Es darf gespielt werden Könige, Kanzler und eine Clownin am WEF

Das Weltwirtschaftsforum als Spielwiese: Die Libanesin Sabine Choucair lehrt die Elite das Lachen, Spielen, Erzählen.

Sabine Choucair lässt im Libanon syrische Flüchtlingskinder sich selbst vergessen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sabine Choucair lässt im Libanon syrische Flüchtlingskinder sich selbst vergessen. Farah Kassem

Zum WEF in Davos sind illustre Personen geladen: Professoren, Potentaten, CEOs. Allein, in diesem Jahr tanzt ein Gast aus der Reihe: Clownin Sabine Choucair. Nach ihrer Einladung hat die Libanesin Bauklötze gestaunt: «Ehrlich gesagt habe ich am Anfang nicht einmal gewusst, wer mich einlädt. Dann war ich einfach verwundert.»

Die ausgebildete Schauspielerin und Sozialtherapeutin hat dann aber rasch auch eine Chance ihrer Einladung erkannt: «Ich engagiere mich in der aktuell grössten Krise in der Welt, der Flüchtlingskrise. Es erscheint mir begrüssenswert, dass Menschen eingeladen werden, die wirklich an der Basis arbeiten.»

«  Am Anfang habe ich noch nicht einmal gewusst, wer mich einlädt.  »

Sabine Choucair
Clownin und Künstlerin

Basis mit dreifachem Boden

Besagte Basis hat für Sabine Choucair einen dreifachen Boden: Sie lanciert und unterstützt Projekte im Bereich Spiel, Geschichten-Erzählen und Gruppentherapie. Ihr Wirkungsraum scheint nahezu unbegrenzt: Sie hat schon mit Staaten wie Libanon, Marokko, Jordanien, Dubai, Grossbritannien, Mexiko, USA, Brasilien, Indien, Zypern und Kamerun zusammengearbeitet.

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Sabine Choucair

Sabine Choucair

Sabine Choucair

Ausgebildet im Schauspiel und der Sozialtherapie engagiert sich die Clownin Sabine Choucair in Theater-, Erzähl- und Gruppentherapieprojekten (z.B. Clown Me In) rund um die Welt. Diese kommen Flüchtlingen, Drogenabhängigen und anderen marginalisierten Menschen zugute. Am diesjährigen WEF leitet die Libanesin einen Theater-Workshop.

Wenn sich Choucair um Randgruppen kümmert – um Flüchtlinge, Drogenabhängige, unter erschwerten Bedingungen lebende Jugendliche – setzt sie genau da an, wo die WEF-Debatte an ihr Ende gelangt. Sprich: Wo sich die Frage nach verantwortungsvoller Führung nicht stellt, weil überhaupt niemand mehr irgendeine Verantwortung trägt. Der Clownin geht diese Einschätzung zu weit. Sie fasst ihre Aufgabe weit einfacher.

«Ich denke mir das simpler. Ich bin ein Mensch und lebe in einer Welt, in der wir gerade jetzt unsere Menschlichkeit verlieren.» – «Wir sind alle verantwortlich einander zu helfen, ob Leader oder nicht.» Schlicht «weil wir menschliche Wesen sind.»

Lachen in derselben Sprache

Clownin Choucair kultiviert viel mehr als nur Galgenhumor – sie mobilisiert, wie sie sagt, «Widerstandskräfte». «Ein Grossteil meiner Arbeit besteht darin, traurige und tragische Themen auf den Kopf zu stellen.» So blieben diese zwar tragisch, erschienen aber, in einer anderen Perspektive, in einer akzeptierbareren Art. Ihr Auftritt ist auch keine One-Woman-Show: «Ich bin nicht nur ein Clown, der sich für die Menschen inszeniert. Ich arbeite auch mit ihnen, dass sie ihren eigenen inneren Clown entdecken.»

Von Syrien nach Grossbritannien, von Griechenland in die USA. Ob sie da ihren Humor, ihre Auftritte kulturell differenzieren muss? «Wohin ich gehe, ändert sich meine Darbietung, weil ein Clown den Moment lebt und auf den Moment reagiert. Jeder Moment ist anders, jedes Land ist anders, und jedes Publikum ist anders.» Doch auch wenn sie sich in jede Hörerschaft wieder neu eindenken, neu einleben müsse, bliebe doch das Lachen für jeden verständlich: «Wir haben viel Gemeinsames, worüber wir lachen.» Und «im Grunde ist das Lachen eine universelle Sprache.»

Spiel nicht nur um des Spieles willen

Wenn Sabine Choucair mit Menschen performt, so spielt sie nicht nur um des Spieles willen. Manch einem könne das Spiel helfen, sich auszudrücken. Und es habe bisweilen auch eine erzieherische Funktion: «Ich habe Kindern im Süden des Libanon beigebracht, sich von Minen fernzuhalten. Es hätte sie gelangweilt, wenn ich ihnen bloss gesagt hätte: Ihr müsst aufpassen und dürft da nicht hingehen. Weil ich sie aber auf einem clownesken Weg gelehrt habe, haben sie sich nicht nur an die Information erinnert, sondern auch daran, wie sie sich bewegen sollen. Mit all ihren Sinnen haben sie sich erinnert.»

Spiel mit erzieherischer Funktion: Clown me in lehrt libanesische Schüler das Händewaschen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Spiel mit erzieherischer Funktion: Clown me in lehrt libanesische Schüler das Händewaschen. Clown Me IN

Auch Geschichten sind für Choucairs Arbeit unerlässlich, zumal die Clownin deren verbindende Kraft erkennt. Jede Erzählung – so persönlich sie scheint – kann und soll ihrzufolge eine universelle werden. «Wir alle haben Geschichten über Liebe, Tod, Beziehungen. Und wenn wir einander nicht zuhören, so dass wir einander verstehen, können wir einander nicht lieben.»

Geschichten, die verbinden

Als Sammlerin verfügt Choucair inzwischen über einen beachtlichen Geschichten-Schatz. Davon sind ihr die einen befremdlich (siehe Box unten), die anderen innig vertraut: Eine Syrerin hat ihr etwa einst von ihrem Umgang mit dem Krieg berichtet. «1001 Lügen» habe diese Frau ihren Kindern erzählt, «damit sie sich nicht vor den Bomben fürchten.» – «Als die Frau mir das sagte, hatte ich eine Erinnerung an meine Eltern, die während unseres Krieges ebenfalls Lügen erfanden. Sie haben im Prinzip genau das Gleiche getan.»

Diese Anekdote hat die Clownin nicht nur auf ihre Eltern verwiesen, sondern sie auch in ihrer täglichen Arbeit bestärkt: «Es war ein verblüffender Augenblick, der mir gezeigt hat, wie sehr uns Geschichten verbinden. Ganz unabhängig davon, wie weit wir voneinander entfernt sind oder in welcher Zeit wir leben.»

Als Hunde den Magen eines Jungen frassen – «Hahaha»

Als Hunde den Magen eines Jungen frassen – «Hahaha»
Einmal hat Sabine Choucair mit Kindern zwischen 6 und 8 Jahren gearbeitet. Ins Spiel vertieft hätten die Kinder plötzlich eine Geschichte von einem Unfall erzählt, bei dem sie aus einem Bus geschleudert worden seien. Weniger über den Unfall und vielmehr über die Art und Weise des Erzählens war Couchair hellauf entsetzt. Ein Junge hätte berichtet: «Mir ist der Kopf geplatzt, und man hat mir einen neuen gemacht.» – Ein anderer hätte rapportiert: «Mein Magen ist aus dem Körper gerutscht, und Hunde sind gekommen, um ihn zu fressen.» – «Hahaha.» Choucair: «Die Geschichte war so schrecklich und widerwärtig, aber die Kinder haben nur gelacht und sich gefreut.» Was die Kinder zu diesem Verhalten veranlasst hat, liegt für die Clownin klar auf dem Tisch: «Es war ihre Art, den Krieg in Syrien zu reflektieren. Sie stellten die Realität aus, um uns zu sagen: 'Schaut her, wir sind Kinder, und hört, was der Krieg in Syrien mit uns gemacht hat, mit unseren Gedanken, unseren Körpern und unseren Seelen – und die Welt tut nichts, um ihn zu stoppen.'»

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • WEF eröffnet dieses Jahr «ungleich»

    Aus Tagesschau vom 17.1.2017

    Das grosse Thema am diesjährigen Wirtschaftsforum in Davos ist die weltweite soziale Ungleichheit. Auf diese kommt Bundesrätin Doris Leuthard nach einem Eröffnungs-Treffen mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping auch gleich zu sprechen.