Warum die Gewerkschaften in der Krise nicht wachsen

Seit der Finanzkrise 2008 ist der Schweizer Arbeitsmarkt unter Dauerdruck. Mittlerweile sind auch die Auswirkungen der Frankenstärke deutlich spürbar. Die Stunde der Gewerkschaften und Berufsverbände als Interessenvertreter des «kleinen Mannes»? Mitnichten. Die Mitgliederzahlen sinken weiter.

Zwei Gewerkschafterinnen allein im Regen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Trübe Aussichten für die Gewerkschaften: Sie haben Mühe, neue Mitglieder zu akquirieren. Keystone

Im Februar dieses Jahres erreichte die Arbeitslosenquote in der Schweiz mit 3,8 Prozent ein Sechsjahreshoch. Auf die Auswirkungen der Wirtschaftskrise von 2008 folgten vergangenes Jahr jene des Frankenschocks. Begleitet von Gegenmassnahmen wie Kurz- und Mehrarbeit. Und die Konjunkturprognosen bleiben bescheiden. Ein weites Betätigungsfeld für Interessenvertreter der Arbeitnehmer, würde man meinen. Doch die Gewerkschaften schwächeln. Trotz der schwierigen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt geht der Mitgliederschwund insgesamt weiter.

Waren in den späten 70er-Jahren, nach dem Konjunktureinbruch ab 1974, phasenweise über 900'000 Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert, sind es heute noch gut 700'000. Tendenz insgesamt weiter abnehmend.

Auch in besonders betroffenen Branchen weniger Gewerkschafter

Eine Ausnahme stellt diesbezüglich zwar die Unia dar, deren Mitgliederzahlen seit 2011 insgesamt dank Zuwachsen insbesondere im Dienstleistungsbereich leicht ansteigen. Ausgerechnet im Bereich Industrie, die besonders unter dem Frankenschock leidet, verlor jedoch auch die grösste Schweizer Gewerkschaft Mitglieder.

«Die unmittelbare Angst um den Arbeitsplatz ist oft eine existenzielle Angst», sagt Präsidentin Vania Alleva. «Da steht die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft nicht an erster Stelle.» Angesichts eines erfolgten oder drohenden Jobverlusts sei es auch eine finanzielle Frage, ob sich jemand einen Mitgliederbeitrag überhaupt leisten könne, bestätigt Nina Scheu von der Gewerkschaft Syndicom.

Um über fünf Prozent sanken die Mitgliederzahlen der drittgrössten Schweizer Gewerkschaft 2015. Stellenstreichungen bei der Post, der Swisscom oder Druckereien hätten Syndicom nicht mehr, sondern weniger Mitglieder beschert. Gerade in einem schwierigen Arbeitsmarktumfeld fürchteten viele Arbeitnehmer als Gewerkschaftsmitglied auch Nachteile am Arbeitsplatz.

Gesellschaftliche Veränderungen setzten Gewerkschaften zu

Davon unabhängig sieht Scheu die sinkenden Mitgliederzahlen der Gewerkschaften jedoch auch in einer gesellschaftlichen Veränderung begründet: «Die Entpolitisierung hat dazu geführt, dass die Leute die Rolle der Gewerkschaften nicht mehr wahrnehmen.» In der heutigen Konsumgesellschaft stelle Solidarität keinen Wert mehr dar.

Verändert hat sich seit den 1970er-Jahren, als über 900'000 Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert waren, auch die Wirtschaftsstruktur. Einen grossen Teil der Industrie, deren Arbeiter fast automatisch Gewerkschafter wurden, gebe es heute nicht mehr, sagt Politikwissenschaftler Manuel Fischer.

Auch der politische Einfluss der Gewerkschaften nimmt ab

Er attestiert den Gewerkschaften neben dem Mitgliederschwund der vergangenen Jahrzehnte auch einen Verlust an politischem Einfluss. Die vorparlamentarische Phase von politischen Entscheidungsprozessen habe seit den 1970er-Jahren an Bedeutung verloren, schreibt er in einer Studie zu Entscheidungsstrukturen in der Schweizer Politik.

«Früher wurde Vieles zwischen den Sozialpartnern ausgehandelt, bevor es zur Debatte ins Parlament kam», sagt Fischer. In diesen Verhandlungen hätten auch die Gewerkschaften grosses Gewicht gehabt. In Zeiten grosser medialer Aufmerksamkeit und politischer Polarisierung seien die Akteure gezwungen, schon in der vorparlamentarischen Phase öffentlich extreme Positionen zu vertreten. «Das erschwert vertrauliche Verhandlungen, die Entscheide fallen viel häufiger im Parlament, wo Verbände und Gewerkschaften viel geringeren Einfluss haben», sagt Fischer.