Diskussion um Sterbehilfe «Wenn der Tod dauernd ein Thema ist, stumpft man ab»

Immer mehr Menschen treten einer Sterbehilfe-Organisation bei. Doch viele Altersheime wehren sich dagegen, zum Sterbehospiz zu werden. Auch die Tilia-Stiftung in Bern.

  • In Alters- und Pflegeheimen ist der assistierte Suizid immer häufiger gefragt. Doch viele Heime wehren sich gegen aktive Sterbehilfe.
  • Es herrscht Kantönligeist: Während in der Waadt und in Neuenburg die subventionierten Heime Sterbehilfe zulassen müssen, entscheidet in Basel oder Bern jede Pflegeeinrichtung selber.
  • In Bern etwa verbietet die Tilia-Stiftung in ihren sechs Wohn-und Pflegeheimen die Sterbehilfe. Sie will nicht zum Sterbehospiz werden.

«Tilia pflegt und begleitet» steht auf der Glastüre am Eingang zum Pflegeheim in Wittigkofen am Stadtrand von Bern. Es ist ein dreistöckiger moderner Bau mit viel Glas. Hier leben 90 Menschen in verschiedenen Wohngruppen.

Darunter sind schwerst pflegebedürftige Menschen, die auf künstliche Beatmung angewiesen sind, an Multipler Sklerose oder anderen Erkrankungen des Gehirns und der Nerven leiden, oder Tetraplegiker. Der Tod gehört zum Alltag in diesem Pflegeheim.

Aktive Sterbehilfe ist nicht erlaubt

«Sterben ist für uns kein Tabuthema», sagt Ursula Hafed, Pflegeexpertin und Betriebsleiterin bei der Tilia-Stiftung. Doch wie es zum Sterben kommt und wie der Tod geschieht – damit wolle man sich hier sorgfältig auseinandersetzen.

Das heisst, der Tod soll kommen, wenn es Zeit für ihn ist, und nicht dann, wenn man ihn ruft. Darum ist aktive Sterbehilfe in den Tilia-Räumlichkeiten nicht erlaubt. Vielmehr werden die Patienten nach den Grundsätzen der Palliative Care bis zum Tod gepflegt, das Leiden und die Schmerzen werden gemildert.

«Unser Ziel ist, die Menschen so abzuholen, dass sie es nicht nötig haben, auf einen assistierten Suizid hinzusteuern», beschreibt Hafed die Haltung der Tilia-Stifung.

Haus und Eingang von aussen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Tilia-Pflegeheim am Stadtrand von Bern. srf/Brigitte Mader

Pflegende zweifeln nach Suizidfall an ihrer Arbeit

Die Heimleiterin war in ihrem Leben einmal mit einer assistierten Selbsttötung konfrontiert. Damals arbeitete sie noch als Pflegefachfrau in einem anderen Pflegeheim. Der Fall habe dazu geführt, dass die Angestellten an ihrer Arbeit zu zweifeln begannen. Sie fragten sich, was sie zu wenig gut gemacht hätten, dass die betreffende Person den Suizid gewählt habe.

Für die Tilia-Stiftung ist diese Belastung für das Personal allerdings nicht der einzige Grund, warum sie der Sterbehilfe gegenüber kritisch eingestellt ist. Und auch religiöse Überlegungen spielten dabei keine Rolle, heisst es.

Polizei stört die Ruhe nach einem Todesfall

Wenn jemand mit einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben scheidet, kommen der Gerichtsmediziner und die Polizei, um auszuschliessen, dass Gewalt im Spiel war. Dadurch bekomme der Tod etwas Anrüchiges, sagt Ana Delgado, die seit drei Jahren als Pflegefachfraum im Pflegeheim in Wittigkofen arbeitet.

Polizei und Spurensicherung müssten den Aufenthaltsraum durchqueren, um zu den Zimmern zu gelangen, so Delgado weiter. Dies würde grosse Unruhe ins Heim bringen. Das sei genau das Gegenteil dessen, wenn jemand aus natürlichen Gründen sterbe: «Dann kommt die Stille. Die Angehörigen kommen und nehmen Abschied.» Werde diese Stille durch die Behörden unterbrochen, sei das wie ein Schnitt.

«  Der Tod wird zum Selbstbedienungsladen. »

Ursula Hafed
Betriebsleiterin bei der Tilia-Stiftung

Drei Frauen stehen in einer Reihe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Von links: Ana Delgado, Ursula Hafed und Ärztin Sima Dadelahi. srf/Brigitte Mader

Auch erhalte der Tod ein ganz anderes Gewicht, wenn nur eine Person pro Jahr im Heim sterbe, als wenn man jede Woche Todesfälle habe, sagt Heimleiterin Hafed. «Wenn der Tod dauernd ein Thema ist, stumpft man entweder ab, oder der Tod wird zum Selbstbedienungsladen.» Deshalb wollten die Tilia-Pflegeheime keine Sterbehospize werden.

Dass hier keine Sterbehilfe geleistet werde, sei nicht etwa von der Geschäftsleitung entschieden worden, fährt Hafed fort. «Wir haben den Entscheid zusammen gefällt – und er ist gut durchdacht.»

Trotzdem lässt sich die Berner Pflegeinstitution eine Hintertür offen. Sollte bei einer Bewohnerin oder einem Bewohner der Wunsch nach Sterbehilfe dauerhaft bestehen, sucht man gemeinsam nach einer Lösung. Doch diese erfolgt ausserhalb des Pflegeheims.