Europas Banken und die faulen Kredite: Ein Teufelskreis

Was der Internationale Währungsfonds schreibt, klingt bedrohlich: Zehn Prozent des europäischen Bruttoinlandprodukts seien nichts anderes als faule Kredite. Woher kommen sie? Und wie könnten die Banken sie loswerden? Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus.

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Bildlegende: Blick auf die Hochhäuser in Londons Bankenviertel: Wie können die Banken ihre faulen Kredite loswerden? Reuters

Zehn Prozent des europäischen Bruttoinlandprodukts bestehen aus faulen Krediten. Beunruhigend viel, sagt Karsten Junius, Chefökonom bei der Privatbank Safra Sarasin in Basel. «Derzeit befinden wir uns in einer Phase der wirtschaftlichen Erholung, in der solche Kredite zurückgehen sollten», sagt der Experte. «Insofern müssen wir genau anschauen, was dort passiert und wo die Ursachen liegen.»

Die Ursache für die vielen faulen Kredite liegt in der Vergangenheit. Vor allem in Italien, Spanien, Portugal, aber auch in Frankreich und Griechenland vergaben die Banken bis zur Finanz- und Wirtschaftskrise vor einigen Jahren zu viele Kredite an zu wenig solvente Firmen.

Bis heute haben viele Banken diese faulen Kredite in den Büchern – und werden sie nicht los. Problematisch sei das, weil das Bankensystem nicht nur auf der Kreditseite Probleme habe, sondern wegen der aktuellen Zinssituation auch auf der Ertragsseite, so Experte Junius.

Der Spielraum ist kleiner geworden

Weil die Banken also sehr viel weniger verdienen, ist ihr Spielraum kleiner geworden, um die faulen Kredite abschreiben zu können. Und weil sie diese immer noch mit sich herumschleppen, sind sie bei der Vergabe von neuen Krediten sehr streng geworden. Schliesslich wollen sie die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.

Das ist verständlich. Allerdings: Wären ihre Bilanzen nicht mit derart vielen problematischen Krediten belastet, könnten sie ihre übergrosse Vorsicht bei der Kreditvergabe wieder etwas herunterfahren. Für die stotternden Volkswirtschaften in Südeuropa wäre das eine Erleichterung.

In Italien haben die Geldinstitute eine sogenannte Bad Bank geschaffen. In diese können die Banken ihre faulen Kredite auslagern, um wieder mehr Luft zu bekommen. Der italienische Staat hilft der Bad Bank mit Garantien. Diese müssen die Banken aber für teures Geld zu Marktpreisen kaufen. So wird verhindert, dass der Staat über Umwege die Banken mitsaniert. Mit der Schaffung dieser Bad Bank hofft die italienische Regierung, die Kreditvergabe durch die Banken wieder ankurbeln zu können.

Weniger Regulierung, mehr Eigenverantwortung?

Für Karsten Junius ist das ein gangbarer Weg. Ein anderer wäre, die Banken mehr ihrem Schicksal zu überlassen. Will heissen: Sie im Notfall auch untergehen zu lassen, ihnen dafür aber weniger Vorschriften zu machen. «Wir können die Zinsbelastung durch negative Zinsen nicht immer weiter erhöhen, die Regulierung hochfahren oder die Eigenkapitalanforderungen verstärken», sagt er. Sonst müsse man damit rechnen, dass das Bankensystem irgendwann einmal nicht mehr die Kraft habe, die Wirtschaft mit neuen Krediten zu unterstützen.

Diese Meinung ist allerdings heftig umstritten. Vor allem staatliche Bankenaufseher sind der Meinung, dass die Finanzinstitute stärker an die Kandarre genommen werden müssen, damit es nicht wieder zu solchen Entgleisungen kommt wie vor und während der Finanz- und Wirtschaftskrise. Doch gerade die Uneinigkeit zwischen Banken und Politik verhindert, dass die Reformen möglichst rasch umgesetzt werden – und das Problem der faulen Kredite europaweit angegangen wird.

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