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Wirtschaft Detailhandel steckt in der Ausverkaufs-Falle

Es ging ordentlich bergab im Schweizer Detailhandel im vergangenen Jahr: Die Umsätze fielen um 2,3 Prozent, so stark wie noch nie seit Beginn der Erhebungen vor 25 Jahren. Thomas Hochreutener, Detailhandelsexperte beim Forschungsinstitut GfK, hofft auf eine Wende.

Eine Frau geht vor einem Schaufenster vorbei. An der Scheibe steht «Letzte Tage, alles muss raus».
Legende: Teufelskreis: Die Kundschaft gewöhnt sich an hohe Rabatte und akzeptiert Normalpreise nicht mehr. Keystone

SRF News: Sind Sie von den schlechten Detailhandelszahlen 2015 überrascht?

Thomas Hochreutener: In ihrer Ausprägung schon. Wir haben vielleicht 1,5 bis 2 Prozent erwartet, wobei wir ganz klar unterscheiden müssen: Der Lebensmittelbereich stagniert. Aber im Non-Food-Bereich haben wir einen starken Rückgang. Bei Mode und Bekleidung gab es im letzten Jahr ein markantes Minus von 5 Prozent. Es gibt einige Firmen, die nicht mehr auf dem Markt sind. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres zeichnet sich sogar ein noch stärkerer Rückgang ab.

Das Minus kommt daher, dass einige Ladenketten zugemacht haben?

Einige mussten dicht machen, andere haben die Preise markant gesenkt. Und wenn die Kundinnen und Kunden einkaufen, kaufen sie nicht zwei oder drei Paar Hosen, nur weil sie jetzt 10 Prozent günstiger sind. Also hat man am Schluss weniger in der Kasse, während die Kosten gleichbleiben. Das wirkt sich dann voll auf die Marge aus.

Die Alternative zur Rabattschlacht wäre wirkliches Marketing.

Das heisst, der Preiskampf macht sich in den Gesamtumsätzen bemerkbar?

Ja. Wir haben heute praktisch das ganze Jahr über Ausverkauf statt wie früher nur zweimal pro Jahr. Es wird teilweise mit 20, 50 oder sogar 70 Prozent Rabatt gelockt. Manchmal schon im Mai für die kommende Sommersaison, also sehr früh. Wenn man die Preise so stark senkt, wird es natürlich schwierig, die Umsätze zu halten.

Hält der Trend zu immer mehr Rabatten an? Oder kommen wir an einen Wendepunkt?

Ich hoffe, dass wir an so einen Punkt kommen. Denn es ist ein Teufelskreis: Die Leute gewöhnen sich an Rabatte und kaufen dann nicht mehr zu Normalpreisen ein. Nächstes Mal erwarten sie, dass wieder Rabatte gewährt werden. Und die sollen dann auch noch immer höher sein. Dieser Kreis sollte einmal durchbrochen werden.

Was wären die Alternativen zu der Rabattschlacht, wie sie heute stattfindet?

Die Alternative wäre wirkliches Marketing. Es gibt schöne Beispiele wie etwa Nespresso. Ich habe noch nie gesehen, dass Nespresso 20 oder 50 Prozent Rabatt gibt. Aber es funktioniert. Die Leute kaufen die Kapseln trotzdem. Aber es braucht natürlich auch den Durchhaltewillen und sehr grosse finanzielle Mittel, um anfängliche Durststrecken durchzustehen. Und diese haben nicht alle.

Das Gespräch führte Samuel Emch.

Thomas Hochreutener

Thomas Hochreutener

Der Detailhandelsexperte ist für das Marktforschungsinstitut GfK in Hergiswil NW tätig. GfK ist nach eigenen Angaben das grösste Marktforschungsinstitut in der Schweiz. Es wurde 1959 als Institut für Haushaltsanalysen gegründet und ist seit 1999 Teil der deutschen GfK-Gruppe in Nürnberg.

Online auf Vormarsch

Im Schweizer Detailhandel wurden 2015 insgesamt 95,4 Milliarden Franken umgesetzt. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Minus von 2,2 Milliarden oder 2,3 Prozent. Im Online- und Versandhandel wuchs der Umsatz letztes Jahr dagegen um 7 Prozent – auf 7,2 Milliarden Franken. (sda)

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Heidy Rüegg (heidy70)
    Wenn ich ein Buch brauche muss ich mit der Bahn (Fr.20,-) in die Stadt fahren. Dann hat das Geschäft das Buch nicht an Lager, muss es bestellen und mir nachher nachschicken kostet nochmals (Fr.6.95) Fast Fr. 30.- ausgegeben und das Buch habe ich noch nicht. Im Internet wird das Buch ausreichend beschrieben.Ich bestelle es und 2 Tage später habe ich das Buch ohne Porto bezahlen zu müssen, und das Buch ist noch einige Franken billiger als im Buchladen. Das ist kein Märchen.
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  • Kommentar von u. Felber (Keule)
    das Rezept dazu ist innovation. etwas anbieten, was der andere laden um die ecke nicht hat. denn sobald etwas auf dem markt in masse zu haben ist, ist es nichts mehr wert!
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  • Kommentar von Benjamin Thiel (BThiel)
    Ich zahle für ein Velo nicht CHF 1000 wenn ich es im Internet für 500 bekomme. Mit dem Rest kann ich mal ein schönes Wochenende haben. Wieso so soll ich für ein Ladengeschäft bezahlen das ich garnicht brauche? Für ein Verkaufsgespräch das ich nicht will? Also hab ich die Wahl dem Velomech 500 zu schenken oder dem Wochenende mit Schatzi. Die Welt dreht sich weiter. Es braucht neue Geschäftsmodelle. Dann kostet eine Verkaufsberatung halt nach Zeit.
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    1. Antwort von u. Felber (Keule)
      das ist ja gut und recht. aber sich vorher die Beratung im laden zu holen und dann zu hause im Netz bestellen ist dann aber auch nicht korrekt...
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    2. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Alles finden Sie auf Youtube. Tests, Testimonials, Reparaturvorgänge, Bedienungsanleitungen - einfach alles. Sorry. Nix gegen Velofachleute...
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    3. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Das Internet ersetzt den Handel nicht in allen wichtigen Belangen, profitiert aber von seinen Dienstleistungen. Viele Käufer wollen bei etwas grösseren Ausgaben das zur Diskussion stehende Produkt lieber zuerst sehen und anfassen. Mittlerweile sehen sich sogar Elektronikdiscounter mit grossen Ladenflächen mit dieser Herausforderung konfrontiert. Ihre Online-Shops müssen die Läden mitfinanzieren, was automatisch zu einem Preisnachteil gegenüber von reinen Versandhändlern führt.
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