Wenn sich Schulden in Luft auflösen

Schulden seien da, um Menschen zu versklaven, behauptet der US-Anthropologe und Anarchist David Graeber. Er fordert deshalb den Erlass von Schulden für Staaten wie für Private – und das weltweit.

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David Graeber über Ungleichheit im Schuld-System

0:26 min, aus ECO vom 14.10.2013

«Alle Kredite konnten früher auch erlassen werden», sagt David Graeber im Interview mit «ECO». «In der Antike wurden Schulden periodisch gestrichen – das war die ursprüngliche Idee. Im Mittelalter gab es gar keine Kredite mit Zinsen. Das Resultat: Die Wirtschaft prosperierte fast auf der ganzen Welt.»

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David Graeber

Der Anthropologe und Professor an der London School of Economics ist bekennender Anarchist. Seit Jahren kämpft er gegen den Kapitalismus und ist Mitbegründer der «Occupy-Wall-Street»-Bewegung.

Es brauche nun ein Zurück zu dieser Auffassung des Schuldenmachens. Auch im Falle der hoch verschuldeten Staaten wie den USA oder krisengeschüttelten EU-Ländern: Ein weltweiter Schuldenerlass sei laut Graeber die Lösung, um den Kollaps abzuwenden und einen völligen Neustart zu machen. Heute leben die Staaten über ihren Verhältnissen, bezahlen Schulden mit neuen Schulden.

«Opfer werden zu Schuldigen»

Graeber wirft den Mächtigen vor, sich untereinander die Schulden zu erlassen – und am Ende seien es die kleinen Leute, die büssen müssten. «Schulden sind das effektivste Mittel der Menschheit, um ungleiche Beziehungen gewaltsam zu zementieren», so Graeber. «Heute ist das moralisch akzeptiert, man macht die Opfer zu Schuldigen.»

David Graeber provoziert mit seinem Ansatz. Ökonom und Publizist Beat Kappeler etwa stemmt sich gegen dieses Konzept. «Es wäre eine Erschütterung des Vertrauens in den Staat, der den Bürgern und Gläubigern gegenüber zurückzahlt, verantwortlich ist», sagt er gegenüber «ECO», «und es wäre eine Erschütterung der Idee des Geldes, welches dann nur noch Papiergeld wäre, das den Staat finanziert.»

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 13.10.2013 11:00

    Sternstunde Philosophie
    David Graeber – Warum uns Schulden versklaven

    13.10.2013 11:00

    Seit der Erfindung des Kredits vor 5000 Jahren treibt das Versprechen auf Rückzahlung die Menschen in die Sklaverei, sagt David Graeber. Barbara Bleisch trifft den Vordenker der Occupy-Bewegung zum Gespräch über den Ausstieg aus der Schuldenkrise und über Alternativen zum Kapitalismus.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • «Und vergib uns unsere Schulden»

    Aus ECO vom 14.10.2013

    Die USA stehen kurz davor, entweder ihre Staatsschulden weiter zu erhöhen oder bankrottzugehen. Schulden bringen weltweit zahlreiche Länder ins Trudeln. Dabei gäbe es scheinbar ein einfaches Gegenmittel: die heutigen Schulden einfach streichen, also nicht mehr zurückzahlen. Das schlägt zumindest der Amerikaner David Graeber vor. Der Star-Autor und Professor an der London School of Economics hat dies in seinem Bestseller «Schulden. Die ersten 5000 Jahre» propagiert. Und erhält von vielen Seiten Applaus.

  • David Graeber - Vordenker der Protestbewegung Occupy-Wallstreet

    Aus Echo der Zeit vom 11.10.2013

    Aktivist, Anarchist und Anthropologe: Der US-Amerikaner David Graeber vergleicht die Finanzwelt mit einem Affenstamm. Der Kapitalismus-Kritiker erhielt für sein Buch «Schulden. Die ersten 5000 Jahre» selbst von renommierten Ökonomen Beifall. Diese Woche war er erstmals in der Schweiz.

    Isabelle Jacobi