Folgen des Brexit «Der Finanzplatz London bleibt wichtig»

Jede siebte Firma in Grossbritannien denkt über eine Umsiedlung in die EU nach. Weniger betroffen dürfte die Finanzindustrie sein.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Als Folge des Brexit erwägen viele britische Unternehmen, zumindest Teile aufs europäische Festland zu verlagern.
  • Dies zeigt eine Umfrage von EY (Ernest & Young).
  • Für den Finanzplatz London allerdings ist Marcel Stalder zuversichtlich. Dieser werde wichtig und gross bleiben, ist der bei EY für den Schweizer Markt verantwortliche Stalder überzeugt.

SRF News: Welches ist im Zusammenhang mit dem Austritt Grossbritanniens aus der EU die grösste Sorge der britischen Unternehmen?

Marcel Stalder: Sie sorgen sich um den Zugang zum europäischen Markt. Es ist die gleiche Sorge, welche auch Schweizer Unternehmen hatten oder haben – und weswegen Bern mit Brüssel die Bilateralen Verträge ausgehandelt hat und in weiteren Bereichen aushandeln möchte. Daneben beschäftigen auch Entwicklungen wie der starke Kursverlust des britischen Pfundes die Unternehmer im Vereinigten Königreich. Dies drückt auf die Margen jener Firmen, welche Waren ins Land importieren und dort verkaufen. Alles in allem leidet die britische Wirtschaft bislang allerdings noch kaum unter dem Brexit.

Symbolbild: Menschen vor dem London Tower, einer hat einen Regenschirm aufgespannt, der die britische Flagge zeigt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Noch ist unklar, wie stark der Gegenwind für die Briten nach dem Austritt aus der EU wird. Reuters

Ist das billige Pfund nicht eine Chance für die britischen Exporteure? Ihre Produkte werden dadurch im Ausland ja billiger...

Das ist so. Auch muss man wissen, dass Grossbritannien mehr in die EU exportiert als es daraus importiert. Es gibt also einen Handelsüberschuss aus Sicht Grossbritanniens. Diese Tatsache wird London bei den Verhandlungen mit Brüssel sicher in die Waagschale werfen. Eine spezielle Stellung hat zudem die britische Finanzindustrie: Ein Grossteil der Investitionen in Europa wird von London aus organisiert und finanziert. Die EU wird sich gut überlegen müssen, was es für die europäische Wirtschaft bedeuten würde, wenn man den Zugang der britischen Finanzindustrie zu Kontinentaleuropa einschränken würde.

Jede 7. Firma denkt über Umzug nach

Gemäss der Umfrage der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY (Ernest & Young) erwägt jedes siebte im Vereinigten Königreich aktive Unternehmen, zumindest Firmenteile auf den europäischen Kontinent zu verlagern. Erste Alternative für die betroffenen Unternehmen ist demnach Deutschland: 54 Prozent nennen die grösste Volkswirtschaft der EU als bevorzugtes Ziel, gefolgt von den Niederlanden (33 Prozent) und Frankreich (8 Prozent). Die Schweiz wird von den in Grossbritannien aktiven Firmen nur vereinzelt als Umzugsziel genannt. Für die Studie hat EY mehr als 250 internationale Unternehmen befragt.

Auch viele Schweizer Banken und Versicherungen machen ihre Geschäfte von London aus. Wie gross ist ihr Wille, aus der Metropole abzuwandern?

Der Finanzplatz London wird auch in Zukunft gross und wichtig bleiben: Ein Drittel der Finanzgeschäfte bedient den Heimmarkt, ein weiteres Drittel die USA und Asien. Nur das letzte Drittel des Geschäfts betrifft Kontinentaleuropa. Insofern sind zwei Drittel des Geschäftsvolumens, das in London abgewickelt wird, vom Brexit gar nicht betroffen. Deshalb bleibt London auch für die Schweizer Grossbanken und Finanzinstitute wichtig. Trotzdem muss man nun zuerst die Verhandlungen mit der EU abwarten und schauen, wie das Ergebnis aussieht. Sicher ist, dass die Attraktivität des Finanzplatzes London durch den Brexit nicht gestärkt, sondern eher abnehmen wird. Bedeutungslos wird er deswegen aber nicht werden.

Das Gespräch führte Maren Peters.