politbox ausser Puste: Durch die Stadt im Rollstuhl

In einer Stadt wie Basel ist man zu Fuss gut bedient. Der ÖV kommt pünktlich, es gibt überall Trottoirs und Fussgängerzonen mit hübschem Kopfsteinpflaster. Doch wie ist das eigentlich, wenn man im Rollstuhl sitzt? politbox machte eine «Rundfahrt» mit neuen Perspektiven – ein Erfahrungsbericht.

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politbox-Erfahrungsbericht: Im Rollstuhl durch Basel

7:13 min, aus Politbox vom 10.9.2015
Menschen sitzen gemütlich am Fluss Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Am Rhein: Eines der vielen Fotos, die der Streetfotograf bei seiner Arbeit unterwegs in der Stadt gemacht hat. Simon Hitzinger/Hitzigraphy

Es war ein einziger Augenblick, der Simon «Hitzi» Hitzingers Leben veränderte. Der junge Basler besuchte vor vier Jahren eine Party. Die Schwachstelle war das Geländer eines Balkons. Der damals 17-Jährige fiel zwei, drei Stockwerke herunter. «Etwa zwölf Meter», erzählt er.

Er überlebte – seither ist er allerdings von der Brust abwärts querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Sieben Monate lang war er in der Rehabilitation. «Ich habe richtig Gas gegeben dort», sagt Hitzi.
Heute lebt er ein eigenständiges Leben: Der 22-Jährige mit einer Leidenschaft für farbige Sonnenbrillen und knallbunte Shirts bewohnt eine eigene, hübsche Zweizimmerwohnung in Kleinbasel, geht gerne mit Freunden in den Ausgang und arbeitet als selbständiger Streetfotograf. «Beauty-of-the-world-catcher» nennt er sich – die Schönheit des Lebens will er mit der Linse einfangen.

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Wichtigster Handgriff: Bremsen anziehen

Das tut er auch ständig, während wir gemeinsam durch Kleinbasel rollen. Ein Kind rennt über den Spielplatz. Eine junge Frau zündet sich eine Zigarette im Windschatten eines Hauseingangs an. Ein älterer Herr guckt grimmig auf die Tramanzeige. Alles Momente, in denen sich die Schönheit des Lebens präsentiert.

Ich wollte wissen, wie es ist, mit dem Rollstuhl unterwegs zu sein. Es ist das erste Mal, dass ich in einem solchen sitze. Erstaunlich leicht geht es zu Beginn – wo das Trottoir gerade ist und die Menschen zur Seite gehen. Mein Begleiter erklärt mir die wichtigsten Handgriffe: vor, zurück, Rollstuhl kippen, Bremsen anziehen. «Wenn du stehst, immer die Bremsen anziehen», erklärt er.

Es zieht in den Oberarmen!

Wir fahren die Clarastrasse entlang. Die ersten Herausforderungen machen sich bemerkbar: Hier steht ein Kind im Weg, dort steht ein Kleiderständer vor einem Laden – und mir vor den Rädern. Am Claraplatz wird mir etwas mulmig: Hier fahren sechs Busse und fünf Trams. In mir steigt ein bisschen Panik auf, doch Hitzi verspricht mir, mich sicher über die vielen Gleise zu bringen. Schräg drüber sei das Geheimnis. «Man bleibt sonst stecken – die sind tricky», wird mir erklärt.

Nach rund einer Stunde zieht es langsam in den Oberarmen. Überall lauern Hindernisse, über die ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht habe: Schachtdeckel, Löcher im Asphalt, Kopfsteinpflaster. Letzteres ist echt anstrengend. Und dann diese Trottoirränder: Auf und ab, und jedes Mal muss man den Rollstuhl kippen. Was ich meist nicht auf Anhieb schaffe und fast rauskippe. Und immer wieder diese Bremsen! Beim Anhalten vergesse ich sie anzuziehen, beim Losfahren zu lösen. Hitzi lacht. Anfängerfehler.

«Es wird immer noch mit Treppen gebaut»

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Am Rheinweg lässt er mich etwas Luft holen. Zeit für ein paar Fragen, die mir auf der Zunge liegen. Ich verstehe langsam in Ansätzen, wie die Welt für jemanden aussieht, der nicht zu Fuss unterwegs sein kann. Beim Thema Rollstuhlgängigkeit von Gebäuden wird seine Stimme lauter: «Der Grossteil der Wohnhäuser wird immer noch mit Treppen gebaut.» Und oft seien angepasste Bauten nicht durchdacht: «An den Bahnhöfen hat es fast immer Rampen. Doch die sind oft so steil, das geht nur für ein Velo, aber nicht für einen Rollstuhl – ganz egal, wie viele Muskeln man hat.»

Was das heisst, merke ich, als ich auf dem Rückweg einen Berg hochgejagt werde. Berg ist natürlich übertrieben – es ist eine leichte Steigung, die sich über etwa 200 Meter hinzieht. Für mich fühlt es sich an wie eine Ewigkeit. Während ich mit meinem Gefährt ziemlich ins Schwitzen komme, erklärt mir Hitzi pirouettenfahrend, welche Muskeln im Oberkörper benutzt werden und wie man sie entlastet.

Zwei Menschen bei einer Mauer am Fluss Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mit seiner Kamera will Hitzinger «den Moment einfangen». Simon Hitzinger/Hitzigraphy

Fortbewegung ist oft zu selbstverständlich

Nach zwei Stunden Fahrt sind wir wieder dort angekommen, wo wir gestartet sind. Mein charmanter Begleiter hätte alleine wohl nicht einmal halb so lang für die Strecke gehabt. «Am Anfang ist es schwierig, ich hatte auch Mühe damit», tröstet mich Hitzi. Ich parkiere den Rollstuhl rückwärts wieder an seinem Platz und stehe auf.

Ein bisschen nachdenklich haben mich die vergangenen zwei Stunden schon gemacht. Anstrengend war es. Aber ich habe einen Einblick in eine andere Art der Fortbewegung erhalten, die oft so selbstverständlich ist – für die meisten. Und ich weiss nun, was Hitzi meint, wenn er sagt, er spreche nicht gerne von «Behinderung». Denn mitten im Leben stehen kann man auch im Rollstuhl.