Ein Drittel der Flusskreuzfahrtschiffe unter Schweizer Flagge

Das Geschäft mit Flusskreuzfahrten boomt. Allein im letzten Jahr wuchs die europäische Flotte um zwanzig Schiffe. Auch für Schweizer Reiseunternehmen ein lukratives Geschäft – so lukrativ, dass sogar nach Russland expandiert wird.

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Ein Drittel aller Flusskreuzfahrtschiffe unter Schweizer Flagge

3:28 min, aus 10vor10 vom 8.7.2016

Mit viel Pomp feiert der Schweizer Reiseveranstalter Twerenbold die Taufe eines neuen Flussschiffes in Moskau. «Excellence Katharina» heisst das frisch restaurierte Luxusschiff. Auf ihm können Schweizer Gäste auf Wolga, Swir und Newa zwischen Sankt Petersburg und Moskau flussfahren.

Die «Excellence Katharina» ist bereits das achte Schiff in der Flotte der Twerenbold Reisen AG. Das Reiseunternehmen setzt auf Luxus-Liner – «Grand Hotels» – wie es Inhaber Karim Twerenbold ausdrückt.

Immer mehr Schiffe auf den Flüssen Europas

Priester segnet das Kreuzfahrtschiff mit Weihwasser. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bei der Schiffstaufe in Moskau fehlt auch der Segen der russisch-orthodoxen Kirche nicht. Keystone

Millionen hat das Aargauer Reiseunternehmen in den letzten Jahren in den Bau solcher Schiffe investiert. «Flussreisen sind eine wichtige Sparte unserer Gruppe», sagt Twerenbold. Auf die Banken will er sich dabei nicht verlassen und hat alles mit Eigenkapital finanziert: «Wir glauben an dieses Geschäft.»

Grund zu Optimismus hat Twerenbold allemal. Die neuste Zahlen zeigen, wie Flussreisen in Europa boomen. Waren im Jahr 2015 noch 320 Schiffe auf den Flüssen Europas unterwegs, so sind es heute bereits 340 Schiffe, die Platz für rund 50'000 Passagiere bieten.

Hauptsitze der Reedereien in Basel

Zahlen, die «10vor10» vorliegen, zeigen zudem, dass 2015 rund ein Drittel, genauer 116 der 320 Flusskreuzfahrtschiffe, unter Schweizer Flagge fuhren. 2010 waren es gerade mal 55 Schiffe.

Die meisten grossen Flussschiff-Reedereien haben in Basel ihren Hauptsitz – darunter etwa Ama Waterways, De Zeeuw Reederei oder Viking River Cruises. Nirgends in Europa ist es so einfach, ein Schiff anzumelden wie in der Schweiz. Zudem zahlen Reedereien hier weniger Steuern als anderswo in Europa.

Flusskreuzfahrschiff am Steg. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Flusskreuzfahrten boomen. SRF

«Entschleunigte Art des Reisens»

Richtig in Schwung brachten das Geschäft mit den Flussreisen die Amerikaner. Früher reisten sie im Bus durch Europa – heute wählen die Touristen meist das angenehmere Flussschiff.

«Eine Flusskreuzfahrt bringt uns direkt in die Stadt. Man ist Teil davon und bekommt das Stadtleben und die Geschichte der Städte wirklich mit. Bei Ozean-Kreuzfahrten liegt man im Hafen, das Stadtleben ist meist weit weg», erklärt etwa Passagier Kevin Smith aus den USA den Reiz des Flusskreuzfahrens.

Lange Arbeitstage

Bei aller Idylle ist der Andrang für das Personal auf den Flussschiffen auch eine hohe Belastung, sagt die Schifffahrts-Gewerkschaft Nautilus: «Der typische Arbeitstag ist leider sehr lang, 14 bis 16 Stunden. Die Gäste müssen rund um die Uhr bedient werden», erklärt Holger Schatz von Nautilus.

Der Gewerkschaft sei zwar bewusst, dass lange Arbeitstage auf Flussreisen dazugehörten, weil die Veranstalter nicht mehrere Crews engagieren könnten, die sich gegenseitig ablösen. «Die geleistete Überzeit muss aber kompensiert werden», fordert Schatz. Bei vielen Schiffsgesellschaften sei das aber nicht möglich.

Der Konflikt um die überlangen Arbeitstage könnte sich bald lösen. Die EU will für das Schifffahrts-Personal die 48-Stunden-Woche einführen.