Wegen Frankenstärke «Die Politik muss den Werkplatz Schweiz retten»

Die Wirtschaft wächst, die Konjunktur zieht an – also alles eitel Sonnenschein? Mitnichten: Viele KMU in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) ächzen unter den Folgen des Frankenschocks.

  • Trotz im europäischen Vergleich sehr guter Arbeitslosenzahlen: Die KMU in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) leiden unter der Frankenstärke.
  • Roland Goethe vom Branchenverband Swissmechanic fordert die Politik auf, endlich zu handeln.
  • Und: Die Nationalbank soll die Euro-Franken-Anbindung auf 1.20 heraufsetzen.

SRF News: Warum trifft die Frankenstärke diese MEM-Unternehmen so hart?

Roland Goethe: Die KMU der MEM-Branche sind die Zulieferer der Industrie und wir sind indirekt exportgefährdet. Denn 80 Prozent unserer Waren gehen (über die Schweizer Abnehmer, Anm. d. Red.) ins Ausland.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern – gibt es Unternehmen, die wirklich keinen Spielraum mehr haben?

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Zur Person

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SRF

Roland Goethe ist Präsident von Swissmechanic, des Arbeitgeberverbands der KMU in der MEM-Branche (Maschinen-, Elektro- und Metall). Zudem ist er Inhaber der Metallverarbeitungsfirma Goethe in Glarus.

Vor drei Monaten habe ich einen Zulieferer für die Industrie besucht, der acht Angestellte hat. Der grösste Teil seiner Arbeit ging ins Ausland weg. Er steht ohne seine Kunden da. Nicht weil er schlechter geworden ist, sondern weil er zu teuer ist im Vergleich mit dem Euroraum.

Sie fordern seit langem mehr Unterstützung. Etwa die Euro-Franken-Anbindung der Nationalbank von 1.20. Passiert ist bisher nichts – haben Sie noch Hoffnung?

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir sind immer noch der Meinung, man müsse den Franken an den Euro anbinden. Wenn man die Schweiz und Deutschland vergleicht, sieht man an den Umsatzzahlen seit dem Frankenschock eindeutig, dass es ein Wechselkursproblem gibt. Die KMU bzw. die MEM-Branche sind nicht schlechter, sondern schlichtweg teurer geworden.

Wenn der Kunde in Euro bezahlt. Leider sieht es aber so aus, dass die SNB nicht von ihrer Politik abweicht. Darum möchten wir mit ihr zusammensitzen und andere Vorschläge einbringen. Etwa denjenigen eines KMU-Fonds, damit diese wieder investieren können. Denn dafür verdienen wir zurzeit einfach zu wenig.

Ein weiteres Problem sind Bankkredite. Für Banken sind KMUs mittlerweile zu einer Art Risiko-Investment geworden. Kommen sie noch an Geld?

Wenn wir an Geld kommen, ist es sehr teures Geld. Die Banken sehen uns tatsächlich als Risikobetriebe. Wenn wir versuchen, Übergangskredite zu bekommen, müssen wir sechs bis acht Prozent Zinsen zahlen. Das ist in der jetzigen Zeit definitiv zu teuer.

«  Ständig wird davon gesprochen, dass die KMU die Stütze der Wirtschaft sind. Trotzdem wird nichts gemacht. »

Was müsste die Politik tun?

Sie lässt uns im Stich. Wir haben einen Bruttoinlandsprodukt-Anteil von etwa 20 Prozent. Ständig wird davon gesprochen, dass die KMU die Stütze der Wirtschaft sind. Trotzdem wird nichts gemacht. Man soll uns doch gleich sagen: ‹Wir brauchen euch nicht mehr›, statt uns in jeder Rede zu erklären, wie gut und wichtig wir sind.

Haben KMU in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie überhaupt noch eine Zukunft in der Schweiz?

Wir glauben nach wie vor an den Werkplatz Schweiz. Wir versuchen auch, unsere Mitarbeitenden zu halten. Unsere Umfrage zeigt ganz klar auf: 61 Prozent unserer Swissmechanic-Mitglieder behalten ihr Personal, auch wenn sie es sich zurzeit nicht leisten können. Die Arbeitslosenquote ist zwar allgemein nicht so hoch. In der MEM-Branche sind aber weit über 12'000 Arbeitsplätze auf dem Werkplatz Schweiz verloren gegangen seit dem Frankenschock. Die Zahlen sehen deshalb besser aus, weil im Dienstleistungs- und Gesundheitssektor und vor allem in der öffentlichen Verwaltung ein überdurchschnittliches Beschäftigungswachstum zu verzeichnen war.

Wo sehen Sie die MEM-Branche in fünf Jahren?

Wir werden stark sein, wir werden hier in der Schweiz sein. Aber wir können das nicht allein schaffen. Die Politik muss aufwachen und uns endlich helfen. Auch wenn es immer wieder heisst, der Frankenschock sei überwunden. Das ist er definitiv nicht.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

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