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Weniger sichtbare, aber gezieltere Tabakwerbung
Aus Info 3 vom 07.12.2020.
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Tabakindustrie Tabakwerbung: Influencer statt Marlboro Man

Die Tabakindustrie wirbt heute weniger sichtbar, aber gezielter und für andere Produkte – etwa auf Social Media.

Weder im Fernsehen noch im Kino und kaum noch an Plakatwänden: Dromedar und Marlboro-Cowboy sind aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Kein Wunder: Die Tabakindustrie werbe gar nicht mehr für Zigaretten, betont Francois Thoenen, Mediensprecher von des weltweit grössten Tabak-Konzerns Philip Morris in der Schweiz: «In der Schweiz werben wir auf den bekannten Kanälen für unsere neuen Produkte.»

Neue Produkte wie elektrische Geräte, die den Tabak oder eine Flüssigkeit verdampfen, wurden in den letzten Jahren stärker beworben. Gleichzeitig ist die Werbung für Zigaretten deutlich zurückgegangen. Das bestätigt die Auswertung der Werbemarkt-Analystin MediaFocus. Hat die Tabakindustrie 2012 noch über 20 Millionen Franken für Werbung ausgegeben, waren es bis Ende Oktober dieses Jahres noch nicht einmal sechs Millionen.

Trotzdem, die Werbesujets der Tabakindustrie seien für gewisse Bevölkerungsgruppen immer noch omnipräsent, sagt Markus Meury, Sprecher der Stiftung Sucht Schweiz. «Im Gegensatz zu früher gibt es weniger Werbung mit der Giesskanne und mehr gezielte Werbung dort, wo die jungen Menschen unterwegs sind.» Also in Bars und Cafés oder an Festivals und Kulturanlässen. Hier gebe es überall Werbung auf Aschenbechern, Bierdeckeln, oder es gibt Wettbewerbe.

Nationalrat will neue Regeln für Tabakwerbung

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Vier Jahre nach dem Scheitern der Vorlage hat sich der Nationalrat heute Montag erneut mit dem Tabakproduktegesetz beschäftigt. Er ist – anders als 2016 – auf die Vorlage eingetreten und will neue Regeln im Umfang mit Tabakwerbung im Detail diskutieren.

Der Bundesrat will mit der Vorlage die Tabakwerbung einschränken und insbesondere Kinder und Jugendliche besser schützen. Im ersten Anlauf hatte der Nationalrat das Geschäft an die Regierung zurückgewiesen. Der bürgerlichen Mehrheit gingen die vom Bundesrat vorgeschlagenen scharfen Regeln für die Tabakwerbung deutlich zu weit. Weil der Ständerat es auch so sah, musste der Bundesrat noch einmal über die Bücher.

Umstrittener sind die Details der Vorlage, über die sich nun der Nationalrat beugt. Wie vor vier Jahren geht es um die Frage, wie restriktiv der Staat in die freie Marktwirtschaft eingreifen soll. Die Fronten zwischen links und rechts dürften sich hier nicht gelockert haben.

Es liegen rund vierzig Minderheitsanträge und fast zehn Einzelanträge zu verschiedenen Gesetzesartikeln vor. Das ist der Grund, weshalb die Vorlage in den nächsten Tagen weiter zu reden geben wird.

Übergangsregelungen verlängert

Weil das Parlament noch eine Weile mit dem neuen Bundesgesetz über Tabakprodukte beschäftigt sein wird, will der Nationalrat nun die Übergangsregelung für Tabakprodukte im Lebensmittelgesetz um vier Jahre verlängern.

Damit soll verhindert werden, dass bis zum Inkrafttreten des neuen Gesetzes eine Rechtslücke entsteht. Die grosse Kammer folgte heut dem Willen ihrer Gesundheitskommission mit 165 zu 0 Stimmen. Die Vorlage geht nun an den Ständerat.

Und natürlich ist die Werbung auch im Netz. Das Internet ist auch für die Tabakindustrie wichtig geworden, bestätigt Kevin Suter vom Tabak-Konzern Japan Tobacco International: «Nirgendwo sonst kann man so zielgenau werben und sicherstellen, dass die Empfänger dieser Werbung erwachsen sind – und auch rauchen.» Erwachsene Raucher seien das Ziel der Werbung heute.

Werbung nur noch für Erwachsene?

Genau das zweifelt Sucht Schweiz an. Im Kern versuche die Tabakindustrie immer noch minderjährige Nichtraucher zu erreichen: «Es wird gezielter auf junge Menschen an diesen Orten fokussiert, wo sie sind. Das sieht die Öffentlichkeit ein bisschen weniger. Social Media werden heute gezielt beworben, auch durch Influencer. Das ist subtil.» Und weil auf den Social-Media-Plattformen Fotos und Videos munter geteilt werden, komme die Tabakwerbung schliesslich auch bei Minderjährigen an.

«Ein junges oder ein minderjähriges Publikum ist nicht unser Ziel», entgegnet der Philip Morris-Sprecher Thoenen. Dazu zitiert er just eine Studie von Sucht Schweiz: «Diese hat gezeigt, dass der Gebrauch von Tabakerhitzern durch Minderjährige statistisch nicht relevant ist und solche Produkte von diesem Publikum nicht nachgefragt werde.»

Plakatfigur Marlboro Man
Legende: Der Marlboro Man, eine Ikone aus der Tabakwerbung. Plakate wurden in den letzten Jahren ersetzt durch Werbung im Internet. Keystone

Tatsächlich zeige dies ihre Studie, bestätigt der Mediensprecher von Sucht Schweiz. Die Tabakindustrie wolle das mit ihrer Werbung jedoch ändern. Sie müsse schliesslich immer neue Kunden ansprechen, das sei ein ökonomischer Zwang, meint Meury. «Das ist auch bei E-Zigaretten so. Dort kann man sich nicht nur auf Raucher konzentrieren, weil sonst der Markt ja immer kleiner wird.»

Wenn die alten Raucher den Glimmstängel weglegen oder wegsterben, brauche es neue Konsumenten, so die einfache Rechnung von Sucht Schweiz. Sie möchte deshalb auch ein flächendeckendes Werbeverbot für Tabakprodukte. Versuche, Tabakwerbung weiter einzuschränken, sind bisher im Parlament gescheitert. Und derzeit sieht es so aus, dass auch mit dem neuen Gesetzesvorschlag die Nachfolger von Malboro Man und Dromedar nicht so stark eingeschränkt werden, wie von Präventions-Organisationen erhofft.

Darum geht es im Tabakproduktegesetz

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Viele Zigarettenschachteln im Laden
Legende:Keystone
  • Darum geht es: Der Bundesrat will griffigere Regeln für Tabakprodukte: Die Abgabe an Minderjährige soll verboten und die Tabakwerbung stark eingeschränkt werden. Der Gesetzesentwurf gilt für Zigaretten, aber auch E-Zigaretten, Tabakerhitzer und Snus (Tabakpäckchen, die unter die Lippe gesteckt werden). Diese neueren Tabakprodukte sind bisher wenig reguliert.
  • Das ist der Grund für die Vorlage: Die aktuelle Schweizer Tabakgesetzgebung gilt im internationalen Vergleich als liberal. In den Kantonen gibt es teilweise bereits weiter gehende Einschränkungen, die Vorlage soll die Situation vereinheitlichen.
  • Das geschah bisher: 2016 verwarf das Parlament ein strengeres schweizweites Tabakgesetz. Daraufhin lancierte eine Allianz von Gesundheits- und Jugendorganisationen eine Volksinitiative «Zum Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Tabakwerbung». Mit dieser Initiative im Nacken sind strengere Regeln für Tabak im Parlament wieder mehrheitsfähig geworden.
  • Das ist umstritten: Der Ständerat setzte ein umfassendes Werbeverbot in der gedruckten Presse und im Internet in das Gesetz. Dieses hat der Nationalrat nun aufgelockert und dafür die Werbung auf Plakaten verboten. Nun geht das Gesetz zurück in den Ständerat.

Info3 am Abend, 7.12.2020, 17 Uhr

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