«Fettleibigkeit ruiniert die Wirtschaft»

1,4 Milliarden Menschen sind übergewichtig. Jedes Jahr sterben 2,8 Millionen aufgrund ihres Gewichts. Ist die Lebensmittel-Industrie schuld daran? Am WEF debattieren Gesundheits-Experten und Industrie-Vertreter.

übergewichtige Person auf einem Stuhl von hinten Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Starkes Übergewicht kann zu verschiedenen Krankheiten führen. reuters/symbolbild

Die Zahlen sind eindrücklich: Jede fünfte Person ist laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) übergewichtig. Fast jede zehnte Person ist fettleibig – doppelt so viele wie noch 1980. 

«Übergewicht ist eine normale Antwort auf eine abnormale Kalorienzufuhr», erklärt Linda Fried das Phänomen. Die Ursache sei nicht etwa in den Genen zu suchen, sondern in externen Faktoren, sagt die amerikanische Gesundheitsprofessorin. Als Beispiel nennt sie die veränderte Zusammensetzung von Lebensmitteln.

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Der Body-Mass-Index (BMI)

Ab einem BMI von 25 gilt jemand als übergewichtig, ab einem BMI von 30 als fettleibig. Der BMI wird berechnet, indem das Körpergewicht (in Kilogramm) durch die Körpergrösse im Quadrat (in Metern) geteilt wird.

Gesundheitskosten explodieren

Auch die körperliche Aktivität in der Bevölkerung habe über die letzten Jahre dramatisch abgenommen, sagt Lisa MacCallum Carter vom Sportartikel-Hersteller Nike. Neue Studien zeigten: US-Bürger bewegen sich 32 Prozent weniger als 1967. In China sei die körperliche Aktivität innerhalb einer halben Generation gar um 45 Prozent gesunken. «Fettleibigkeit wird in naher Zukunft die Wirtschaft ruinieren», ist sich MacCallum Carter sicher.

Fettleibigkeit kostete die USA gemäss Schätzungen im Jahr 2008 fast 150 Milliarden Dollar – doppelt so viel wie zehn Jahre zuvor.

Sind die Lebensmittelfirmen schuld, die immer mehr verkaufen wollen? «Wir sind eine Lebensmittelfirma, natürlich verkaufen wir da Lebensmittel», verteidigt sich Nestlé-Chef Paul Bulcke. Doch die Gesellschaft brauche eben Sündenböcke, und da komme Nestlé als weltweit tätiges Unternehmen sehr gelegen.

« Wäre Fettleibigkeit ansteckend, hätte sie den Pandemie-Status. »

Die Industrie sei im Clinch, sagt Bulcke: «Lebensmittel müssen gut schmecken – doch dann kommt der Vorwurf, die Lebensmittel schmecken zu gut!» Alle Interessensvertreter müssten Teil der Lösung sein – nicht nur die Industrie. Am wichtigsten sei ohnehin die Aufklärung der Konsumenten. «Es ist eine Schande, wenn im Unterricht das Thema Ernährung fehlt. Und es ist eine Schande, wenn Regierungen nicht aktiv werden», so Bulcke. Allzu strenge Regeln will allerdings auch er nicht: Die Industrien müssten ihre Handlungsfreiheiten behalten.

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2:28 min, aus Tagesschau vom 26.1.2013

«Wäre Fettleibigkeit eine ansteckende Krankheit, hätte sie längst den Status einer Pandemie», sagt Linda Fried. Die globalen Behörden hätten längst Alarm geschlagen. Stattdessen betrieben sie halbpatzige Prävention. «Und laufend kommen neue Faktoren hinzu, die das Problem verschlimmern. Beispielsweise die ständig ansteigende Portionengrösse.»

Meetings auf dem Laufband

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Übergewicht macht krank

44 Prozent der Diabetes-Fälle, 23 Prozent der Herzkreislauf- und 7 bis 41 Prozent der Krebs-Erkrankungen werden durch Übergewicht und Fettleibigkeit verursacht.

Nike habe aus seiner Forschung zwei Erkenntnisse gewonnen, sagt Lisa MacCallum Carter. Vorlieben würden im Kindesalter festgelegt. «Inaktive Kinder erfahren Vergnügen vor dem TV. Wir müssen ihnen zeigen, dass auch Bewegung Spass macht.» Aktive Kids seien besser in der Schule, sie seien kreativer und innovativer. Zweitens müssten Erwachsene körperliche Aktivität wieder in den Alltag einbauen. Erwähnt wird dabei ein CEO am WEF, der alle seine Meetings auf dem Laufband abhalte.

Marc Van Ameringen von der Globalen Allianz für verbesserte Ernährung (Gain) hält den Finger auch auf die staatlichen Subventionen: Mais-Sirup werde in den USA viel stärker subventioniert als Früchte und Gemüse. Die staatlich verordnete Anreicherung von Grundnahrungsmitteln funktioniere in Ländern mit Mangelernährung. Er sehe keinen Grund, warum solche Verordnungen nicht auch in Ländern mit starkem Übergewicht erfolgreich sein könnten. In einem Punkt sind sich die Podium-Teilnehmer einig: Wenn die Regierungen keine zentrale Rolle spielen, wird der Kampf gegen die Fettleibigkeit chancenlos bleiben.