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Schweiz Wie SRF über Terror und Terroristen berichtet

Attentäter streben nach Ruhm und Aufmerksamkeit. Sie zählen darauf, dass die Medien ihre Gräueltaten und Terrorbotschaft weiterverbreiten. Deswegen hat SRF entschieden, keine Bilder und Namen der Täter mehr zu zeigen. Fredy Gsteiger, Mitglied der Chefredaktion Radio, nimmt Stellung zum Entscheid.

Rose in einem Einschlussloch in einem Pariser Café nach der Terrorserie vom 13.11.15
Legende: Dilemma zwischen Information und Propaganda: Werden Medien zu Erfüllungsgehilfen der Terroristen? Reuters

SRF News: Beim Radio stellt sich zwar die Frage nach den Bildern nicht. Aber was können wir dazu beitragen, uns nicht von Terroristen instrumentalisieren zu lassen?

Fredy Gsteiger: Zunächst einmal, dass wir die Berichterstattung über solche Fälle nicht unnötig aufblähen. Wir müssen uns fragen, was Terroristen und Amokläufer wollen. Sie wollen Aufmerksamkeit, sie wollen eine psychologische Wirkung und sie wollen Angst erzeugen.

Die reale Wirkung von Terrorismus ist ja nicht besonders gross, wenn man sich die Opferzahlen anschaut. Kriege, Autounfälle und Grippewellen sind viel tödlicher. Da gibt es viel mehr Opfer.

Für uns als Medienschaffende heisst das, dass wir uns bewusst sein müssen, dass Terrorismus über Propaganda funktioniert. Die Medien spielen dabei eine Schlüsselrolle. Für uns heisst das, keine Täterprofile, keine Porträts machen, keine Namen nennen und eben nicht erlauben, dass sich Terroristen durch unsere Berichterstattung – nach ihrem Verständnis – sogar noch zu Helden werden. Ganz konsequent würde das heissen, dass wir gar nicht mehr über Terrorismus berichten.

Warum berichtet SRF trotzdem darüber?

Wir sind zwar wichtige Akteure, aber wir haben kein Informationsmonopol, erst recht nicht nach dem Aufkommen von Facebook, Instagram, Twitter, Websites von Terrororganisationen, usw. Das heisst, die Leute erfahren davon ohnehin, auch wenn wir nicht darüber berichten.

Wenn sie es nicht von den etablierten Medien erfahren, vernehmen sie es meistens zugespitzt, tendenziös, propagandistisch. Wir müssen deshalb minimale und seriöse Informationen liefern. Wir müssen Wahrheit von Spekulationen trennen. Wir müssen in der Sache zurückhaltend und im Ton nüchtern berichten.

Worauf haben Sie sich von der Chefredaktion bei SRF bei ihrem Entscheid gestützt? Gibt es Untersuchungen zum Einfluss, welchen die Medien auf die Entwicklung des Terrorismus haben?

Ja, es gibt viele solche Untersuchungen, die eine besondere Verantwortung der Medien nahelegen. Im Einzelfall ist es zwar in der Regel schwierig zu beweisen, dass Tat A Tat B nach sich gezogen hat. Aber es gibt oft klare Indizien wie etwa im Fall München. Da war offenkundig, dass der dortige Täter vom früheren Attentäter in Norwegen inspiriert war. Und auch die Tatsache, dass wir diesen Sommer geradezu eine Kaskade von Fällen erlebt haben, deutet darauf hin, dass gegenseitige Inspiration im Spiel war.

Verschiedene Redaktionen entscheiden individuell auch sehr unterschiedlich. Gibt es auch Absprachen in solchen publizistischen Fragen?

Im konkreten Fall hat es diese Absprachen zwischen Fernsehen SRF, Radio SRF und SRF Online gegeben. Es gibt auch viele Diskussionen in anderen Gremien und Chefredaktionskonferenzen verschiedener Zeitungen.

Es gibt sie auch an internationalen Medienkongressen. Aber es gibt keine Einigkeit über Redaktionen hinweg. Es wollen sich nicht alle den gleichen Prinzipien unterwerfen. Das hängt mit dem journalistischen Selbstverständnis zusammen und damit, dass manche Quoten bolzen und Auflage machen wollen. Es gibt nun mal Redaktionen, die weiterhin an einer eher spektakulären, umfassenden, manchmal dramatisierenden Berichterstattung festhalten wollen.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

SRF zeigt keine Attentäter

Terroristen streben nach Aufmerksamkeit und Ruhm. Sie zählen darauf, dass sie durch ihre Gräueltaten berühmt werden und so ihre Botschaften verbreiten können. SRF verzichtet deshalb darauf, Bilder und Namen von Attentätern zu zeigen. Dasselbe gilt für Propagandamaterial der Täter oder für aufgezeichnete Video-Botschaften.

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31 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Man muss nicht informieren.. ich meinesf.. ANDERE tun es eh und haerter und dann haben wir noch das ganze Potential des Internet zV..also spielt es keine Rolle was ihr tut.
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  • Kommentar von Bruno Janthiang (Bruno Janthiang)
    Einerseits eine gute Sache. Andererseits öffnet es Türen für Hassverbreitet. Nehmen wir den Fall in der SOB in Sales. Wäre da nicht aufgeklärt worden, dass der Mann jahrelang mit Hetze, Mobbing und lächerlich machen MISSBRAUCHT worden wäre, hätten doch all die Hetzer und Verschwörer frei Hand und das ganze dem IS zugeschoben. Aber so weiss man, dass das nichts mit Islam oder sonst einer Religion zu tun hatte. Alles hat 2 Seiten.
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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    an das SRF-Team + SRF-Direktion: Es ist gesetzeswidrig, wenn nicht über Tatsachen und Wahrheiten berichtet wird. Leider Berichtet SRF auch nicht über den Vormarsch von LePen in Frankreich, AfD in Deutschland, SpÖ in Österreich usw. Zwischendurch wird mal in einem Beitrag ohne Kommentarmöglichkeit etwas davon erwähnt. Ich bitte SRF dringend, zu ordnungsgemässen und wirklichkeitsnahen Berichterstattung zurück zu kehren. Ihr seid ja die "Angestellten" des Volks +das Volk muss die Wahrheit erfahren.
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    1. Antwort von SRF News
      Sehr geehrter M. Roe, SRF berichtet regelmässig LePen, Afd, SPÖ. Die Berichterstattung erfolgt gemäss publizistischem Auftrag und Leitlinien und der Konzession des Bundes. Angestellt sind wir SRF-Journalisten von der SRG: eine Trägerschaft, bestehend aus mehreren genossenschaftlich organisierten Regional-Verbänden. Um den Auftrag des Bundes zu erfüllen – nämlich den Sprachregionen der Schweiz Informationsversorgung zu garantieren, erhält sie einen grossen Teil der vom Bund erhobenen Rundfunkgebühren.
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