Was machen Sie, wenn Sie abgewählt werden?

Grüne, GLP, CVP und BDP müssen laut SRG-Wahlbarometer um ihre Sitze im Nationalrat zittern. Keine einfache Ausgangslage für Kandidaten dieser Parteien.

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Bildlegende: Wie kann man mit wenig Mitteln trotzdem auffallen? CVP-Nationalrat Urs Schläfli setzt auf Strohballen-Männchen. zvg

Warum wollen so viele in den Nationalrat?

4:24 min, aus SRF 4 News aktuell vom 17.09.2015

FDP, SVP und SP dürfen sich Hoffnungen machen: Laut dem SRG-Wahlbarometer gehören sie am 18. Oktober zu den Gewinnern. Doch wie ist es, wenn man für die Grünen, GLP, CVP oder BDP politisiert? Diese Parteien haben in den jüngsten kantonalen Wahlen zum Teil herbe Verluste erlitten. Gerade bei weniger bekannten Politikern könnte es deshalb knapp werden. Vier von ihnen erzählen, wie sie im Wahlkampf damit umgehen.

  • Urs Schläfli ist CVP-Nationalrat aus dem Kanton Solothurn. Bei den Wahlen 2011 erhielt er im Kanton von jenen Kandidaten, die einen Sitz ergatterten, am wenigsten Stimmen. Dazu kommt, dass der Kanton einen Nationalratssitz abgeben muss.
  • Josias Gasser ist GLP-Nationalrat aus Graubünden. Den Sprung ins Parlament schaffte er 2011 auch dank geschickter Listenverbindungen der GLP mit SP und Grünen. Dieses Mal strebt die SP einen zweiten Nationalratssitz an – auf Kosten der GLP.
  • Christine Häsler ist Grünen-Nationalrätin aus Bern. Sie ist erst im Juni für den zurückgetretenen Alec von Graffenried ins Parlament nachgerutscht und von den drei Berner Grünen-Nationalrätinnen die am wenigsten bekannte.
  • Rosmarie Quadranti ist BDP-Nationalrätin aus dem Kanton Zürich. Bei den kantonalen Wahlen in Zürich hat die BDP einen Sitz verloren; im Kanton Bern waren es 2014 gar deren elf.

Ihrer Partei werden bei den Wahlen Verluste vorhergesagt. Wie macht sich das im Wahlkampf bemerkbar?

Rosmarie Quadranti (BDP): Die BDP hatte noch nie eine gute Ausgangslage, wir sind uns das gewohnt. Im Wahlkampf versuche ich aufzuzeigen, was wir erreicht haben und dass wir eine sachliche, unaufgeregte Politik betreiben.

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Bildlegende: «Die BDP hatte noch nie eine gute Ausgangslage», sagt BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti. Keystone

Josias Gasser (GLP): Die Prognosen interessieren mich nicht. Die Grünliberalen haben bisher immer besser abgeschnitten, als dass die Prognosen es vermuten liessen. Von daher macht mir das keine Angst. Dennoch: Ich unternehme mehr als vor vier Jahren.

Christine Häsler (Grüne): Ich bin lange genug in der Politik, um zu wissen, dass wir gefordert sind. Das Gute an schlechten Prognosen ist aber: Sie treiben einen an. Gute Prognosen sind viel gefährlicher, weil man sich dann eher zurücklehnt.

Urs Schläfli (CVP): Ich investiere mehr Zeit in den Wahlkampf als vor vier Jahren, das ist sicher so. Trotzdem ist mein Wahlkampfbudget relativ bescheiden. Ich hoffe aber, dass Geld alleine nicht den Ausschlag gibt.

Wie gut kann man die eigenen Chancen einschätzen, gewählt zu werden?

Urs Schläfli (CVP): Ich habe noch vor keiner Wahl gedacht, dass ich den Sitz auf sicher habe – irgendwie hat es trotzdem immer geklappt. Die eigenen Chancen einzuschätzen, finde ich aber schwierig. Auch, weil man ja vor allem sieht, was man selber unternimmt. Überhaupt lebt man als Politiker manchmal in einer eigenen Welt. Meine Wahlchancen? Ich würde sagen, zwischen 0 und 100 Prozent.

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Bildlegende: «Ich habe noch vor keiner Wahl gedacht, dass ich den Sitz auf sicher habe», sagt CVP-Nationalrat Urs Schläfli. Keystone

Christine Häsler (Grüne): Ich glaube, ich kann das relativ gut einschätzen – es ist ja nicht mein erster Wahlkampf; ich war zehn Jahre lang Geschäftsleiterin der Grünen im Kanton Bern. Meine Wahlchancen schätze ich auf 50:50. Wenigstens versuche ich, mir das einzureden.

Josias Gasser (GLP): Ich finde eine Einschätzung sehr schwierig, weil jene Leute, die an eine Veranstaltung kommen, einen ja meist gut gesinnt sind. Deshalb gebe ich mir Mühe, meine Chancen nicht zu überschätzen. Ich würde sagen, sie stehen bei 50:50.

Rosmarie Quadranti (BDP): Ich starte vom ersten Listenplatz aus und denke positiv – ich würde sagen, meine Wahlchancen belaufen sich auf 80 Prozent.

Gibt es ein schönes Wahlkampf-Erlebnis, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist? Und ein schlechtes?

Josias Gasser (GLP): Wir hatten vor zwei Wochen relativ kurzfristig ein Wahlkampf-Fest organisiert; gleichzeitig war auch noch Jagdsaison. Dennoch sind rund 150 Menschen gekommen; eine Frau hatte sogar glp-Muffins gebacken mit grünen glp-Bonbons oben drauf.

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Bildlegende: «Schlechte Erlebnisse sind im Wahlkampf selten», sagt GLP-Nationalrat Josias Gasser. Keystone

Schlechte Erlebnisse gibt es selten. Obwohl, da kommt mir in den Sinn: Eines morgens am Bahnhof kritisierte mich ein SVP-Anhänger wegen der Rikscha-Fahrten, die ich im Rahmen meines Wahlkampfes unternehme. Das gehe ja wohl gar nicht, als Grünliberaler die Rikscha mit dem Auto zu einer Wahlveranstaltung zu bringen, statt selber über die Pässe hin zu fahren, sagte er. Zudem ärgerte er sich über die Windanlage in Haldenstein, die ich betreibe. Ich antwortete ihm, dass er Recht habe, viel besser sei es ja wohl, überall AKWs und Kohlenkraftwerke hinzupflastern. Er wurde dann immer lauter, bis ich auf einmal merkte, dass seine Worte im Bahnhof richtiggehend widerhallten. Da wurde mir die Diskussion dann selbst ein wenig peinlich und ich habe nur noch Jaja gesagt, damit der Mann sich wieder beruhigt.

Urs Schläfli (CVP): Mich hat überrascht, wie viele Leute, die ich nur am Rande kenne, ihre Hilfe angeboten haben. Beispielsweise, um Plakate aufzuhängen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass jemand das freiwillig macht (lacht). Weniger Freude macht es mir, wenn Plakate verunstaltet werden, auch wenn mir das persönlich noch nicht passiert ist.

Christine Häsler (Grüne): Vor einigen Monaten hatten wir einen Anlass in einem dunklen, verstaubten Säli in einem Dorf-Restaurant. Es waren nicht sehr viele Leute da. Plötzlich tauchte eine alte Schulfreundin auf, die ich seit 30 Jahren nicht gesehen hatte. Sie hatte gelesen, dass ich da auftrete und kam deshalb vorbei. Das hat mich sehr gefreut. Schwierig finde ich, dass es in den Medien kaum bemerkt wird, wenn man seriöse Arbeit leistet. Aber wenn ich jetzt vor dem Bundeshaus hinfallen und mir die Strümpfe zerreissen würde, wäre das sofort einen Artikel wert.

Rosmarie Quadranti (BDP): Mich überrascht es immer wieder, wenn entfernte Bekannte anbieten, für mich Flyer zu verteilen. Am meisten freue ich mich über die vielen lieben Worte. Vor kurzem hat mir eine Freundin geschrieben: «Bleib, wie du bist, du wirst es schaffen.» Leider gibt es auch weniger nette Mails. Eine davon lautete: «Machen Sie sich endlich mit ihrer Bundesrätin zusammen vom Acker.» – Wir werden alles daran setzen, dass genau das nicht zutrifft.

Was machen Sie, falls Sie nicht gewählt werden?

Christine Häsler (Grüne): Das wäre schade, aber eine Welt würde nicht zusammenbrechen. Ob ich in der Politik bleiben würde? Ich glaube nicht. Ich würde mich wieder mehr in der Kultur und im sozialen Bereich engagieren.

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Bildlegende: «Meine Wahlchancen schätze ich auf 50:50», sagt Grünen-Nationalrätin Christine Häsler. Keystone

Josias Gasser (GLP): Das Leben geht weiter. Ich wüsste die Lücke zu füllen, davor habe ich keine Angst. Ich würde die Plakate abhängen und diejenigen im Wahlkampfteam trösten, die traurig sind. Klar ist: Wenn es nicht reicht, war’s das. Ein weiteres Mal trete ich nicht an.

Urs Schläfli (CVP): Dann gehe ich ein paar Tage mit meiner Frau in die Berge, um etwas Abstand zu kriegen.

Rosmarie Quadranti (BDP): Erstmal wäre ich traurig, weil ich gerne weiter Politik gemacht hätte. Doch dann bin ich sicher, dass irgendwo eine Tür aufgeht.