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Elektronisches Patientendossier krankt
Aus ECO vom 16.09.2019.
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E-Patientendossier Es könnte so nützlich sein

Mit elektronischen Patientendossiers liessen sich ärztliche Behandlungen verbessern. Doch die Schweiz tut sich schwer.

Es wäre wahnsinnig praktisch. Alle relevanten Krankendaten sind an einem Ort erfasst und von überall abrufbar: die Diagnose des Arztes, die Röntgenbilder, die verschriebenen Medikamente.

Doppelspurigkeiten könnten vermieden werden, Unverträglichkeiten wären aufgelistet. Im Notfall kann der Arzt mit einem Klick die medizinische Vorgeschichte des Patienten abrufen. Das schafft Transparenz, Sicherheit und spart Kosten.

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Elektronisches Patientendossier – darum geht's
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Da erstaunt es, dass das elektronische Patientendossier, kurz EPD, nicht schon längst Wirklichkeit ist in der Schweiz.

Doppelte Freiwilligkeit

Die Teilnahme am EPD ist freiwillig, so will es der Gesetzgeber. Ärzte und Patienten können nicht dazu gezwungen werden.

Eine Pflicht besteht nur für stationäre Einrichtungen: Spitäler müssen bis zum 15. April 2020 dabei sein. Pflegeheime und Geburtshäuser zwei Jahre später.

Hausärzte bremsen

Unter den Ärzten herrscht wenig Begeisterung. Viele Hausärzte betreiben noch Zettelwirtschaft. Sie führen ihre Patientenakten von Hand und haben wenig Grund das zu ändern.

Fast die Hälfte der 11'000 Hausärzte steht in den nächsten 10 Jahren vor der Pension und scheut die Ausgaben für die Elektronisierung. 40'000 Franken kostet die Umstellung laut Yvonne Gilli vom Ärzteverband FMH.

Sie fordert Unterstützung vom Staat. Der Markt sei stark reguliert, rechtfertigt sie. Zudem würden auch die Spezialisten in den Spitälern unterstützt, da die Kantone 50 Prozent an den Spitalkosten tragen.

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Yvonne Gilli. «Es sind nicht die Ärzte, es sind die Patienten.»
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Darüber hinaus bezweifelt Yvonne Gilli den Nutzen des EPDs. «Als Kommunikationsinstrument und Entscheidungsinstrument von Ärztinnen wird das EPD im Anfangsstadium nicht hilfreich sein», erklärt sie im Wirtschaftsmagazin «ECO». Sie würden besser und schneller direkt miteinander kommunizieren anstatt über ein EPD.

Immerhin chronische Patienten könnten mit dem EPD ihre Unterlagen sammeln, doch ob die Mehrheit der Patienten mitmacht, sei alles andere als sicher. «Im den umliegenden Ländern (...) waren es die Patienten, die gar nicht den Wunsch hatten ein EPD zu eröffnen.»

Zwischen Angst, Scham und Nutzen

Tatsächlich bestehen in der Bevölkerung die Angst vor Hacking und Missbrauch der Daten. Die Meinungen darüber gehen weit auseinander.

Sorge um Datenschutz

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Angesichts eines elektronisches Patientendossiers sorgen sich Patienten unter anderem um den Datenschutz. Gesundheitsinformationen sind sensible Daten, die nicht in unbefugte Hände kommen sollten. Digitale Vereinigungen warnen. Auch das Bundesamt für Gesundheit gibt Restrisiken zu und schreibt in seiner Bedrohungs- und Risikoanalyse: «Trotz aller Massnahmen wird es nicht gelingen, jede unberechtigte Einsicht in das EPD von Patienten und Patientinnen auf Dauer zu verhindern.» – und mahnt zu Massnahmen in allen Bereichen.

Dass es keine absolute Sicherheit gibt, zeigt der aktuelle Fall eines Datenlecks von Patientendaten, die gemäss Recherchen des Bayrischen Rundfunks (BR) und des US-amerikanischen Investigativportals «Pro Publica» frei im Internet verfügbar sind. Auch die Schweiz ist betroffen.

Sicher ist: Versicherungen und Arbeitgeber haben laut Gesetz keinen Zugang zu den Daten, und die Datenhoheit liegt beim Patienten. Das heisst der Patient entscheidet, wer was lesen darf im EPD, und er kann Teile komplett sperren oder gar löschen.

Das mag ihn vor zudringlichen Augen schützen, vor allem, wenn es um Alkoholsucht geht oder stigmatisierte Krankheiten, aber die Vollständigkeit des Dossiers ist damit nicht mehr gegeben. Das EPD schafft insofern keinen Mehrwert gegenüber dem Ist-Zustand, der Arzt kann sich nicht darauf verlassen.

Einer allein macht noch kein Netzwerk

Die Spitäler sind die Speerspitze. Sie müssen als erste einen Zugang zum EPD gewährleisten. Grosse Spitäler wie das Unispital Basel verfügen längst über ein Kliniksystem, das sie mit den Daten ihrer Patienten füttern. Sie können ab Frühling 2020 diese Information ins EPD laden. Doch werden sie das EPD auch nutzen, wenn nur wenige Patienten eines haben?

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Leitender Arzt Jens Eckstein: «Es braucht eine kritische Masse.»
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«Dann werde ich natürlich nie jeden Patienten nachschauen gehen», erklärt Jens Eckstein, leitender Arzt am Universitätsspital Basel. «Ich glaube, dass es eine bestimmte kritische Masse braucht und das ist ein Drittel der Patienten.»

Daher ist klar: Ohne Hausärzte und ohne breite Aufklärung in der Bevölkerung wird in puncto EPD auch weiterhin wenig gehen in der Schweiz.

Nächsten Montag: Diskussion im Nationalrat

Am 23. September 2019 debattiert der Nationalrat darüber, ob alle Leistungserbringer – also auch Ärzte – verpflichtet werden sollen, das elektronische Patientendossier einzuführen.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von maya blanchard  (bee bee)
    teil 2
    das einzige, was ich klar und deutlich mitbekommen habe, ist dass die „basler spezialisten“ diese daten haben möchten, wohlwollend für die recherchen notabene. nur sind diese seit langem ohne gläserne patienten längst über seltene krankheiten informiert, weil sie eng mit den spitälern zusammenarbeiten.

    es gibt kein sicheres internet. kein sicheres patientendossier und auch kein sicheres e-voting. meine meinung.
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  • Kommentar von maya blanchard  (bee bee)
    gestern hat radio bayern eine recherche gebracht: datenleck beim patientendossier. hab das heute früh bei TSI, unserem tessiner-kanal gelesen. die recherchen haben offene dossiers gefunden mit über 24 mio datensätzen. in der schweiz sind „nur“ etwa 1500 mit 197‘000 bildern betroffen. name, vorname, geburtsdatum, case, sprich krankheit und behandelnder arzt, alles einsehbar für laien.
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  • Kommentar von Barbara Lampérth  (Luk 12/3)
    Hochladen ist das eine - aber wer wird im Datenwust eine übersichtliche Ordnung schaffen?
    Wer wird den lead in der Verwaltung dieser Daten haben?
    Das Chaos ist vorprogrammiert.
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