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Wirtschaft Schweizer Zeitungen: Regio topp, Sonntag flopp

Grosse Tageszeitungen verlieren immer mehr Leser. Das zeigen die neusten Zahlen der Werbemedienforschung. Unter Druck ist auch die Sonntagspresse. Doch es gibt auch mehrere Gewinner. Regionalblätter gehören dazu, denn sie haben einen entscheidenden Vorteil.

Legende:
Schweizer Presse im Frühjahr 2016 Die Zahl der Leserinnen und Leser der Deutschschweizer Tageszeitungen WEMF

Die grossen Schweizer Zeitungen mussten Federn lassen. Das zeigen die neusten Zahlen der Wemf AG für Werbemedienforschung. Leserstärkste Zeitung bleibt das Pendlerblatt «20 Minuten». Doch mit 1,43 Millionen Lesern in der deutschen Schweiz sind es fast 3 % weniger als bei der letzten Erhebung im Oktober 2015. Deutlich an Terrain eingebüsst hat auch der «Blick», der neu über eine Leserschaft von 609'000 verfügt (-7,0 %). Bei den bezahlten Zeitungen fällt auf, dass der «Tages-Anzeiger» gegen den Trend zulegen konnte (+3,7 % auf 474'000 Leser).

Regionalblätter legen zu

Den Regionalzeitungen hingegen halten die Leserinnen und Leser die Treue. Einen Sprung nach vorn machten in der Frühjahreserhebung 2016 gegenüber den Herbstdaten 2015 die Zürcher Regionalzeitungen, die neu auf 402'000 Leserinnen und Leser (+4,4 %) kommen. Der Winterthurer «Landbote» verbesserte die Reichweite gar um 10 % auf 108'000. Andere Regionalblätter wie die «Thurgauer Zeitung», der «Walliser Bote», der «Bote der Urschweiz» oder das «Bieler Tagblatt» legten ebenfalls zu.

Die grossen Regionalzeitungen konnten ihre Leserschaft halten. Bei der «Neuen Luzerner Zeitung» waren es 302'000 und beim «St. Galler Tagblatt» 278'000 Leser. Die NZZ, die eine internationale Ausstrahlung hat, wird weniger gelesen und erreicht noch 263'000 Leser (-4,0 %).

Sonntagszeitungen im Abwärtstrend

Nach vielen erfolgreichen Jahren kämpfen die Sonntagsblätter mit einem Leserschwund. Der «SonntagsBlick» hat mit 638'000 Lesern zwar die Nase noch knapp vorn, verlor aber im letzten halben Jahr 8,2 % seiner Leserschaft. Knapp dahinter folgt auf Platz zwei die «SonntagsZeitung» mit 616'000 Lesern (-1 %).

Rang drei belegt die «NZZ am Sonntag», die in der Deutsch- und Westschweiz noch 413'000 Leser (-2,4 %) hat. Die Reichweite der «Schweiz am Sonntag» schrumpfte dagegen um 5,7 % auf 345'000 Leser.

Übersättigter Markt der Sonntagszeitungen

Für Publizistikprofessor Stephan Russ-Mohl ist dies nicht überraschend, denn «der Schweizer Markt ist an Sonntagszeitungen übersättigt» und damit sei es absehbar, dass der Aufwärtstrend nicht auf Dauer anhalten würde.

Gut zu halten vermögen sich auf den folgenden Plätzen die «Zentralschweiz am Sonntag» und die «Ostschweiz am Sonntag» bei denen die regionale Berichterstattung im Vordergrund steht. «Im Lokalen ist die Konkurrenz der digitalen Anbieter nicht so stark», sagt Medienwissenschaftler Guido Keel von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Der Lokaljournalismus habe ein Alleinstellungsmerkmal und könne sich noch besser behaupten als Zeitungen mit überregionalen Angeboten.

Allerdings warnt Keel die Redaktionen davor, sich auf Lorbeeren auszuruhen. Denn er glaubt, dass auch kleinere Sonntagstitel Leser verlieren werden. Auch, weil das digitale Angebot am Sonntag immer wichtiger werde.

«Weltwoche» und «WoZ» legen zu

Im Aufwind sind auch politisch eher polarisierende Medien wie die «Weltwoche» (+4,7 %) und die «WoZ» (+26 %). Ungebrochen ist der Siegeszug der «Landliebe», die mittlerweile eine Reichweite von 627'000 Lesern erzielt. Der gegenteilige Effekt ist offenbar bei der «Basler Zeitung» zu beobachten, an der Christoph Blocher beteiligt ist. Hier ging die Leserschaft markant um 12,3 % auf 114'000 zurück.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
    Einerseits ist die Polarisierung (WW und WoZ) alarmierend, andererseits stimmt die Gewichtszunahme der Regionalblätter zuversichtlich. Polarisierung verunmöglicht Lösungen; sie fördern die Fallgeschwindigkeit. Es ist nicht der Fall, der schmerzt, sondern der Aufprall. Regionalisierung (und damit Organisation in kleineren Einheiten) kann den Aufprall mildern, sofern nicht nur der Wille, sondern auch die Kraft vorhanden ist, sich gegen lokale Lobbies zur Wehr zu setzen.
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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Digital hier, digital da. Überall nur noch Apps und Bildschirme. Push-Nachrichten bis zur Erschöpfung. Die Leute sehnen sich wieder nach etwas, dass man anfassen, zerknüllen, riechen kann. Der digitale Hype macht die Menschen kaputt durch zu viele Information und die Abhängigkeit von Technologie.
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    1. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Der Abhängigkeit wird man sich erst bei einem Ausfall bewusst. Der Mensch ist selbstverlogen und bequem. Er funktioniert immer noch nach dem alten evolutionären Prinzip, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel zu erreichen. Darin unterscheidet er sich nicht von einem Tier.
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