«Viele kleine Gletscher werden ganz verschwinden»

Die Gletscher werden bis Mitte Jahrhundert um drei Viertel ihrer Fläche schrumpfen. Kleinere Gletscher werden verschwinden. Stoppen lässt sich der Schwund nicht, da sind sich die Glaziologen Samuel Nussbaumer und David Volken einig.

BildlegendeDer Unterer Grindelwaldgletscher 2015 und 1866. (Bilder: Sammlung Heinz J. Zumbühl/S. Nussbaumer)

SRF News Online: Das Wort Gletscherschwund ist zurzeit in aller Munde. Ist die Lage tatsächlich so dramatisch?

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Zur Person

Samuel Nussbaumer

Samuel Nussbaumer promovierte am Geographischen Institut der Universität Bern über historische Gletscherschwankungen in den Alpen und in Skandinavien. Zurzeit ist er als Postdoc am World Glacier Monitoring Service (Universität Zürich) und am Departement für Geowissenschaften an der Uni Fribourg tätig.

Samuel Nussbaumer: Besonders für gewisse Regionen, wo das Wasser aus vergletscherten Gebieten eine wichtige Lebensgrundlage darstellt – zum Beispiel zentrale Anden oder Zentralasien – , ist der beobachtete Gletscherrückgang sicher dramatisch. Auch der Untere Grindelwaldgletscher im Berner Oberland zeigt momentan einen so starken Zerfall seiner Eiszunge, wie ich das noch nie gesehen habe.

David Volken: Seit 1850 hat sich Gletschereisemenge in den Schweizer Alpen halbiert. In den letzten Jahren hat sich der Rückgang gar beschleunigt. Im Hitzesommer 2003 haben die Gletscher in der Schweiz drei bis fünf Prozent des Eisvolumens verloren. Dieses Jahr gehen wir davon aus, dass der Schwund wieder in der Grössenordnung von zwei bis drei Prozent sein wird. Es kann durchaus sein, dass wir noch mehr verlieren, je nachdem wie heiss der Herbst noch wird.

Wie werden sich die Gletscher in Zukunft entwickeln?

Nussbaumer: Klimaszenarien zeigen, dass wir im Jahr 2050 etwa noch ein Viertel der Gletscherfläche haben werden, viele kleine Gletscher werden ganz verschwunden sein. Ende des 21. Jahrhunderts werden wir Gletscher nur noch in den höchstgelegenen Lagen vorfinden. Je nach gewähltem Szenario erfolgt diese Entwicklung rascher oder weniger rasch, am Endzustand ändert sich jedoch wenig. Wir werden ein anderes Bild der Alpen haben als heute.

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Zur Person

David Volken

David Volken Ist Hochwasser und Gletscherexperte beim Bundesamt für Umwelt (BAFU). Er erhielt seinen Doktortitel der Naturwissenschaften der ETH Zürich für seine Abhandlung «Mesoklimatische Temperaturverteilung im Rhone- und Vispertal».

Volken: Die Gletschermodellierungen, die innerhalb eines BAFU-Projekts durchgeführt wurden, zeigen uns, dass bis zum Ende des Jahrhunderts noch etwa zehn Prozent vom heutigen Eisvolumen übrig bleiben werden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Aletschgletscher hat zur Zeit noch 18 Kubikkilometer Eis – das sind 18 Würfel mit einer Kantenlänge von einem Kilometer. Bis im Jahr 2100 wird das Eis voraussichtlich auf 1,7 Kubikkilometer zurückgehen. Es bräuchte 30 bis 40 kühle Sommer, bis der Aletschgletscher wieder vorstossen würde.

In der Schweiz ist die Temperatur seit 1850 um durchschnittlich zwei Grad (Ende der Kleinen Eiszeit) angestiegen. Im Vergleich mit dem globalen Mittel ist die Erwärmung in der Schweiz damit doppelt so hoch. Dies hat bereits heute Auswirkungen auf die Schneefallgrenze, die in der Schweiz um durchschnittlich 200 bis 300 Meter in den letzten 150 Jahren angestiegen ist.

Etwas zugespitzt: Wird es Ende Jahrhundert überhaupt noch Gletscher in den Alpen geben?

Nussbaumer: In den höchsten Regionen wird es sicher noch Eis geben. Ich rede hier von einem Zeithorizont von etwa 100 Jahren. Was anschliessend kommt, hängt von der Klimaentwicklung ab. Was wir auch beachten müssen, ist die Verzögerung, mit der jeder Gletscher auf eine Klimaänderung reagiert. Die Gletscher widerspiegeln das Klima der letzten 20 bis 30 Jahre. Das heisst, würde sich das Klima nicht mehr weiter erwärmen, würden die Gletscher trotzdem weiter zurückgehen, bis sie ein neues Gleichgewicht gefunden haben.

In den letzten Jahren wurden Schutzmassnahmen getroffen. Inwiefern greifen sie?

Nussbaumer: Eine Möglichkeit, vor allem der Gletscherschmelze im Sommer entgegenzuwirken, ist die Abdeckung des Gletschers respektive eines kleinen Teils des Gletschers. Lokal sind solche Massnahmen effizient, man kann mehrere Meter Eis «retten» pro Saison. Allerdings muss man klar sehen, dass es unmöglich ist, einen ganzen Gletscher abzudecken oder mit Schneekanonen einzuschneien. Der Gletscherschwund lässt sich nicht aufhalten.

Volken: Mit der Abdeckung verlangsamt sich die Eisschmelze um 50 bis70 Prozent. Das ist jedoch «Pflästerlipolitik». Wie mein Kollege bereits gesagt hat: Man kann nicht hunderte Quadratkilometer Gletscherfläche damit abdecken. Es braucht andere Massnahmen, wie die Reduzierung der Treibhausgase.

BildlegendeDer Rhone-Gletscher 2015 im Vergleich zu 2013. (Bild: D. Volken)
BildlegendeEigergletscher 2009 und um 1900. (Bild: S.Nussbaumer)
BildlegendeDer Aletschgletscher 2005 und um 1900. (Bild: pd)

Diese Interviews wurden geführt von Sharon de Wolf.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Gletscherschmelze

    Aus Rundschau vom 26.8.2015

    Noch ist der Hitzesommer nicht vorbei, aber schon jetzt ist klar: Die warmen Temperaturen lassen die Gletscher in den Alpen dramatisch schmelzen und die Schneegrenze weiter steigen. Das Skiparadies Schweiz ist in Gefahr und bringt den Tourismus unter Druck. Die «Rundschau» berichtet über Zukunftsperspektiven trotz Steinwüsten im Hochgebirge - und Hoffnungen trotz grüner Hänge im Unterland.

  • Sommer 2015: Massiver Gletscherschwund im Wallis

    Aus Schweiz aktuell vom 26.8.2015

    Das Wallis ist das Wasserschloss der Schweiz. 80% des Schweizer Gletschereises liegen dort. Untersuchungen des Bundesamt für Umwelt BAfU zeigen nun jedoch, dass der rekordverdächtig warme Sommer das «ewige Eis» in hohem Masse schmelzen liess. David Volken, Gletscher- und Klimaexperte des BAfU, sieht in einigen Jahrzehnten das Walliser Hochgebirge auf nur mehr wenige kleine Gletscher reduziert.