Die treuen Kunden aus Fernost

Der starke Franken belastet den Schweizer Tourismus. Ferien sind für Gäste aus dem Euro-Raum über Nacht massiv teurer geworden. Doch nicht überall setzt man nur auf Kunden aus Europa. In Interlaken entwickelt man schon seit Jahren Konzepte für Touristen aus Asien und dem Nahen Osten.

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses setzt vor allem eine Branche gewaltig unter Druck: den Schweizer Tourismus. Für kurzfristige Buchungen und die Sommersaison zeichnen sich unter heutigen Währungsverhältnissen gewaltige Umsatzeinbussen ab.

In Interlaken setzt die Branche nun schon seit Jahren auf Gäste aus Fernost. Touristen, welche von ausserhalb des EU-Raums anreisen, machen einen Grossteil der Übernachtungen in der malerischen Gemeinde am Fusse der Jungfrau aus. Fast 60 Prozent waren es im Jahr 2014.

Diversifikation schafft Sicherheit

In Interlaken herrscht zur Zeit weder Schock noch Panik. Die Gemeinde, welche wirtschaftlich fast ausschliesslich vom Tourismus abhängig ist, meint für die Branchenkrise gerüstet zu sein.

Das Jungfraujoch gehört zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Schweiz und ist auch der Publikumsmagnet für Interlaken. Die Hoteliers konnten in den letzten Jahrzehnten eine multikulturelle Klientel empfangen. Diese Diversifikation – nicht nur auf Euro-Gäste zu setzen – schafft gemäss Branchenexperten eine gewisse Sicherheit. Man sei weniger auf spezifische Touristengruppen angewiesen.

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Wer kommt nach Interlaken?

Die Schweizer stellen immer noch den grössten Anteil an Besuchern. Die Rangliste zeigt jedoch, dass unter den Top 6 nur noch ein anderes europäisches Land figuriert.

Meiste Besucher nach Herkunftsland:

  1. Schweiz
  2. China
  3. Golfstaaten
  4. Deutschland
  5. Korea
  6. Indien

Diese Diversität schlägt sich auch in nackten Zahlen wieder. Im letzten Jahr kamen nur gerade 41 Prozent der Gäste in Interlaken aus dem EU-Raum. Es kommenimmer mehr Reisende aus Fernost und den Golfstaaten.

Grössere Märkte – Grösseres Potenzial

Annulationen hat es diesen Winter auch in Interlaken gegeben. Es seien jedoch gemäss Informationen verschiedener Hoteliers wenige und fast ausschliesslich aus dem EU-Raum gewesen.

Aus der arabischen Welt erwarten die Ferienbetriebe keine grossen Veränderungen. Hinter vorgehaltener Hand sagt man sich in Interlaken sogar, dass mögliche Währungsschwankungen im Orient sowieso keine Rolle spielen würden.

Schützenhilfe bekommt dieses Argument auch von Experten bei Schweiz Tourismus. Preissensibilität spiele bei der Ferienwahl in den Golfstaaten keine prominente Rolle.

In China und Indien, wo viele Touristen in organisierten Gruppen reisen und oft mehr als nur ein Land besucht wird, sollte die teurere Schweiz gemäss Tour-Operators auch nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. Einige dieser Reiseveranstalter geben ihren Kunden sogar preisgünstigere Wechselkurse weiter.

Auch die etwas schwächer anziehende Wirtschaft in Asien macht Interlaken nicht nervös. Im Gegenteil: So lange die asiatische Wirtschaft wachst, vergrössert sich auch die dortige Mittelschicht. Dieser Mittelstand wird zu einer neuen Zielgruppe für Interlaken und dank der immensen Grösse des Marktes sei das Potenzial auch noch lange nicht abgeschöpft.

Auch wirtschaftlich scheint sich das Geschäft mit den Gästen aus Asien und dem Orient zu lohnen. Nach Berechnungen von hotelleriesuisse aus dem Jahr 2011 geben chinesische Touristen mit 350 Franken im Durchschnitt täglich mehr als doppelt so viel aus wie Reisende aus Deutschland. Gäste aus den Golfstaaten nehmen, ohne An- und Abreise einzurechnen, sogar 500 Franken pro Ferientag in die Hand.

Der Optimismus in der Gemeinde ist breit abgestützt. Man scheint den starken Franken mehr als Herausforderung statt als Schicksalsschlag zu sehen.

Sollte der Euro-Kurs auf diesem Niveau bleiben, wird aber erst die Sommersaison wirklich zeigen, wie stark sich die Krise auf Interlaken auswirkt. Im Sommer generiert die Gemeinde nämlich über 60 Prozent ihrer Einnahmen.

«Dem Schock ist Besorgnis gefolgt»

Der interlaksche Optimismus wird aber von einem Grossteil der Branche nicht geteilt. Der Unternehmerverband der Schweizer Hotelbetriebe hotelleriesuisse zeigt sich besorgt, trotz bislang weniger Annulationen für diese Wintersaison. Es sei davon auszugehen, dass sich die jetzige Währungssituation vor allem auf kurzfristige Buchungen auswirken werde. 45 Prozent der Gäste in den Ferienregionen stammen aus der Schweiz. Für diese hätten sich die Ferien nicht verteuert. Gleichzeitig wurden aber Ferien im naheliegenden Euro-Raum deutlich günstiger und dadurch attraktiver.

«Arena»: Wie weiter mit dem starken Franken?

73 min, aus Arena vom 30.1.2015

Rabatte und Spezialangebote könnten nun Gäste in die Schweizer Ferienregionen und Hotels locken. Auf die lange Dauer jedoch würden diese Massnahmen aber zu «Margenfressern» und seien für hotelleriesuisse und ihre Mitglieder keine mittel- oder langfristige Lösung. Schweiz Tourismus rät sogar davon ab auf betrieblicher Ebene grosse Verbilligungskampagnen zu führen. Diese könne man nur schwer im nahen Ausland kommunizieren.

Besonders besorgniserregend sei auch der Ausblick auf den Sommer und die Wintersaison 2015/2016. Für die Hotellerie werde entscheidend sein, auf welchem Niveau sich der Franken nach der Neuorientierung der Märkte einpendeln wird. Denn sogar ein Euro-Kurs zwischen 1.10 Franken und 1.15 Franken würde die Branche vor gewaltige Herausforderungen stellen.