Tankstellenbesitzer zahlt 100'000 Franken für Mordaufklärung

In Zürich erregt dieser Tage ein schon fast vergessener Kriminalfall Aufmerksamkeit. Ein Tankstellenbesitzer hat eine rekordhohe Belohnung von 100'000 Franken ausgesetzt. So soll neuer Wind in die Ermittlungen um den Mord an seiner Frau kommen. Der Anfang einer Zweitklassenjustiz?

Strafrechtsprofessor Martin Kilias im Gespräch

3:15 min, aus SRF 4 News aktuell vom 11.03.2014

Vor fünf Jahren sorgte der sogenannte Tankstellenmord von Zürich für Aufsehen: Die Frau des Tankstellenbesitzers wurde von einer unbekannten Person mit einem Küchenmesser erstochen. Die Mutter von zwei Mädchen starb noch bevor die Rettungskräfte eintrafen. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren, aber auch ein Zeugenaufruf bei «Aktenzeichen XY» half nichts. Die Polizei tappt seither im Dunkeln.

Nun geht der Mann der getöteten Frau in die Offensive. Er bietet 100'000 Franken aus seinem privaten Vermögen für Hinweise, die zur Täterschaft führen. Was bedeute das für die Justiz, wenn die Opfer die Ermittlungen mit Belohnungen am Laufen halten müssen?

Letzte Hoffnung für hoffnungslose Fälle

Bis zu einem gewissen Grad habe das auch die Polizei schon immer gemacht, erklärt Strafrechtsprofessor Martin Kilias im Gespräch mit SRF. Es gebe Fälle, da könne man nur noch hoffen, gegen Geld einen Tipp einer Person aus dem Umfeld zu erhalten.

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Zur Person

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Bis zu seiner Emeritierung an der Universität Zürich war Martin Kilias dort als Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie tätig. Von 2013 bis 2018 doziert er an der Universität St. Gallen als Gastprofessor ebenfalls für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie.

Dass durch die Ausschreibung solcher Belohnungen die Gefahr bestehe, dass die Ermittler künftig nur noch gute Informationen gegen gutes Geld erhalten, glaubt Kilias nicht. Mitinformierte würden nicht so zynisch planen und erst sprechen, wenn die Belohnung eine gewisse Höhe erreicht habe.

Aber es gebe kaum Studien zu diesem Thema, gibt der Strafrechtsprofessor zu bedenken. «Wir haben immer Vorstellungen, was die Polizei bewirken könnte, wenn sie dies und das tut. Aber letztendlich haben wir enttäuschend wenig gesichertes Wissen.»

Vorstufe der Zweitklassenjustiz?

«Zu einem gewissen Grad für plausibel» hält Kilias die These, dass die Ausschreibung von so hohen Belohnungen durch Private eine Vorstufe zur Zweitklassenjustiz sei. Dennoch: «Es ist nicht so, dass die Polizei nichts tut», stellt der Strafrechtsprofessor klar. Die Ermittlungen mache die Polizei sowieso.

Aber in gewissen Fällen komme die Polizei mit den üblichen Methoden wie Spurenauswertungen oder Datenbanken konsultieren einfach nicht weiter. Durch das Ausschreiben einer Belohnung korrumpiere man aber nicht die Polizei, sondern das Milieu, stellt Kilias klar.