Pressefreiheit: Erdogans Arm reicht bis in die Schweiz

Vor zwei Wochen hat die türkische Regierung die grösste regierungskritische Zeitung «Zaman» unter ihre Kontrolle gebracht. Das hat auch Folgen für die Schweizer Ausgabe des Blattes. Die Journalisten in Zürich stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Ein Mann hält eine Ausgabe der grössten türkischen Oppositionszeitung in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die grösste türkische Oppositionszeitung ist seit anfangs März unter Regierungskontrolle. Keystone/Archiv

Borhan Basch sitzt am grossen Tisch im Sitzungszimmer der «Zaman Schweiz»-Redaktion und zeigt auf das Titelblatt der aktuellen Ausgabe seiner Zeitung. «Wir weigern uns, regierungsnah zu schreiben», sagt er. «Wir behalten unseren regierungskritischen Kurs bei.» Die Redaktion habe der Leserschaft auf der Titelseite mitgeteilt, dass die Zeitung vorerst weiter erscheinen werde.

Basch ist 28 Jahre alt. Als Kind türkischer Eltern wurde er in der Schweiz geboren und wuchs hier auf. Seit vier Jahren arbeitet der studierte Psychologe für die türkischsprachige Zeitung.

Die staatlichen Übergriffe auf das Mutterblatt in der Türkei hätten die Zeitung viele Leser und Inserate gekostet, sagt Basch. Die abonnierte Auflage sank von 2000 auf 1500 Exemplare, weil sie den Anhängern von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nicht mehr genehm ist.

Inserenten ziehen sich zurück

Zudem sind viele türkische Firmen, etwa Fluggesellschaften und Reisebüros, auf Aufträge des Staates angewiesen. Sie haben ihre Inserate deshalb zurückgezogen. «Wenn man auf die Zusammenarbeit mit dem Staat angewiesen ist, kann man sich zurzeit nicht als «Zaman»-Leser outen. Denn das hätte direkte Repressionen zur Folge», erklärt Basch.

«  Wir behalten den regierungskritischen Kurs bei. »

Borhan Basch
Journalist bei der «Zaman Schweiz»

Die Zeitung «Zaman» («Zeit») steht der Bewegung des islamischen Predigers Fetullah Gülen nahe. Sie bezeichnet sich als eine religiös-soziale Bewegung, die einen friedlichen Islam vertritt. Gülen war lange ein Partner von Erdogan. Dann verkrachten sich die beiden. Seither stuft Erdogan die Gülen-Bewegung als terroristisch ein und verfolgt sie hart.

Basch reist nicht mehr in die Türkei

Angst vor Angriffen in der Schweiz hat Journalist Basch nicht. Trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl: Die Redaktion hat in den vergangenen Tagen viele Hass-Mails erhalten. Von Reisen in die Türkei sieht Basch vorderhand ab. Es bereite ihm Sorgen, nicht zu wissen, ob er bei einer Reise in die Türkei plötzlich an der Ausreise gehindert und in Untersuchungshaft kommen würde, sagt er.

Für Basch ist klar: Wenn «Zaman Schweiz» politisch unabhängig bleiben und überleben will, muss die Zeitung neue Leserinnen und Leser gewinnen. Erreichen will sie das mit einer zweisprachigen Ausgabe. Keine leichte Aufgabe.