Labor-Embryonen dürfen nur in Einzelfällen getestet werden

Mehr Freiheiten für die Fortpflanzungsmedizin: Der Ständerat will, dass im Reagenzglas gezeugte Embryos vor der
Einpflanzung untersucht werden dürfen – allerdings nur bei erblich vorbelasteten Paaren. Der Selektion von Babys nach bestimmten Kriterien wollte er aber keinen Vorschub leisten.

Video «Plädoyer für PID» abspielen

Plädoyer für PID

1:37 min, aus Tagesschau vom 11.3.2014

Embryonen, die im Labor gezeugt werden, sollen auf Krankheiten überprüft werden dürfen, aber nur, sofern die Eltern genetisch vorbelastet sind. Der Ständerat will das geltende Verbot der Präimplantationsdiagnostik aufheben. Unfruchtbare Paare, die erblich nicht vorbelastet sind, dürfen ihre Embryonen weiterhin nicht testen lassen.

Der Ständerat ist auch dafür, dass künftig mehr Embryonen im Reagenzglas entwickelt werden dürfen, als tatsächlich in die Gebärmutter eingepflanzt werden.

Abgelehnt hat der Ständerat hingegen die Zeugung von sogenannten «Retterbabys». Dabei werden Embryonen so ausgewählt, dass sie einem kranken Geschwister später beispielsweise Blutstammzellen spenden können.

Brigitte Häberli-Koller (CVP/TG) begründet ihre Haltung

2:08 min, vom 11.3.2014

Lange Debatte im Rat

Die Fragen, die der Ständerat zu klären hatte, lösten im Rat eine Grundsatzdebatte aus. Soll es Paaren, die Träger von Erbkrankheiten sind, erlaubt sein, die Embryonen vor der Einpflanzung untersuchen zu lassen? Über zwei Stunden diskutierten die Parlamentarier, ob sie überhaupt auf den Antrag eintreten wollen.

Ständerätin Brigitte Häberli-Koller (CVP/TG) legte ihre grundsätzlichen Bedenken dar: «Mit der Präimplantationsdiagnostik wird von einer emotional unbeteiligten Drittpersonen im Labor entschieden, welcher Embryo leben darf und welcher nicht.» Die Auswirkungen auf Gesellschaft seien unabsehbar, so Häberli-Koller.

Anita Fetz (SP/BS) hielt dagegen: «Wer bin ich, dass ich betroffenen Paaren vorschreiben könnte, ob sie ein Kind haben dürfen oder nicht?» Es ergibt laut Fetz keinen Sinn, wenn Paare Embryonen nicht testen lassen dürfen, diese aber einpflanzen, dann untersuchen und hinterher abtreiben dürfen.

Felix Gutzwiller (FDP/ZH) ist für ein zeitgemässes Gesetz

2:29 min, vom 11.3.2014

Und Felix Gutzwiller (FDP/ZH) machte im Rat klar: «Es wurden in den letzten zehn Jahren grosse Fortschritte in der Fortpflanzungsmedizin gemacht. Die Einstellungen dazu haben sich deutlich geändert.» Die Schweiz habe eines der zurückhaltendsten Gesetze in Europa.

Voruntersuchung bei bestimmten Paaren

Der Ständerat entschied schliesslich, dass Embryonen künftig auf schwere Erbkrankheiten untersucht werden dürfen. Profitieren davon können aber nur Paare, deren Kind eine schwere Erbkrankheit haben könnte. Es betrifft dies erbliche Vorbelastungen wie etwa zystischer Fibrose oder Muskelschwund. Dieses Kriterium dürften pro Jahr circa 50 bis 100 Paare erfüllen. Der Bundesrat will mit der Gesetzesänderung verhindern, dass solche Paare ins Ausland ausweichen müssen.

Für alle anderen Eltern bleibt alles beim Alten. Auch nicht erlaubt ist insbesondere, die Embryonen auf Trisomie 21 zu testen. Das darf erst in der Pränataldiagnosik im Mutterleib geschehen.

Ständerat gegen «Retterbabys»

Nicht erlauben will der Ständerat, dass Paare ein sogenanntes «Retterbaby» zur Spende von Blutstammzellen für kranke Geschwister auswählen dürfen. «Hier meine ich, dass wir den Rubikon überschreiten würden», sagte Peter Bieri (CVP/ZG). Es gehe dabei um die Auswahl bestimmter Eigenschaften: «Wir würden unter gesunden Embryos jenes auswählen, das zum Geschwister passt. Alle anderen würden wir verwerfen, sprich vernichten.»

Mehr Embryonen dürfen entwickelt werden

Zulassen will der Bundesrat, dass Eltern, die auf die künstliche Befruchtung zurückgreifen, pro Behandlungszyklus neu acht Embryonen in vitro entwickeln lassen dürfen. Dies, aber nur, wenn das Erbgut der Embryonen untersucht werden darf. Derzeit ist die Zahl auf drei beschränkt.

Zusatzinhalt überspringen

Volk stimmt auch ab

Die Möglichkeit, Embryonen aufzubewahren sowie die Achter-Regel bei der Präimplantationsdiagnostik – erfordern eine Änderung von Artikel 119 der Bundesverfassung über Fortpflanzungsmedizin und Gentechnologie im Humanbereich. Es wird also auch eine Volksabstimmung nötig sein, damit die Änderungen in Kraft treten können.

Die Gesetzesänderung soll ermöglichen, dass erblich vorbelastete Paare im Rahmen der Fortpflanzungsmedizin die gleichen Chancen auf einen übertragbaren Embryo erhalten wie unbelastete Paare.

In dieser Frage stimmte der Ständerat dem Bundesrat zu. Über diesen Punkt darf auch das Volk abstimmen, weil dafür die Verfassung geändert werden muss.

Embryonen aufbewahren

Die heute geltende Regelung birgt einen Nachteil: Da es verboten ist, Embryonen aufzubewahren, müssten alle lebensfähigen Embryonen – im Maximalfall sind das drei – in die Gebärmutter übertragen werden, so dass es häufig zu Mehrlingsschwangerschaften kommt.

Diese Mehrlingsschwangerschaften sind mit Risiken für Mutter und Kinder verbunden. Um dieses Risiko zu verringern, sollen Embryonen laut Ständerat künftig aufbewahrt und allenfalls später in die Gebärmutter übertragen werden dürfen. Dies gilt für sämtliche In-vitro-Verfahren.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Erbkrankheiten nicht um jeden Preis ausmerzen

    Aus Rendez-vous vom 11.3.2014

    Der Ständerat will zwar Gentests an Embryonen erlauben. So sollen unfruchtbare Eltern ihren Kinderwunsch zu erfüllen oder eine schwere Behinderung bei ihrem Kind ausschliessen können. Wie weit man dabei gehen soll, war im Ständerat aber umstritten.

    Curdin Vincenz

  • «Social Freezing»

    Aus 10vor10 vom 10.3.2014

    Frauen lassen ihre eigenen Eizellen einfrieren, um sich in späteren Jahren den Traum von einer Familie erfüllen zu können. In der Schweiz dürfen die Eizellen für dieses sogenannte «Social Freezing» maximal fünf Jahre gelagert werden. Der Bundesrat will diese Frist nun verdoppeln. Morgen debattiert der Ständerat darüber.