Die BuchKönig bloggt «Mein Bruder Che» verklärt den Commandante

Ich bin perplex. Da geistert doch tatsächlich ein Bruder von «Che» Guevara in Buenos Aires herum. Nach fünfzig Jahren meldet sich Juan Martin Guevara und will in seiner Autobiografie den Mythos «Che» zerstören. Endet aber im verbalen Klassenkampf.

Buch «Mein Bruder Che» von Juan Martin Guevara auf einem Resopaltisch, daneben ein Mate-Becher mit Bombilla Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Intime Einblicke in «Mein Bruder Che» Trotzdem gibt's nicht mehr als drei Kronen. Denn wer «Che» wirklich war, bleibt mir ein Rätsel. AK

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Bildlegende: Bewertung: Drei Kronen Colourbox

Dieses Buch ist für mich eine Reise «back to Argentina». Vor sieben Jahren bin ich vier Monate lang kreuz und quer durchs Land meiner Träume gereist. Ich war in Rosario, der Geburtsstadt von «Che». Ich war in Misiones. Dort hat er seine ersten Schritte auf einer Mate-Plantage gemacht. Ich war in Alta Gracia, wo er wegen Asthma seine Jugendjahre verbringen musste. Und natürlich war ich in Buenos Aires. Da hat «Che» gelebt und studiert, bis er dann in Mexiko Fidel Castro getroffen hat. Das klingt ganz schön nach «Che»-Jüngerin. Bin ich abernicht.

«Mein Bruder Che» ist ein intimes und faktenreiches Buch. Man spürt, Juan Martin Guevara war immer im Schatten seines Bruders. Er hat gelitten. Acht Jahre hat er hinter Gittern der argentinischen Militärjunta verbracht. Nur weil er der Bruder war. Jetzt, mit 75 Jahren will er der Welt verkünden, wie «Che» als Mensch war. Doch nach der Lektüre bin ich so schlau wie davor.

Aber es gibt auch Entdeckungen im Buch. Dinge, die ich nicht kannte:

«In den Bergen war Ernesto zu Che geworden, so getauft von seinen Gefährten, weil er, als waschechter Argentinier, der er war, die Marotte hatte, allen seinen Sätzen «che» hinzuzufügen. Sein Spitzname störte ihn nicht, im Gegenteil: Er liebte es, an seine Wurzeln erinnert zu werden. Che und mate waren seine beiden Argentinismen.»

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Die BuchKönig

Die BuchKönig

Ich, Annette König, bin Redaktorin bei SRF Literatur. In meinem Bücher-Blog teile ich meine Lese-Leidenschaft mit allen, die Bücher lieben. Nebenwirkungen wie Herzklopfen, Melancholie, Heiterkeit, Verzauberung, Unbehagen und Anzeichen schwerer (Sprach)Verliebtheit sind nicht ausgeschlossen.

Daumen rauf

  • «Che» polarisiert. Für die einen war er ein Volksheld, für die andern ein brutaler Guerillero. Für seinen Bruder war er ein grosser Denker und Menschenfreund. Solche Widersprüche reizen mich.
  • Die Bruder-Perspektive ist interessant. Ihr Vater war ein Porteño, ein mittelloser, durchgeknallter Tangotänzer. Ein Nachtschwärmer. Die Mutter war Feministin. Gehörte zu den ersten argentinischen Frauen, die einen Bubi-Kopf hatte, Hosen trug und Auto fuhr. Toll!
  • Das Buch fasziniert. Ich spüre: «Che» hat mit Volldampf gelebt und dazu noch gut ausgesehen. Mmmhhh - bin ich da nicht gerade einem Mythos aufgesessen?

Daumen runter

  • Juan Martin Guevara zementiert den Mythos «Che». Obwohl er das Gegenteil verspricht.
  • Sein Buch ist ein wehmütiger, kritikloser Abgesang auf den berühmten Bruder. Den wahren «Che» findet man darin nicht.
  • Die letzten Kapitel werden zur Schmähschrift gegen den Kapitalismus. Der Autor outet sich als Guevarist und ruft die Jungen von heute zum bewaffneten Kampf gegen den Kapitalismus auf. Viva la revolucion! – Oje.

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Handzeichnung von Merchandise-Produkten von «Che» wie T-Shirt, Poster, Sticker, Buch Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Kapitalismus gewinnt Der Mythos bleibt ungebrochen. «Che» ist heute ein Merchandise-Produkt. AK

Das Buch «Mein Bruder Che» von Juan Martin Guevara liegt auf einem weissen Teller, das Besteck steckt mitten drin Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Annette König hat «Mein Bruder Che» wie ein Bife de lomo filetiert. AK

Der Autor

Juan Martin Guevara wurde 1943 geboren. Er lebt in Buenos Aires. Während der argentinischen Militärdiktatur verbrachte er wegen seinen politischen Aktivitäten und seiner Beziehung zu Che acht Jahre hinter Gittern der Militärjunta.

Das Buch: Juan Martin Guevara: «Mein Bruder Che» (2017, Tropen)