Nationalrat: Bürgerliche mit bester Ausgangslage

Die FDP war die grosse Gewinnerin bei den Zürcher Wahlen, auch die SVP legte leicht zu. Auf der linken Seite blieb die SP zwar stabil, die Grünen und die Grünliberalen hingegen mussten massive Verluste hinnehmen. Für die Nationalratswahlen zeichnet sich ein Rechtsrutsch ab.

zh Wählerstärken bei den Zürcher Nationalratswahlen seit 1991 Die GLP trat im Kanton Zürich 2007 erstmals bei den nationalen Wahlen an, die BDP 2011. Angaben in Prozent. Bundesamt für Statistik

Ob Baselland, Luzern, Bern, Tessin oder Zürich: Bei kantonalen Wahlen ging die FDP in diesem Jahr stets als strahlende Siegerin hervor. Offenbar setzt die Wählerschaft in wirtschaftlich schwierigen Zeiten (Stichwort Frankenstärke) gerne auf eine Wirtschaftspartei wie die FDP.

Nach vielen Jahren mit stetig sinkendem Wähleranteil hat die FDP deshalb berechtigte Hoffnung, auch bei den nationalen Wahlen im Herbst auftrumpfen zu können. Sorgen machen müssen sich hingegen Grüne, Grünliberale und die BDP: Sie verloren bei kantonalen Wahlen Wähleranteile und/oder Sitze.

Die Parteien und ihre Entwicklung bis 2011 im Überblick

  • Grösste Partei seit 24 Jahren ist die SVP: Sie kam bei den letzten Wahlen auf einen Wähleranteil von fast 30 Prozent. Die SVP konnte bei nationalen Wahlen kontinuierlich zulegen, erst 2011 musste sie erstmals wieder Verluste hinnehmen. Trotz vielen Sitzen im Nationalrat schaffte sie es in den vergangenen acht Jahren nicht mehr in den Ständerat: Ihre beiden letzten Kandidaten, Ueli Maurer und Christoph Blocher, mussten sich von GLP-Frau Verena Diener geschlagen geben.
  • Die SP kommt auf einen Wähleranteil von fast 20 Prozent und ist damit die zweitstärkste Partei. Über die letzten zwei Jahrzehnte gesehen, ist sie einigermassen stabil geblieben. Auch sie hat schon lange keinen Sitz mehr im Stöckli: Die letzte SP-Ständerätin war Emilie Lieberherr von 1978 bis 1983.
  • Die einst stolze FDP befindet sich seit Jahrzehnten im Sinkflug: 2011 konnte sie gerade noch 11,6 Prozent Wähleranteil für sich verbuchen. Unberührt vom stets sinkenden Wähleranteil ist der Sitz im Ständerat: Seit über 30 Jahren ist die Zürcher FDP immer im Ständerat vertreten.
  • Fast gleich stark wie die FDP ist die GLP: Sie war 2007 zum ersten Mal dabei und erreichte auf Anhieb sieben Prozent Wähleranteil. 2011 betrug dieser 11,5 Prozent. Seit acht Jahren ist die Partei mit Verena Diener auch im Ständerat vertreten.
  • Die grüne Partei hat über die Jahre gesehen einige Schwankungen hinter sich, ist aber insgesamt stabil geblieben mit einem Wähleranteil von 8,4 Prozent.
  • Ein Auf und Ab ist es auch bei der CVP: In den letzten zwei Jahrzehnten schwankte sie zwischen einem Wähleranteil von fünf bis sechs Prozent. 2007 verbuchte sie mit 7,6 Prozent einen kurzzeitigen Höhenflug. 2011 betrug der Wähleranteil wieder genau fünf Prozent.
  • Ebenfalls zwei Mandate stellt die BDP. Die aus einer Abspaltung von der SVP entstandene Partei trat bei den Schweizer Parlamentswahlen 2011 erstmals bei nationalen Wahlen an. Ihr Wähleranteil im Kanton Zürich betrug 5,3 Prozent.
  • Mit einem Sitz ist die EVP vertreten. Die Partei kämpft seit Jahrzehnten mit Wählerverlusten. Ihre einzige Nationalrätin Maja Ingold tritt im Herbst als Ständeratskandidatin an.

Weniger Bauern, mehr Akademiker bei der SVP

Porträt Bortoluzzi und Porträt Binder. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Toni Bortoluzzi (l) und Max Binder räumen ihre Sessel im Nationalrat. Keystone

Einen markanten Umbruch gibt es bei der SVP: Mit Max Binder und Toni Bortoluzzi treten zwei politische Schwergewichte der SVP nicht mehr an: Beide politisierten 24 Jahre lang im Nationalrat.

Auf mehr oder weniger sanften Druck der Parteileitung machen sie nun Jüngeren Platz. Der 68-jährige Hans Fehr (20 Jahre im Nationalrat) wurde hingegen von der Parteileitung noch einmal nominiert.

Anstatt Bauern und Handwerker schickt die Partei vermehrt Akademiker in die Räte: Jurist Hans-Ueli Vogt kandidiert für den Ständerat und Weltwoche-Chef Roger Köppel für den Nationalrat. Sie nehmen auf der SVP-Wahlliste aber nicht wie erwartet einen Spitzenplatz ein, sondern sind auf Platz 10 (Vogt) und Platz 17 (Köppel) aufgeführt.

SP mit bewährten und mit frischen Kräften

Bei der SP werden gleich mehrere Sitze frei: Jacqueline Fehr hat ihr Amt als Regierungsrätin in Zürich angetreten, Andreas Gross - auch er seit 24 Jahren im Nationalrat - tritt zurück. Auch der Sitz von Daniel Jositsch könnte zu besetzen sein, falls er in den Ständerat gewählt wird. Anwärterinnen und Anwärter gibt es viele: Zum Beispiel die 27-jährige Kantonsrätin Mattea Meyer, die sich auf der Wahlliste der SP überraschend den 4. Platz erkämpft hat, noch vor den beiden bisherigen Martin Naef und Chantal Galladé. Gerne in den Nationalrat einziehen würde unter anderem auch Fabian Molina von den Jungsozialisten. Gespannt darf man auch auf das Abschneiden des Schweizer Botschafters in Berlin, Tim Guldimann, sein.

Die FDP im Alleingang auf Erfolgskurs

Nach den guten Resultaten bei verschiedenen kantonalen Wahlen ist die FDP zuversichtlich, ihren Wähleranteil wieder steigern zu können, und zwar im Alleingang. Obwohl der Erfolg bei den Zürcher Wahlen nicht zuletzt dem bürgerlichen 5er Ticket zu verdanken war, kam für die Wahlen im Herbst weder eine Listenverbindung für die Nationalratswahlen noch ein bürgerliches Bündnis mit der SVP für die Ständeratswahlen zustande.

Zu gross sind die gegenseitigen Vorbehalte. Vor allem mit der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative und der neuen SVP-Initiative zum Völkerrecht gäbe es auf nationaler Ebene grosse politische Differenzen, sagte zum Beispiel FDP-Präsident Beat Walti gegenüber dem «Regionaljournal».

Frischer Wind bei den Grünen

Für die Grünen sind die Aussichten nach den kantonalen Wahlen getrübt: In Zürich verloren sie ihren Sitz im Regierungsrat und sechs Sitze im Kantonsrat. Grüne Themen haben es momentan schwer, der «Fukushima-Effekt» ist verpufft.

Elena Marti, Nationalratskandidatin der Zürcher Grünen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Elena Marti, Jungpolitikerin und neue Hoffnung der Grünen zvg

Neue Kräfte sollen dem Trend entgegenwirken: An der Spitze der grünen Wahlliste steht überraschend die erst 20-jährige Elena Marti. Trotz ihres jugendlichen Alters ist sie politisch nicht unerfahren: Sie trat bereits mit 14 Jahren den Jungen Grünen bei und hat schon zwei Wahlkämpfe bestritten; für den Zürcher Gemeinde- und den Kantonsrat.

Der 65-jährige Daniel Vischer verzichtete hingegen auf eine erneute Kandidatur. «Ich wollte verhindern, dass die Grünen am Ende mit Bastien Girod, Balthasar Glättli und mir drei Männer nach Bern schicken», begründete er seinen Entscheid gegenüber dem «Regionaljournal».

GLP mit dünner Personaldecke

Eine Schlappe müssen auch die Grünliberalen verkraften: Bei den Zürcher Wahlen verloren sie fünf Sitze im Kantonsrat. Ihr Problem: Sie müssen noch einmal ganz auf ihr Zugpferd und Ständeratskandidaten Martin Bäumle setzen. Obwohl die Partei über interessante Köpfe verfügt, sind diese offenbar zu wenig bekannt. Grünliberale Kandidaturen, sei es für den Winterthurer oder Zürcher Stadtrat, scheiterten bis jetzt regelmässig. Ihre Nationalratsliste wird denn auch von den vier Bisherigen angeführt, auf Experimente wollten sich die Grünliberalen nicht einlassen.

Stabile Verhältnisse bei CVP und EVP, zittern bei der BDP

Die CVP kann sich berechtigte Hoffnungen machen, ihre zwei Sitze halten zu können. Auch die EVP wird wohl ihren Sitz behalten. Spannend wird es bei der BDP: Erstmals 2011 angetreten, droht die Partei auch schon wieder in der Versenkung zu verschwinden. Die kantonalen Wahlen verheissen diesbezüglich nichts Gutes.

Facts & Figures

Der Kanton Zürich ist mit rund 1'443'000 Einwohnern der bevölkerungsreichste Kanton der Schweiz. Er stellt deshalb auch mit Abstand am meisten Nationalrätinnen und Nationalräte, nämlich 34. Bei den Wahlen im Herbst werden es aufgrund des Bevölkerungswachstums sogar 35 sein. 28 Bisherige treten wieder an (siehe Tabelle). Werden sie alle wiedergewählt, ziehen nach den Wahlen sieben Neulinge in den Nationalrat.

Zurzeit vertreten 24 Männer und zehn Frauen die Interessen des Kantons Zürich im Nationalrat. Besonders krass ist das Geschlechterverhältnis bei der SVP: Auf zehn Männer kommt mit Natalie Rickli nur eine Frau. Auch bei den Grünen sah es bisher nicht besser aus: Sie schickten nur Männer in den Nationalrat. Alle drei kamen zudem aus der Stadt Zürich. Im Mai gab der 65-jährige Daniel Vischer dann allerdings bekannt, im Herbst nicht mehr antreten zu wollen.

Diese bisherigen Nationalräte stellen sich erneut zur Wahl

SVP
Hans Egloff, Aesch, seit 2011 - Hans Fehr, Eglisau, seit 1995 - Alfred Heer, Zürich, seit 2007 - Thomas Matter, Meilen, seit 2014 - Christoph Mörgeli, Stäfa, seit 1999 - Natalie Rickli, Winterthur, seit 2007 - Gregor Rutz, Zürich, seit 2012 - Ernst Schibli, Otelfingen, seit 2014 - Jürg Stahl, Winterthur, seit 1999
SPJacqueline Badran, Zürich, seit 2011 - Chantal Galladé, Winterthur, seit 2003 - Thomas Hardegger, Rümlang, seit 2011 - Martin Naef, Zürich, seit 2011
FDPDoris Fiala, Zürich, seit 2007 - Ruedi Noser, Wetzikon, seit 2003 - Hans-Peter Portmann, Thalwil, seit 2014 - Beat Walti, Zollikon, seit 2014
GLPMartin Bäumle, Dübendorf, seit 2003 (bis 2007 für die Grünen) - Tiana Angelina Moser, Zürich, seit 2007 - Thomas Maier, Dübendorf, seit 2011 - Thomas Weibel, Horgen, seit 2007
GrüneBastien Girod, Zürich, seit 2007 - Balthasar Glättli, Zürich, seit 2011
CVPKathy Riklin, Zürich, seit 1999 - Barbara Schmid-Federer, Männedorf, seit 2007
BDPRosmarie Quadranti, Volketswil, seit 2011 - Rudolf Winkler, Ellikon a.d. Thur, seit 2015
EVPMaja Ingold, Winterthur, seit 2010

(Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 17:30 Uhr)