Wie ticken unsere Auswanderer?

Wenn von Migranten die Rede ist, reden wir fast immer von Einwanderern. Es gibt aber auch jene, die aus der Schweiz auswandern. Über 750‘000 Auslandschweizer gibt es. Bei Abstimmungen spielen sie auch mal das Zünglein an der Waage.

Eine kleine Schweizerfahne steckt auf einer Europakarte in Deutschland Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Über 60 Prozent der Auslandschweizer leben in Europa. Interessant: 56 Prozent von Ihnen sind Frauen. Lara Studer

Wenn man das Ausland als eigenen Kanton zählen würde, wäre es der drittgrösste. Nur noch Zürich und Bern haben mehr Einwohner als es Auslandschweizer gibt. Das Land, in dem die meisten Schweizer wohnen, ist Frankreich, es folgen Deutschland und die USA.

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Die ASO

Die Auslandschweizer-Organisation (ASO) vertritt die Interessen der Auslandschweizer in der Schweiz. Sie besteht aus rund 750 Schweizer Vereinen und Institutionen in aller Welt und wurde 1916 gegründet. Sie feiert diese Woche in Bern ihr 100. Jubiläum.

150'000 Stimmende

Auch wenn sich nur rund jeder fünfte Auslandschweizer als Wähler registriert hat, so können sie doch ab und zu das Zünglein an der Waage spielen. So zuletzt geschehen beim neuen Radio- und Fernsehgesetz vor einem Jahr, zu dem die Auslandschweizer deutlich Ja sagten. Angenommen wurde die Vorlage mit weniger als 4'000 Stimmen Vorsprung.

Thomas Milic vom Zentrum für Demokratie Aarau hat das Wahl- und Abstimmungsverhalten von Auslandschweizern analysiert und bilanziert: «Auslandschweizer stimmen wirtschaftsliberaler und eher links. Gerade in europapolitischen Fragen stimmen sie öffnungsorientierter.»

Für den Job im Ausland

Die Auslandschweizer sind denn auch kein Querschnitt der Schweizer Bevölkerung. Sie sind überdurchschnittlich ausgebildet, fast 60 Prozent haben einen Universitätsabschluss, wie das Institut gfs.bern vor einigen Jahren feststellte. Viele seien aus beruflichen Gründen oder zum Studieren im Ausland.

Das wirke sich auf das Abstimmungsverhalten aus. Sieht man sich die letzten 50 Abstimmungen an, erkennt man in der Tat gewisse Tendenzen. So haben linke Anliegen besser abgeschnitten als im Inland, rechte Anliegen schlechter. Das Minarettverbot, die Ausschaffungs- sowie die Masseneinwanderungs-Initiative fanden im Ausland keine Mehrheit.

Insgesamt seien die Gemeinsamkeiten zwischen Ausland- und Inlandschweizern aber grösser als die Unterschiede, findet Milic. Dank dem Internet könnten sich Auslandschweizer gut über die Schweiz informieren und so an der politischen Meinungsbildung teilnehmen. In den aufgelisteten Abstimmungen waren sich Ausland- und Inlandschweizer denn auch in vier von fünf Abstimmungen einig.

Viele Stimmen für Links-Grün

Auch das Wahlverhalten ist ähnlich, aber etwas linker: Die SP erhielt bei den letzten nationalen Wahlen am meisten Stimmen aus dem Ausland. Es folgten SVP, FDP und die Grünen. Letztere verloren auch im Ausland deutlich, gleich wie im Inland.

Die Parteien haben das Wählerpotential der «Fünften Schweiz» – in Anlehnung auf die vier Landessprachen der Schweiz – längst für sich entdeckt. Sie alle haben einen internationalen Ableger, schalten Werbung in Auslandschweizer-Magazinen oder treten bei den Wahlen mit Auslandschweizern an. Für die SP Zürich ging dieser Plan auf: Mit Tim Guldimann wurde 2015 zum ersten Mal ein Auslandschweizer ins Parlament gewählt.