

Das Konzept basiert auf der bestehenden Bahninfrastruktur und setzt damit nicht erst grosse Investitionen voraus. Erste Testfahrten ohne Fahrgäste sollen 2019 stattfinden. Ab 2020 soll das System Schritt für Schritt auch kommerziell genutzt werden.

Für die ersten Versuche ist die Strecke von Mogelsberg nach Wattwil im Toggenburg vorgesehen. Dort gebe es modernste Stellwerke und praktisch keine Bahnübergänge sowie bald die neuesten Kommunikationseinrichtungen der Schweiz. Danach soll dann der Pilotbetrieb auf den Abschnitt zwischen Wattwil und Nesslau ausgedehnt werden.

Technologisch problemlos

Für Roland Siegwart, Professor für autonome mobile Roboter an der ETH Zürich, sind selbständig fahrenden Züge technologisch relativ bald realistisch. Die Frage sei viel mehr, ob man das überhaupt wolle, also dass auch die Passagiere in solche Züge steigen werden.

Roland Siegwart zu autonomen Zügen

2:08 min, vom 15.6.2017

«Automatisiertes Fahren mit einem Zug ist eindeutig einfacher, weil die Schienen definieren, dass das Fahrzeug nicht überall hinfährt. Es muss damit nur noch die Vorwärtsbewegung überwacht werden.» Bei Autos müsse man alle Situationen in Betracht ziehen und das sei entsprechend schwieriger.

Als grösstes Sicherheitsrisiko sieht Siegwart die Haltestellen, wo Leute ein- und aussteigen oder wo jemand entscheiden muss, allenfalls länger zu warten oder jemandem beim Einsteigen zu helfen.