Software-Giganten machen der Autoindustrie Beine

Das selbstfahrende Auto wird das nächste grosse Ding, da ist sich die Forschung einig. Technologiekonzerne wie Google, Apple und Uber forschen am Auto der Zukunft – was traditionelle Auto-Hersteller gehörig unter Druck setzt.

Video «Software-Riesen tüfteln am selbstfahrenden Auto» abspielen

Software-Riesen tüfteln am selbstfahrenden Auto

10 min, aus 10vor10 vom 21.9.2015

Das Lenkrad. In 30 Jahren wird es wahrscheinlich nur noch in Oldtimern und Sportmaschinen zu finden sein. Denn das Auto der Zukunft fährt alleine. Und was tut der Fahrer, wenn er plötzlich nicht mehr auf die Strasse achten muss? Er geht online, kommuniziert, arbeitet, lässt sich unterhalten – so jedenfalls sehen IT-Konzerne wie Google und Apple die Zukunft.

Auto wird zum Rückzugsort

«Man geht davon aus, dass das Auto in Zukunft zum ‹third place› wird, ein Ort, wie es heute etwa ein Café ist», sagt der Mobilitätsforscher Thomas Sauter-Servaes von der Zürcher Hochschule der angewandten Wissenschaften. Das Auto ohne Lenkrad werde zum persönlichen Rückzugsort. Auch fürs ungestörte Arbeiten. «Heute sitze ich im Café und mache dort meine Arbeit, in Zukunft sitze ich im Auto. Aus Home-Office wird Road-Office.»

Die Software-Giganten wollen nicht mit Motoren Geld verdienen, erklärt Sauter-Servaes. «Sondern mit der Zeit, die wir im Auto verbringen.» In den Autos der Zukunft werden Bildschirme und Kommunikation sehr wichtig werden: Ein gigantischer neuer Werbekanal eröffnet sich. Zudem fallen bei Fahrten in Zukunft riesige Mengen persönlicher Daten an – die sich allenfalls wieder gewinnbringend vernetzen lassen.

Traditionelle Autobauer im Zugzwang

Die Software-Firmen hätten aber kaum einen Vorteil, wenn sie nun plötzlich die Hardware in Form von Autos bauen, sagt Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg, Kenner der Automobilwirtschaft. «Im Automobilgeschäft sind die Umsatzrenditen höchstens bei 5 bis 10 Prozent, bei Google sind diese bei 30 bis 40 Prozent. Die IT-Firmen werden sich Zulieferer suchen, weil sie kein Interesse haben, in den Fahrzeugbau selbst einzusteigen.» Die Autobauer hingegen werden sich hüten, mit ihren Weltmarken wie Mercedes oder Audi nur noch Junior-Partner zu sein.

Mittlerweile forschen fast alle namhaften Hersteller an autonomen Fahrzeugen. Sie wollen das Feld um keinen Preis den IT-Unternehmen überlassen. Doch den grossen Automarken haftet der Nachteil an, dass sie in traditionellen Mustern denken.

IT-Konzerne geniessen taktischen Vorteil

Hier geniessen IT-Konzerne einen taktischen Vorteil, sagt der Zukunftsforscher. «Die ersten Autos hiessen ‹pferdelose Kutschen› – und sahen auch entsprechend aus», erklärt Thomas Sauter-Servaes. «So wird es auch mit den selbstfahrenden Autos sein: Die allerersten Modelle werden aussehen wie Autos von heute. Aber für künftigen Erfolg wird man sich von diesem klassischen Design lösen müssen.»

Wer den Machtkampf gewinnen wird, wird sich in den kommenden Jahrzehnten zeigen. Bereits 2020 sollen die ersten komplett autonom fahrenden Modelle auf dem Markt sein.

Apple will eigenes Auto produzieren

Apple will laut «Wall Street Journal» in vier Jahren ein Elektroauto auf den Markt bringen. Der iPhone-Konzern habe die Entwicklung beschleunigt und als Zieldatum das Jahr 2019 gesetzt, schrieb die Zeitung unter Berufung auf Insider. Die Verantwortlichen hätten die Erlaubnis bekommen, das bisher 600 Mitarbeiter starke Team zu verdreifachen. Selbstfahrend solle das Auto erst in einem späteren Schritt werden.

Über Apples Pläne, ein Elektroauto zu bauen, wird bereits seit Anfang des Jahres berichtet. Der Konzern äussert sich nicht dazu. Nur einmal meinte Top-Manager Jeff Williams bei einem Bühnenauftritt neckisch: «Das Auto ist das ultimative Mobil-Gerät, nicht wahr?»