Zum Inhalt springen

Header

Video
Schweizer bezahlen seit 2006 78 Milliarden Franken zu viel Miete
Aus Tagesschau vom 16.03.2022.
abspielen. Laufzeit 2 Minuten 16 Sekunden.
Inhalt

Schweizer Mietgesetz Zu hohe Mieten: Muss der Staat für Ordnung sorgen?

Ein kleines Quiz: Ein Mieter in Zürich hat einen Mietvertrag unterschrieben und ist, kaum war die Tinte trocken, gegen seinen neuen Vermieter vor Gericht gezogen. Der Mieter sagte, der Mietzins, zu dem er soeben vertraglich zugesagt hatte, sei viel zu hoch. Der Vermieter bestand aber darauf, dass zu bezahlen sei, was im Vertrag steht. Wer bekam Recht? Der Mieter.

Was wie ein eklatanter Verstoss gegen Treu und Glauben klingt, war deshalb rechtens, weil der Vermieter für die Wohnung neu 2400 Franken verlangte – pro Monat 400 Franken mehr, als der alte Mieter bezahlt hatte. Die Wohnung wäre für den neuen Mieter also pro Jahr 4800 Franken teurer gewesen, als für seinen Vorgänger.

In Zürich gibt der Wohnungsmarkt das her, hatte sich der Vermieter gedacht und die Wohnung statt für die bisherigen 2000 Franken für 2400 Franken ausgeschrieben. Aber was der Markt hergibt, ist im Schweizer Mietrecht nicht das massgebende Kriterium. Das Schweizer Mietrecht gibt für Mietwohnungen einen Renditedeckel vor: Der Gewinn, den ein Vermieter aus einer Mietwohnung ziehen darf, ist gedeckelt.

Studie zeigt zu hohe Mietrendite

78 Milliarden Franken – so viel sollen Mieterinnen und Mieter in den letzten 15 Jahren zu viel Miete bezahlt haben. Das sagt eine Studie, die der Mieterverband kürzlich vorstellte. Der oben beschriebene Mechanismus – zu hohe Mietrendite – kann ein Grund sein für diese zu viel bezahlten Mietfranken. Denn die wenigsten Mieter wissen von ihrem Recht, zu hoch angesetzte Anfangsmieten anfechten zu dürfen.

Der wahrscheinlich noch wichtigere Grund für die mutmasslich Milliarden zu viel bezahlter Mieten ist, dass Mieterinnen und Mieter Mietzinssenkungen, die ihnen zustehen, nicht einfordern – also selber schuld sind.

Jedes Mal, wenn der sogenannte Referenzzinssatz gesenkt wird – und in den letzten zehn Jahren ging er stetig abwärts – haben Mieter Anrecht auf eine entsprechende Zinssenkung. Beim Mieterverband aber weiss man: Viele Mieter wollen dem Vermieter kein entsprechendes Begehren auf Mietzinssenkung schicken.

Hauseigentümerverband widerspricht

Beide Mechanismen – Renditedeckelung und Referenzzins – könnte man einem Kontrollmechanismus unterwerfen, sodass Mieter ihr Recht nicht mehr extra einfordern müssen, sondern einfach erhalten. Genau dagegen aber wehrt sich der Hauseigentümerverband HEV seit Jahren.

Der HEV bestreitet auch die Richtigkeit der oben erwähnten Studie – die Mieter würden nicht zu viel bezahlen. Allerdings sind die Berechnungsgrundlagen der Studie nachvollziehbar und sie richtet sich am offiziellen Mietpreisindex des Bundesamtes für Statistik aus.

SP spricht von «volkswirtschaftlichem Skandal»

Die SP will nun einen Runden Tisch einberufen, an dem nicht nur Vermieter und Mieter, sondern auch Sozialpartner und Branchen-Vertreter wie Gastrosuisse Platz nehmen sollen. Denn sollten tatsächlich Milliarden pro Jahr zu viel an Mieten bezahlt werden, würde die SP zu Recht von einem volkswirtschaftlichen Skandal sprechen. Es würde bedeuten, dass den Konsumenten – was Mieterinnen und Mieter ja sind – jährlich Milliarden entzogen werden und diese statt zum Beispiel im Restaurant bei den Immobilienbesitzern landen.

Sollte der Runde Tisch zustande kommen, ist es auch am Hauseigentümerverband, die Studie des Mieterverbandes nicht nur zu bestreiten, sondern mit harten Zahlen vom Tisch zu wischen. Gelingt dies nicht, spricht nichts gegen einen staatlichen Kontrollmechanismus, der nichts weiter tut, als für die Einhaltung des Mietgesetzes zu sorgen.

Übrigens: Im eingangs erwähnten Beispiel ist die Wohnung später erneut für 2400 Franken ausgeschrieben worden. Obwohl das Gericht eindeutig feststellte, dass der Mietzins von 2400 Franken nicht rechtens ist.

Michael Perricone

Michael Perricone

Stv. Leiter Inlandredaktion, SRF

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Michael Perricone ist stellvertretender Leiter der Inlandredaktion von SRF TV. Zuvor arbeitete er als Autor und Produzent bei der «Rundschau» und war stellvertretender Redaktionsleiter von «10 vor 10».

Video
Aus dem Archiv: Neue Studie zeigt zu hohe Mieten in der Schweiz
Aus Tagesschau vom 27.02.2022.
abspielen. Laufzeit 2 Minuten 2 Sekunden.

Tagesschau, 16.03.2022, 19:30 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

87 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Aktuell sind keine Kommentare unter diesem Artikel mehr möglich.

  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Liebe Community, vielen Dank für die spannende Debatte unter diesem Artikel. Für heute schliessen wir die Kommentarspalte und freuen uns auf die morgigen Kommentare. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Rudi Hardy  (Wombat)
    @Daniel Bucher; I was in a similar position buying our own place in the 80s with an interest rate starting at 8.75% that went to 16.4%. Was tough and we often thought about renting again, however we stuck it out and the place we bought for $40'500 was recently sold for $1.16 million. Unfortunately we had sold it again long ago as we moved to another State. If you can, buy your place. Mortgages here are now 2.7%. Scary, as it will not stay that way.
  • Kommentar von Peter Müller  (PeRoMu)
    Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast, heisst es gemeinhin. Ganz in diesem Sinne werde ich das Parteigutachten der Mieter/-innen (= vom Mieterinnen- und Mieterverband bezahlte BASS-Studie) zuerst einmal in aller Ruhe lesen, bevor ich voreilig Schlüsse ziehe ...
    1. Antwort von Pascal Fröhlich  (PascalZH)
      Die referenzierte Statistik ist vom Bund. Also traust Du dem Bund schon mal nicht.