«Es gibt keinen automatischen Bankrott der USA»

Die Schweizerische Nationalbank hat US-Staatsanleihen in Höhe von Dutzenden Milliarden Dollar in ihren Büchern. Was sind die noch wert, falls die Vereinigten Staaten Mitte Woche de facto Bankrott gehen? SNB-Präsident Thomas Jordan beruhigt: Er rechnet nicht mit einem Zahlungsausfall.

Thomas Jordan hält eine Rede vor blauem Hintergrund, auf dem sein Bild projiziert ist. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: SNB-Präsident Jordan hat volles Vertrauen in die USA. Reuters Archiv

SRF: Droht ab Mitte Woche tatsächlich eine Zahlungsunfähigkeit der USA?

Thomas Jordan: Nein, die droht nicht. Die Amerikaner verfügen noch über Liquidität, sie können also noch Zahlungen ausführen. Ausserdem haben sie laufende Einnahmen, die sie verwenden können. Es gibt keinen automatischen Bankrott der USA.

Wie viele US-Staatsanleihen hält die SNB in ihren Reserven?

Wir halten rund einen Viertel unserer Anlagen in US-Dollar. Davon besteht ein beachtlicher Teil aus amerikanischen Wertpapieren.

Machen Sie sich keine Sorgen um diese Anlagen?

Nein, überhaupt nicht. Auch wenn die Verschuldungs-Obergrenze in den USA erreicht wird, werden diese Anlagen nicht wertlos. Zwar könnten die Papiere am Markt kurzfristig etwas an Wert verlieren. Aber langfristig sollte das Problem sowieso gelöst werden können. Deshalb habe ich keine Angst, dass wir mit diesen Wertpapieren mittel- oder langfristig Geld verlieren werden.

Ist es mit Blick auf die US-Papiere nicht an der Zeit, dass die SNB ihre Anlagestrategie ändert?

Wir haben eine Strategie, die eine Diversifikation verlangt. Mit Anlagen in Euro, Dollar, Pfund, Yen und anderen Währungen erfüllen wir diese Vorgaben. Es gibt überhaupt keinen Grund, dies zu ändern.

Im Raum steht auch eine Herabstufung der USA durch die grossen Rating-Agenturen. Könnte dies ein Anlass sein für die Nationalbank, ihre Strategie zu ändern?

Ich glaube nicht, dass es die USA so weit kommen lassen. Es ist nicht in ihrem Interesse und sie werden die nötigen Massnahmen ergreifen, um nicht heruntergestuft zu werden.

Wie kommt es, dass Ihr Vertrauen in die USA so gross ist?

Die USA sind eine sehr wichtige Volkswirtschaft, die nicht in einer Rezession ist und weiter wächst. Allerdings ist die Fiskalpolitik im Moment nicht sehr ideal. Aber ich glaube, die Amerikaner werden das realisieren und diese Fiskalpolitik wieder vernünftiger gestalten.

Falls sich die Situation trotz allem zuspitzt, werden gravierende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und auch auch die Schweiz befürchtet. Hätte die Nationalbank im Fall einer stärkeren Abschwächung der Wirtschaft das Potential, erneut einzugreifen?

Unsere derzeitige Politik ist es, den Franken-Mindestkurs durchzusetzen. Das werden wir auch weiterhin tun. Es gibt überhaupt keinen Grund, hier irgendwelche Anpassungen vorzunehmen.

Der US-Schuldenberg erreicht diese Woche 16,7 Billionen Dollar. Befürchten Sie nicht, dass sich die USA dieses Schuldenbergs durch Inflation entledigen könnten?

Es ist nicht so einfach für die Amerikaner, über die Inflation die Verschuldung zu reduzieren. Ich glaube auch nicht, dass die USA daran Interesse haben. Die US-Geldpolitik wird allerdings wohl noch lange Zeit expansiv bleiben, weil die Arbeitslosigkeit hoch und die Inflation tief ist.

Beim IWF-Treffen ist vor den Folgen eines zu schnellen Ausstiegs aus der expansiven Geldpolitik gewarnt worden. Können Verwerfungen an den Finanzmärkten dabei überhaupt vermieden werden?

Die Geldpolitik wird überall sehr aufpassen müssen, wenn sie dann diesen Exit beginnt. Das gilt vor allem für die grossen Länder wie die USA, aber auch in Europa wird das der Fall sein. Die Zentralbanken werden hier tatsächlich das Augenmerk darauf haben müssen, möglichst wenig Verwerfungen zu produzieren.

Wie lange wird es dauern, bis in der Geldpolitik eine Normalisierung der Lage erreicht ist?

Dazu kann man keine Prognose machen. Denn alles hängt von der Entwicklung der Realwirtschaft und der Inflation ab. Je nach dem braucht es sehr viel Zeit – oder es kann dann auch sehr rasch gehen.

Das Interview führte Maren Peters.