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Wirtschaft EZB öffnet die Geldschleusen noch weiter

Die Europäische Zentralbank (EZB) senkt ihren Leitzins auf 0,25 Prozent. Das ist historisch tief. Und Kritiker warnen vor Blasen.

Mario Draghi, Chef der EZB.
Legende: Mit der Gelschwemme will sie die Wirtschaft weiter ankurbeln und die Kreditklemme in Teilen der Euro-Zone mildern. Reuters

Die EZB bleibt im Wettlauf der Währungen voll dabei: Sie senkt ihren Leitzins überraschend auf das Rekordtief von 0,25 Prozent. Das teilte die Notenbank nach einer Sitzung des EZB-Rats mit. Die Notenbank reagiert damit auf den jüngsten Rückgang der Teuerung in den 17 Euro-Ländern.

Legende: Video «Einschätzungen von SRF-Korrespondent Jonas Projer» abspielen. Laufzeit 1:58 Minuten.
Aus Tagesschau vom 07.11.2013.

Europas Währungshüter fürchten aber keine sinkenden Preise auf breiter Front. Die Notenbank stellt sich jedoch auf eine «längere Phase niedriger Inflationsraten» ein.

Sinkende Preise sind für die Wirtschaft gefährlich, weil Unternehmen dann wichtige Investitionen aufschieben. Aber auch Konsumenten halten sich in der Erwartung zurück, um Produkte bald günstiger kaufen zu können. Japan hat dieses Phänomen jahrelang gehemmt.

Sinken Leitzinsen noch weiter?

EZB-Chef Mario Draghi betonte: «Wir haben die Untergrenze noch nicht erreicht und könnten den Zins grundsätzlich weiter senken.» Der EZB-Rat geht davon aus, dass die Zinsen im Euro-Raum für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder darunter liegen werden.

Die EZB hatte bereits zuvor betont, dass sie eine solche massive Geldspritze nicht zuletzt von den Wirtschaftsaussichten abhängig machen werde. Mit der Geldschwemme will sie die Wirtschaft weiter ankurbeln und die Kreditklemme in Teilen der Euro-Zone mildern.

Herrscht nun der Währungskrieg?

Den europäischen Exporteuren macht die Stärke des Euro im Verhältnis zum Dollar zu schaffen. Mit der Geldspritze wird der Euro im Vergleich zu andern Währungen nun geschwächt. Allerdings betonte Draghi: Der Wechselkurs sei «kein Ziel der Geldpolitik».

An den Aktienbörsen ging es steil bergauf: Die wichtigsten europäischen Indizes waren am Nachmittag im Plus. Auch die Wall Street ist mit Gewinnen in den Handel gegangen. Der Euro verlor deutlich.

War es die richtige Entscheidung?

Und doch bleiben Fragen: Waren die Währungshüter gut beraten, gerade jetzt die Zinsen noch mal zu senken? Vor allem Deutschland hat die erneute Zinssenkung der Europäischen Zentralbank kritisiert. Es mindere den Druck auf die südeuropäischen Staaten, Reformen fortzusetzen.

Ob die Zinssenkung tatsächlich das Wirtschaftswachstum in den Euro-Krisenländern ankurbeln wird, ist umstritten. Schliesslich kommen Banken bereits seit langem günstig an frisches Geld, reichen es aber oft nicht an die Unternehmen weiter.

Weiter wird kritisiert, die Risiken nähmen zu – insbesondere die Gefahr von falschen Risikoeinschätzungen, verzerrten Investitionsentscheidungen und Blasenbildungen. Auch die Sparer seien massiv im Nachteil.

Erfreut zeigten sich hingegen Schuldenländer. Etwa Italiens Regierungschef Enrico Letta lobte die Währungshüter unter Führung seines Landsmann Mario Draghi.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Starnberger, Therwil
    Es geht munter weiter mit dem (fast) zinslosen Geld. Und es wird noch lange weitergehen, weil die Wirtschaft nicht besser werden wird. Damit die Wirtschaft angesichts der aufkommenden Konkurrenz aus China besser werden kann müsste weiter rationalisiert und Leute entlassen oder Löhne gesenkt werden. Das wollen Linke und Gewerkschafter nicht, und Bürgerliche im Grunde genommen auch nicht. Also wird's noch viele Jahre so weitergehen.
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    1. Antwort von H.Bernoulli, Zürich
      Wer kauft die Güter, wenn die Erwerbstätigen sich immer weniger davon leisten können? Der Staat? Auf Pump? Das System geht so oder so nicht auf, so lange nur produziert wird, wenn damit die Investoren das Vermögen nach dem Zinseszinsprinzip vermehren können. Dann kommt es zur monetären Austrocknung->immer mehr Kaufkraft bei Wenigen, immer mehr Kauf auf Pump der anderen oder weniger realwirtschaftliche Investitionen usw. Notwendig ist ein Investitionsanreiz ohne Vermögensvermehrung.
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  • Kommentar von K.D.Waldeck, Bellinzona
    Das Schachspiel geht weiter. Wielange kann die SNB noch am Mindestkurs des CHF von 1.20 festhalten ?
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    1. Antwort von Marco Steiner, Zürich
      Hätten wir den Mindestkurs nicht, könnte ich mir schon lange ein Häusschen in Spanien kaufen. Man stelle sich vor wie stark der Franken bis heute geworden wäre. Gewinner sind die Exporteure, Verlierer einmal mehr die Bürger.
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    2. Antwort von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
      @K.D. Waldeck: Diese Frage stelle ich mir auch. Umsomehr als die EZB mit M. Draghi klar die Schuldnerländer in Südeuropa entlasten. Ob allerdings die Realwirtschaft davon profitiert, wird man sehen. Wie lange sich jedoch die SNB noch dieser Entwicklung entziehen kann ist eine andere Frage, eine Verzerrung der Kurse CHF versus EUR und US$ wird je länger je mehr zur Realität.
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