Pestizid-Cocktail in Schweizer Äpfeln

Die industrielle Apfelproduktion in der Schweiz kommt nicht ohne Pestizide aus. Bis zu 20 Mal pro Saison werden die Plantagen gespritzt. Viel zu viel, sagen Kritiker. Auch Produzenten bestätigen: Der Pestizideinsatz könnte reduziert werden. Nur: Gross- und Detailhandel verlangen perfekte Qualität.

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Pestizid in Schweizer Äpfeln: Spritzen fürsmakellose Aussehen

9:17 min, aus Kassensturz vom 27.9.2016

Obstproduzent Luc Magnollay in Etoy am Genfersee setzt regelmässig Pestizide ein – nicht zum Spass, wie er betont – denn die Mittel seien ja teuer. Diese Gifte seien ein notwendiges Übel, wenn er nicht einen Totalausfall seiner Ernte riskieren wolle.

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Bauer Magnollay ist im Clinch: «Wir haben absolut begriffen: Pestizide sind unerwünscht in unserer Natur. Wir wollen keine Rückstände auf den Früchten. Doch für uns ist das Spritzen überlebenswichtig.»

Gefahr für Mensch und Umwelt

Der Obstbauer hat ein ganzes Arsenal von Pestiziden gegen die verschiedensten Schädlinge und Pflanzen-Krankheiten. Pestizide sind potente Gifte gegen Pflanzen und Tiere. Sie wirken nicht nur gegen die Schädlinge, gegen die sie gespritzt werden. Sie sind gefährlich für die Bauern und unsere Umwelt.

Pestizide müssen von den Schweizer Behörden zugelassen werden. Die Menge und den Zeitpunkt des Einsatzes bespricht der Obstbauer jeweils mit seinem Landwirtschaftsberater. Einige Pestizide dringen nach dem Spritzen in die Äpfel ein, andere bleiben auf der Aussenhaut. So können Pestizidrückstände als Cocktail bis zu den Konsumenten ins Essen gelangen. Die Risiken dieser Pestizid-Cocktails sind noch nicht abschätzbar.

17 Substanzen in 26 Äpfeln

Die Westschweizer Konsumenten-Sendung «A Bon Entendeur» hat 26 Schweizer Äpfel aus dem Detailhandel und von Märkten auf Pestizidrückstände untersuchen lassen. Die Resultate: Ganz ohne Pestizidrückstände waren sechs Äpfel, zwei davon aus Bio-Kulturen. In vier Äpfeln wurde ein Pestizid gefunden. In neun Äpfeln fand das Labor je zwei Pestizide. In sechs Äpfeln einen Cocktail aus drei Pestiziden. Und ein Apfel war sogar mit 4 verschiedenen Pestiziden belastet.

Insgesamt fanden die Experten 17 verschiedene Substanzen. Immerhin: Keines der gefundenen Gifte überschritt den gesetzlichen Grenzwert.

Auch im Kanton Thurgau, der Apfelkammer der Schweiz, setzen Obstbauern auf Pestizide. Nicht nur gegen Krankheiten, sondern auch für makellose Früchte. Die Sorte Green-Star ist eine so genannte Clubsorte. Mit ihr kann der Obstproduzent gutes Geld verdienen – vorausgesetzt, die Früchte sind makellos.

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Kritik am Bund

Kritik am Bund

Kritiker sagen, der Aktionsplan des Bundes sei zu lasch. Das Bundesamt für Landwirtschaft verteidigt sich im «Kassensturz»-Interview.

Gutes Geld gibt's nur für makellose Äpfel

Das Streben nach äusserer Perfektion ist für Obstbauer Ralph Gilg fatal: Er zeigt «Kassensturz» allerkleinste optische Schäden – Flecklein oder kleine Dellen – an den frisch gepflückten Äpfeln (siehe Bildergalerie unten). Diese Äpfel sind bis auf die kosmetischen Mängel absolut perfekt. Trotzdem bekommt der Bauer nur noch einen Bruchteil dafür.

Obstbauer Ralph Gilg rechnet vor: «Das Flecklein bedeutet, dass ich den Apfel nicht mehr als Klasse 1 verkaufen kann. Der Apfel rutscht in der Sortierung in die Klasse 2. Für die Klasse 2 bekomme ich rund 45 Rappen, für die Klasse 1 gäbe es 1.20 Franken. Das heisst, ich bin schlicht nicht mehr fähig, kostendeckend zu produzieren.»

Um makelloses Obst zu produzieren, müsse er im Zweifelsfall Pestizide einsetzen, sagt Ralph Gilg. Auf die Frage des «Kassensturz»-Reporters, ob er nicht weniger Pestizide einsetzen wolle und dafür eine marginal schlechtere Qualtiät in Kauf nehmen könne, antwortet er: «Wenn Sie mir garantieren, dass ich diese Äpfel auch so verkaufen kann, dann auf jeden Fall. Aber ich kenne niemanden, der mir diese Garantie gibt.»

Die Obstbauern könnten den Pestizideinsatz bei Äpfeln durchaus reduzieren. Das sagt Urs Müller vom landwirtschaftlichen Beratungszentrum Arenenberg. Doch der zunehmend übertriebene Qualitätsdruck von Gross- und Detailhandel verhindere dies.

Migros und Coop sind sich keiner Schuld bewusst

Der Landwirtschaftsberater weiss: «Früher sagte man jeweils, das Gesamtbild in einer Obstkiste gilt. Das heisst, hat man gewisse optische Schäden toleriert. Das gibt es heute nicht mehr. Zudem ist die innere Qualität dazu gekommen, sprich Festigkeit, Zuckerwert. Das alles hat die Anforderungen an den Produzenten massiv erhöht.»

«Kassensturz» konfrontiert Migros und Coop mit dem Vorwurf, Gross- und Detailhandel setzten die Obstbauern unter Druck. Migros antwortet, diesen Vorwurf könne man nicht nachvollziehen. Detailhändler und Obstbauern würden sich gemeinsam auf Richtpreise einigen. Und Coop ergänzt: Die Qualitätsnormen würden laufend den Schwankungen der Produktion sowie den Bedürfnissen der Konsumenten angepasst.

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