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Wirtschaft SNB-Präsident Jordan verteidigt Negativzinsen

Die Nationalbank bekräftigt ihre Geldpolitik, die seit der Aufhebung des Franken-Mindestkurses gilt. Das derzeitige Zinsniveau will sie bis auf weiteres beibehalten. Thomas Jordan hält den Franken immer noch für überbewertet, Negativzinsen seien deshalb unumgänglich

Legende: Video Geldpolitische Lagebeurteilung: Jordan zu Leit- und Negativzinsen abspielen. Laufzeit 1:00 Minuten.
Aus News-Clip vom 19.03.2015.

Keine Überraschung bei der ersten geldpolitischen Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) seit dem Fall der Frankenuntergrenze: Die Notenbank belässt das Zielband für den Dreimonats-Libor bei minus 1,25 bis minus 0,25 Prozent. Und wenn institutionelle Anleger bei der SNB Geld deponieren wollen, müssen sie weiterhin einen Strafzinse von 0,75 Prozent bezahlen, auch die Freibeträge gelten unverändert.

Unbeliebten Negativzins verteidigt

Der Negativzins trage dazu bei, Anlagen in Franken weniger attraktiv zu machen, sagte SNB-Präsident Thomas vor den Medien. Der Franken sei insgesamt deutlich überbewertet und sollte sich über die Zeit weiter abschwächen.

Das gegenwärtige Zinsniveau will die SNB deshalb bis auf weiteres beibehalten. «Es wird die Abschwächung des Frankens weiter unterstützen», so Jordan. Er verteidigte die Einführung der Negativzinsen, die neben den Banken auch die Pensionskassen belasten, wenn sie Geld bei der Nationalbank parkieren wollen. Im aktuellen Umfeld gebe es keine Alternativen zu den Negativzinsen.

Jordan trat erstmals seit dem Frankenschock Mitte Januar wieder vor die Medien. Die Nationalbank änderte damit ihre bisherige Gepflogenheiten: Ihr Direktorium führte bisher nur im Juni und Dezember Medienkonferenzen zur Geldpolitik durch.

Legende: Video «Der Mindestkurs war nicht mehr nachhaltig» abspielen. Laufzeit 1:09 Minuten.
Aus News-Clip vom 19.03.2015.

Weiterhin am Devisenmarkt aktiv

Ausnahmen vom Negativzins auf Giroguthaben bei der SNB will Jordan weiter abbauen. Einige öffentliche Institutionen sind derzeit davon ausgenommen. «Je mehr Ausnahmen gemacht werden, desto weniger wirksam wird dieses Instrument», begründete der SNB-Präsident die Massnahme. Schliesslich seien es nicht nur ausländische Gelder, die zum starken Wechselkurs beitrügen.

In ihrer Geldpolitik trage die SNB weiterhin der Wechselkurssituation und deren Einfluss auf Inflation und Wirtschaftsentwicklung Rechnung, sagte Jordan weiter. «Wir bleiben deshalb bei Bedarf am Devisenmarkt aktiv, um die monetären Rahmenbedingungen zu beeinflussen.»

Ob und wie stark die Nationalbank seit Mitte Januar am Devisenmarkt den Franken zu schwächen versuchte, wollte der SNB-Präsident nicht bekannt geben.

Nur vorübergehend weniger Wachstum

Der Konjunktur sagt die SNB trotz grundsätzlicher Erholung eine vorübergehende Abkühlung voraus. Neu gehen die Währungshüter für das laufende Jahr von einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von «knapp 1 Prozent» aus, im Dezember rechneten sie noch mit «rund 2 Prozent». Ihre alte Prognose mussten sie angesichts der Frankenaufwertung seit Mitte Januar revidieren.

Insbesondere im ersten Halbjahr sei mit einer spürbaren Abschwächung der Wirtschaftsentwicklung zu rechnen, glaubt die SNB. Aufgrund dieser Entwicklung sei kurzfristig mit nicht ausgelasteten Produktionskapazitäten zu rechnen, die Arbeitslosigkeit dürfte moderat zunehmen. Die SNB erwartet jedoch, dass sich die weiter erholende internationale Konjunktur positiv auf die Schweiz auswirkt.

Einschätzung von SRF-Wirtschaftsredaktorin Barbara Widmer

«Der geldpolitische Entscheid der SNB ist keine Überraschung – es war
nicht zu erwarten, dass sie die Negativzinsen aufgibt oder wieder eine
Euro-Franken-Mindestkursgrenze festlegt. Trotzdem hat der Devisenmarkt
bereits reagiert, der Franken wurde etwas stärker. Der Grund dafür ist
wohl, dass die SNB heute kein neues Signal gesetzt hat, dass man
zusätzlich Investoren aus der Schweiz vertreiben will.»

Keine Deflation erwartet

Jordan rechnet nicht mit einer anhaltenden Negativinflation oder gar einer Deflationsspirale. Der starke Franken und der gesunkene Ölpreis liessen die Inflation vorübergehend aber deutlicher negativ ausfallen.

Für 2015 hat die SNB ihre Inflationsprognose um einen Prozentpunkt auf -1,1 Prozent gesenkt. Ihren Tiefpunkt erreicht die Inflationsrate laut SNB mit -1,2 Prozent im dritten Quartal 2015.

Legende: Video «Ende des Mindestkurses war nur eine Frage der Zeit» abspielen. Laufzeit 3:59 Minuten.
Aus News-Clip vom 19.03.2015.

Die SNB nimmt Stellung

Nationalbank-Präsident Thomas Jordan trat seit der Aufhebung der Frankenuntergrenze im Januar erstmals wieder vor die Medien. Es habe keine Alternative dazu gegeben, sagte er. Das Protokoll der Medienkonferenz.

Wie die Nationalbank die Wirtschaftsaussichten sieht und die geldpolitische Lage beurteilt, lesen Sie hier.

Jordan zum Frankenschock

Ein Hinauszögern der Mindestkurs-Aufhebung wäre nur auf Kosten einer unkontrollierbaren Ausdehnung der Bilanz um mehrere 100 Milliarden möglich gewesen. «Vor dem Hintergrund, dass der Mindestkurs nicht mehr nachhaltig war, wären zusätzliche Interventionen zwecklos und die daraus entstehenden enormen Verluste nicht zu rechtfertigen gewesen.»

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Ein Nativzins schlägt irgend wann auch auf den Kleinsparer durch und frisst daher auf die Dauer dem kleinen Mann das Geld weg. Noch schlimmer ist es für die Jungen für die es sich kaum noch lohnen wird das Geld für ein Haus auf einer Bank zusammen zu sparen. Ein Nativzins ist auf die Dauer keine Lösung! Stimme daher der Einschätzung von Barbara Widmer zu; es braucht weitere Signale. Ich bin daher für eine Steuerreform welche die Schweiz für höhere Einkommen und Gewinne unattraktiv macht.
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  • Kommentar von Marlene Zelger, 6370 Stans
    Schuld am ganzen Schlammassel ist der Euro. Er ist höchst schädlich für ganz Europa. Sollte er dereinst verschwinden, würden wir ihm keine Träne nachweinen, dafür aber in Champagnerlaune ausbrechen
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  • Kommentar von Rico Meier, Flawil
    Dass die SNB auch Schweizer PK Altersguthaben teilw. über Negativzinsen indirekt besteuert ist stossend. Die SNB hat ihre masslose Devisenzockerei von rund 500 Mia. grossmehrheitlich über Fremdkapital finanziert hat (Giroguthaben der Banken bei der SNB) und kaschiert die Fehlspekulation in Euro und USD teilweise über Negativzinsen. Dies kann nicht im Sinne des SNB-Verfassungsauftrages sein, zumal der Steuerzahler bereits die riesigen Verlustrisiken auf der SNB-Bilanz tragen muss.
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