«3-D-Drucker sind heute etwa so weit wie das Handy vor 30 Jahren»

Die am WEF zentral debattierte «vierte industrielle Revolution» führt zu grossen Veränderungen am Arbeitsplatz. SRF hat Karin Frick, Forschungsleiterin des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) gefragt, welche Technologien dabei besonders einschneidend sind und wie diese das Arbeitsleben umgestalten.

Porträt eines abstrakten binären Kopfes. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wer konkurrenzfähig bleiben will, darf sich laut GDI-Forscherin Karin Frick nicht von der Digitalisierung abwenden. Colourbox

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Zur Person

Porträt von Karin Frick

zvg

Karin Frick ist Forschungsleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Insitituts (GDI). Als Ökonomin erforscht und analysiert sie Trends und Gegentrends in Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum. Zuvor war Frick unter anderem Geschäftsführerin der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung «swissfuture».

SRF News: Welche bahnbrechenden Technologien und Produkte gehören Ihrer Meinung nach zur «vierten industriellen Revolution»?

Karin Frick: Ganz entscheidend ist die künstliche Intelligenz. Diese führt bei Maschinen zu einer enormen Weiterentwicklung des Lerntempos. Die Kluft zum Menschen wird dabei grösser, da dieser in seinem Lerntempo limitiert ist. Am deutlichsten kommt dies in der Weiterentwicklung von Software zum Ausdruck: Unternehmen wie Google oder Amazon verfügen über ein sogenanntes Innovationsmonopol. Man spricht von «exponentiellen Organisationen»: Sie verstehen die digitale Technologie so zu nutzen, dass sie Ergebnisse zehn Mal besser, schneller und billiger als vergleichbare Unternehmen ihrer Branche erzielen.

Neben diesen Software-Produkten wird der 3-D-Drucker die Herstellung von praktisch allen Dingen revolutionieren. Heute feilt man bereits am «umgekehrten 3-D-Drucker»: 3-D-gedrucktes Material soll wiederverwertet werden und die Kosten somit noch stärker gesenkt werden.

Welche Rolle werden Roboter spielen?

Eine «Verkörperung» der künstlichen Intelligenz werden wir wohl vor allem in der Pflege sehen. In Japan kann man in Erlebnisparken Roboter auch in anderen Servicetätigkeiten im Einsatz sehen. Generell baut man aber die passende Mechanik um die Software. Selbstfahrende Autos oder Drohnen sind die Endprodukte. In diesem Sinne steckt auch in einem Smartphone Robotertechnologie, für die wir keine Blechfiguren brauchen.

Von welchem Zeithorizont ist auszugehen, bis die neuen Technologien und Produkte vollumfänglich zur Anwendung kommen?

Schlussendlich geht es oft schneller als ursprünglich gedacht. Die 3-D-Drucker sind heute wohl etwa im Stadium des Handys vor 30 Jahren. Die Investitionen in die Technologien sind immens, so dass entsprechend rasch Fortschritte erzielt werden. Es sind auch schon konkrete Resultate feststellbar: Tesla führt Software-Updates durch, so dass die Autos nicht mehr in die Garage gebracht werden müssen. Im Wallis testet die Post selbstfahrende Busse. Global betrachtet ist interessant, dass auf die neusten Technologien aufgesprungen werden kann. Das chinesische Unternehmen Alibaba ist der Beweis dafür. Ohne eigene Ware zu haben, hat es sich zu einem supereffizienten Grosskonzern entwickelt. Hierzulande kann man insbesondere an der ETH feststellen, wie weit die High-Technology fortgeschritten ist.

Eine Design-Studentin präsentiert in Ramat Gan (Israel) ihre mit einem 3-D-Drucker hergestellte Kleiderkollektion. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kleider werden künftig wohl je länger je mehr mit 3-D-Druckern angefertigt. Und selbstverständlich online bestellt. Reuters

Ist die Schweiz in Sachen Forschung und Unternehmertum stark genug aufgestellt, um auf den Zug der «Industrie 4.0» aufzuspringen?

Bei der Innovation ist die Schweiz sehr gut aufgestellt. Die ETH in Zürich und Lausanne haben Forschungsprojekte, die konkurrenzfähig sind. Das ist mit ein Grund, weshalb ein Unternehmen wie Google hier ist. Schwieriger ist es mit dem Unternehmergeist, der Vermarktung und der Bereitschaft nach Risikokapital. Das funktioniert in den USA besser. Man muss bei diesem Vergleich aber auch die Grösse des Schweizer Binnenmarktes berücksichtigen: Will man richtig gross werden, gilt es den Exportmarkt abzudecken.

Aber sprechen wir bei der «Industrie 4.0» nicht von Produkten für einen globalisierten Markt?

Es verbindet sich Lokales mit Globalem. Die meist genutzten Geräte sind mobil, doch sind wir Menschen physikalisch lokal angesiedelt und haben entsprechend lokale Präferenzen. Vereinfacht gesagt werden wir immer lokal Hunger haben. Wir sind mit der neuen Technologie sogar hyperlokal in einem globalen Netz. Die Produkte müssen also nach wie vor auf regionale Bedürfnisse abgestimmt sein.

Was sind die Voraussetzungen, dass die Menschen längerfristig mit den neuen Technologien gut zusammenarbeiten können?

Man darf sich nicht vor diesem Wandel verschliessen, sondern muss lernen, die neuen Möglichkeiten zu verstehen. Dann wird man Opportunitäten und Nischen entdecken, die einem zusagen. Mit der Digitalisierung ist es wie mit der Elektrifizierung: Kein Land wird auf diese Technik verzichten. Wer offline bleibt, wird nicht wettbewerbsfähig sein. Das ist für mich auch eine wichtige Botschaft an die Frauen: Sie haben auf dem Arbeitsmarkt viel aufgeholt in den letzten Jahren, doch ist der Frauenanteil entlang der digitalen Geschäftszweige noch viel zu klein. Zurückhaltung bringt nichts, man muss diese Mechanismen verstehen, um sein eigenes Geschäft zu eröffnen.

Mit welchen Konsequenzen rechnen Sie auf dem Arbeitsmarkt?

Man geht davon aus, dass um die 50 Prozent der Stellen durch die künstliche Intelligenz ersetzt werden. Viele Entwicklungen des anstehenden Wandels können wir uns noch gar nicht vorstellen. Ganz entscheidend wird sein, wie sich Einkommen und Besitz zusammensetzen, wenn das Erwerbseinkommen immer kleiner wird. Einigen wir uns auf ein Grundeinkommen?

Im Unterschied zu anderen Ländern haben wir hier die Möglichkeit in ein neues Sozialsystem zu investieren. Das wird wichtig sein, um den Menschen die Sicherheit zu geben, nach wie vor ‹nicht durchs Netz zu fallen›. So bleibt der Mut, neue Dinge auszuprobieren und die Innovationskraft erhalten. Es eröffnen sich mit der Digitalisierung auch Möglichkeiten, von denen Leute über 50 mit einer Stärke für Innovationen profitieren können. Für die Schwächsten braucht es immer ein Auffangnetz – jetzt und in Zukunft.

Das Gespräch führte Emanuel Gyger.