Streitbare Juso-Präsidentin Tamara Funiciello – radikal, aber diskussionsbereit

Die Jungsozialisten der Schweiz (Juso) treffen sich zur Delegiertenversammlung. Die Jungpartei wird von einer Präsidentin geleitet, die nicht geizt mit markigen Worten. Ein politisches Porträt.

Die Juso müsse der Dorn im Arsch der SP sein, erklärte Tamara Funiciello zu Beginn ihres Juso-Präsidiums. Und dieser Dorn sticht. Ihre explizite Sprache ist Programm:

«  Ich spreche Sachen an. Mein Motto ist, nach Rosa Luxemburg: ‹zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat›. »

Schlagfertig hat sie gegen das Nachrichtendienst-Gesetz und gegen das Freihandelsabkommen TTIP argumentiert. Sie wünscht sie eine gerechtere Welt – jenseits des Kapitalismus: «Ich bin eine Kapitalismus-Kritikerin, ganz klar. Ich bin radikal, die Juso ist radikal, aber das heisst noch lange nicht, dass wir nicht diskussionsbereit sind.»

Konziliant trotz allem, meinen die Gegner

Das gestehen ihr ihre politischen Gegner zu: Nach harter Debatte könne man mit ihr ein Bier trinken und lachen, sagt Andri Silberschmidt – Präsident der Jungfreisinnigen. Doch argumentiere sie sehr ideologisch: «Bei den Jungen weckt sie Wünsche nach einer anderen Welt, und das ist, wo wir uns auch debattieren. Aber ich denke nicht, dass sie als Juso-Präsidentin den Anspruch hat, eine breite Bevölkerungsschicht abzuholen.»

Ihr sozialistischer Ansatz sei keine Antwort auf die aktuellen Probleme, sagt auch SVP-Nationalrat Lukas Reimann. Er rechnet ihr aber an «dass sie nicht eine ist, die für den Arbeiter spricht, aber nicht weiss, was arbeiten heisst. Sondern sie ist selber schon an der Kasse der Migros gesessen und hat für einen tiefen Lohn hart gekrampft.»

Sozialisationsinstanz Reitschule Bern

Gastronomie, Fabrik, Gewerkschaft, Universität – all das bringt Tamara Funiciello in ihrem Lebenslauf unter. Zurzeit ist sie aber ausschliesslich politisch aktiv:

«  0 Prozent Uni, etwa 120 Prozent Juso-Präsidium und etwa noch 10 bis 20 Prozent Stadtrat. »

Teil ihrer Biographie ist auch das Berner Kulturzentrum Reitschule: Ihre Eltern hatten sich während der bewegten 1980er-Jahre für mehr Freiraum eingesetzt. Sie selbst verkehrte bereits ab 14 Jahren dort und sagt heute, sie sei in der Reitschule gross geworden. Politisiert im Elternhaus, in der Schweiz und in Italien, wo sie Kindergarten und Primarschule besucht hat:

«  Meine Eltern haben mir immer aufgezeigt, dass man ändern kann, was einen stört, und das habe ich gemacht. »

Jetzt, kurz vor ihrem 27. Geburtstag, ist es rund um die Reitschule einmal mehr zu Ausschreitungen mit Polizeieinsatz gekommen: Verletzte auf beiden Seiten. Fehler auf beiden Seiten, resümiert sie: «Ich bin gegen Gewalt in allen Situationen. Wir sind schlauer als Gewalt und von der Staatsgewalt erwarte ich halt einfach wirklich ein bisschen mehr. Da müssen wir endlich deeskalierend wirken, sonst ist das ein Pulverfass und das muss einfach aufhören.»

Das müsse aufhören, sagen auch SVP-Exponenten. Sie kritisieren aber die Rolle der Linken bei den Krawallen. Benjamin Fischer von der Jungen SVP sagt, Funiciello messe rechtsextrem und linksextrem nicht mit der gleichen Elle.

Bei der inzwischen abgesagten Demonstration gegen die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative in Bern habe Tamara Funiciello kritisiert, «dass dort Personen mit rechtsradikalem Gedankengut mitlaufen könnten, während die Stadt bereits massiv unter linksextremistischen Krawallen leidet, die dann aber von Tamara Funiciello dann noch gerechtfertigt werden», erklärt Fischer. Funiciello bestreitet das.

Tamara Funiciello vor einer Juso-Fahne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Streitbar, revolutionär, klassenkämpferisch und Reitschule-sozialisiert: Juso-Präsidentin Tamara Funiciello. Keystone

Konfrontation auch innerhalb der SP

Sie teilt aus und kann einstecken – auch aus den eigenen Reihen: Sie zerzaust die Altersreform 2020 von SP-Bundesrat Alain Berset, sieht den Klassenkampf überall und findet harte Worte für den rechten Reformflügel der SP. Harte Worte kämen auch zurück, sagt sie.

Nationalrat Cedric Wermuth – früherer selber einmal Juso-Präsident, der das Spiel mit der Provokation ebenfalls verstanden hat, meint: «Wir sind als Partei sehr stolz darauf, dass wir die einzige Jungpartei haben, die in der Lage ist, so viel politischen Radau zu veranstalten.»

Sie mache ihren Job wohl nicht so schlecht, sagt auch sie selbst. Doch statt im nächsten Jahr ihr Studium in Geschichte und Sozialwissenschaften abzuschliessen, wie einmal geplant, glaubt sie an eine neue Welt:

«  Dieser Glauben bringt mich dazu, es jeden Tag wieder zu versuchen, und das finde ich das wunderschönste und inspirierendste, das es auf der Welt gibt. »

Denn für Funiciello sind es nicht die Realisten, welche die Welt verändern.

Das Gespräch führte Christine Wanner.

Jahresversammlung Juso

Die Jahresversammlung der Juso fordert die Abschaffung der Grenzen, sichere und legale Fluchtwege und das Recht auf Migration und eine weltweite Niederlassungsfreiheit. Armut sei als Asylgrund anzuerkennen.

SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga, Justizministerin, nahm an der Versammlung teil und kommentierte die Forderung wie folgt: «Die Analyse ist ein wertvoller Diskussionsbeitrag. Es ist wichtig, dass wir auch über die Ursachen der Migration reden. Dass die Juso bei der Suche nach konkreten Lösungen teilweise zu anderen Schlussfolgerungen kommt als der Bundesrat, ist für mich selbstverständlich.»