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Wirtschaft IV für Reiche: Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit?

Auch Personen mit hohen Einkommen können eine IV-Rente in Anspruch nehmen. Darauf wirft die Affäre um eine Treuhänderin und Stadträtin der Zürcher Gemeinde Opfikon ein Schlaglicht. Der Fall erhitzt die Gemüter.

Auch Einkommensmillionäre profitieren in der Schweiz von der Invalidenversicherung. Drei Personen verdienten im Jahr 2013 mehr als eine Million Franken – und bezogen obendrein eine IV-Rente, berichtet der «Tages-Anzeiger». Ein fiktives Beispiel: Ein Geschäftsleiter verdient zwei Millionen Franken im Jahr. Wegen eines Rückenleidens kann er nur noch teilweise arbeiten. Er verdient neu noch 1,2 Millionen Franken, gilt daher zu 40% als invalid – und bekommt eine Rente, vielleicht knapp 1000 Franken. Weshalb?

«Alles ganz einfach»

Ganz einfach, antwortet Rolf Camenzind vom Bundesamt für Sozialversicherungen: Die IV versichere eben nicht den Rücken, sondern das Einkommen: «Wenn Sie ein hohes Einkommen haben, dann haben Sie eben auch ein hohes Einkommen versichert.»

Im Schadensfall habe man entsprechend auch etwas zu gut, so Camenzind: «Es ist wie bei einer Velo- oder Diebstahlversicherung: Wenn ihr Velo geklaut wird, bekommen sie eine Versicherungsleistung.» In diesem Fall würde die Versicherung auch nicht mit dem Hinweis an gut Betuchte herantreten: «Sie verdienen doch eigentlich gut, sie können sich doch selber ein Velo leisten.»

Ein Banker an der Zürcher Bahnhofstrasse
Legende: Dickes Portemonnaie, frei von Existenzängsten – und eine IV-Rente? Das passt nicht allen. Keystone

Opposition von links

Auf diese Weise würden Personen mit tiefen Einkommen benachteiligt, moniert die SP-Nationalrätin Silvia Schenker in einem Vorstoss, den der Bundesrat nun beantwortet hat. Der Bundesrat hält fest: Das gültige System sei gut, es behandle hohe und tiefe Einkommen gleich.

Schenker ist damit nicht zufrieden: «Das System ist nicht gerecht und benachteiligt vor allem wenig Qualifizierte im niedrigen Einkommensbereich.» Das möchte die Baslerin Nationalrätin nun «etwas fundierter anschauen.»

Wird mit gleichen Ellen gemessen?

Die Sicht der SP-Nationalrätin lässt sich mit einem Beispiel illustrieren: Ein Handwerker, der gesund 50'000 Franken und nach einem Velo-Unfall noch 45'000 Franken verdient, hat keinen Anspruch auf eine Rente. Denn er büsst nur 10% seines Einkommens ein – IV-Renten gibt es aber erst ab 40% Erwerbsausfall.

Eine Ärztin hingegen, die gesund ein Einkommen von 150'000 Franken hat und nach einem Auto-Unfall noch dieselben 45'000 Franken wie der Handwerker, hat Anspruch auf eine volle Rente. Ist das System ungerecht?

Der Bundesrat will Wiedereingliederung stärken

Camenzind vom Bundesamt für Sozialversicherungen erklärt: «Für die IV massgebend ist immer die Frage, wieviel Sie einbüssen.» Und das habe, schliesst der Bundesbeamte, nichts mit Ungerechtigkeit zu tun.

Auch wenn das aktuelle System solidarisch sei, will der Bundesrat will nun prüfen, wie er besonders IV-Rentner mit tiefen Einkommen wieder besser in den Arbeitsmarkt eingliedern kann. Im Herbst will der Bundesrat konkrete Massnahmen vorschlagen, schreibt er. Das bedeutet aber ebenso: Einkommensmillionäre mit IV-Rente wird es weiterhin geben – wenn auch nur eine knappe Handvoll.

Das Bundesamt für Sozialversicherungen hat IV-Bezüger in der Schweiz erstmals nach deren Lohnklassen aufgeschlüsselt.

Jahreseinkommen in CHF (gerundet auf 100)Zahl der IV-Renten
126'400 – 140'400 613
140'400 – 168'500563
168'500 – 196'600289
196'600 – 252'720 244
252'700 – 1'010'900160
1'010'900 und mehr3

42 Kommentare

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  • Kommentar von M.Schwab, Bülach
    Jetzt persönliche Meinung : Der normale IV-Rentner wird sehr, sehr genau kontrolliert. Was heisst das ? Alle zwei Jahre kommt jemand von der IV und macht die Revision. Er fragt : Hat sich etwas geändert ? Etwas verbessert ? Etwas verschlechtert ? Können Sie arbeiten ? Und : Verdienen Sie etwas ? Sprich : Wenn jemand 200 Franken verdient, so werden diese sofort abgezogen. Die Rente wird somit gekürzt. Wer zuviel verdient als Normalbürger, der bekommt keine Rente. Ein Franken zuviel : keine Rente.
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    1. Antwort von Beat Gurzeler, Winterhur
      @ M.Schwab: Ich bringe Sie auf den neusten Stand, wenn man eine 100 % IV-Rente bezieht, früher ca.Fr. 5000.- verdient hat, darf man neu bis zu ca.Fr. 900.- pro Monat dazu verdienen, dieses Dokument liegt bei mir bei meinen Akten, das ist Fakt, Fakt ist aber auch wenn Sie zu Behördengläubig sind erhalten Sie nichts. Für mich gilt das Gesetz, basta.
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  • Kommentar von Antelma Giger, Egg
    Der Neid und der Föhn sind die ältesten Schweizer! Wer IV-Prämien einbezahlt, soll auch Versicherungsleistungen beziehen. Die Umverteilung findet ja bereits statt: Gutverdienende zahlen (nach Einkommen) mehr Prämien als Wenigverdiende, sind also mit diesen solidarisch, und erhalten aber bei Invalidität keine höhere Leistung. Wo ist das Problem?
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    1. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Klar erhalten sie auch höhere Leistungen, weil die IV anhand des Einkommen, welches der IV-Rentner, wäre er gesund verdienen könnte. Entsprechend dann auch die IV berechnet wird. Die hier aufgeführten 1000 Franken stimmen eindeutig nicht! Nur bei der AHV gilt das Solidarität-Prinzip.
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  • Kommentar von Thomas Binder, Baden
    Mittlerweile werden schon Sozial- mit Versicherungsleistungen vermischt - stupido ergo sum! Die IV ist eine Versicherung für bleibende (Teil)arbeitsunfähigkeit. Selbstverständlich hat jeder ein Anrecht auf deren Leistungen, zumal auch jeder AHV-/IV-Beiträge bezahlt, der Reiche absolut mehr als der Arme. Ein jederzeit möglicher Verzicht auf unnötige IV-Renten ehrt den Reichen. Vermutlich verzichten aber auch sehr wenige Reiche auf ihre AHV-Rente.
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