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Leben mit HIV
Aus Treffpunkt vom 15.06.2021.
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40 Jahre Aids Drei HIV-positive Menschen sprechen über ihr Leben

Einst ein Schreckgespenst, heute eine chronische Krankheit. Doch gewisse Vorurteile über HIV halten sich bis heute.

Der Langzeitüberlebende

«Es war eine Zeitbombe, ein Todesurteil auf Raten.» Auch Werner Neth fürchtete sich vor dem Ausbruch der Krankheit Aids und dem Tod. 1986 erfährt er, dass er HIV-positv ist. Es sei eine wahnsinnige Belastung gewesen. Rundherum starben Leute.

Auch bei ihm bricht Aids aus, zum Glück erst 1995. Er überlebt dank einer neuen Behandlung. Heute ist Neth 70. Ausser der einen Pille am Morgen und einem Arztbesuch alle drei Monate zur Kontrolle der Therapie unterscheide sich sein Leben in keiner Weise von dem einer HIV-negativen Person.

Mann mit Brille
Legende: Seit 1986 weiss Werner Neth, dass er HIV-positiv ist. Heute ist er 70 und hat die selbe Lebenserwartung, wie HIV-negative Menschen. zVg

Neth spricht offen über HIV. Geoutet, auch in der Familie, hat er sich allerdings erst vor zwei Jahren. Seine Eltern waren bereits verstorben. «Ich wollte niemanden beunruhigen. Ich bin ja eigentlich gesund.»

Die Frage ist, warum soll ich es überhaupt sagen? Ich habe ja die gleiche Lebenserwartung wie HIV-negative Personen.
Autor: Werner Neth (70)weiss seit 1986, dass er «HIV-positiv» ist

Die Notwendigkeit eines Outings sehe er einerseits noch immer nicht. Andererseits könne er damit einen Beitrag leisten, dass über dieses wichtige und heikle Thema offen gesprochen werde.

Aber ja, auch in seinem Freundeskreis spreche man eigentlich nicht darüber. An der Grillparty spriche man über Schlafprobleme oder die Physiotherapie. «Wer in meiner Umgebung aber HIV-positiv ist, das weiss ich nicht. Weil man nicht darüber spricht. Es scheint schon ein Tabu zu sein.»

HIV und Aids in der Schweiz

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HIV und Aids in der Schweiz
Legende: Die rote Solidaritäts-Schleife auf dem Bundesplatz 2004. Keystone
  • In der Schweiz leben knapp 17'000 Menschen mit HIV. 2019 wurden in der Schweiz 421 neue HIV-Diagnosen gestellt. In den 1990er-Jahren waren es im Durchschnitt 1300 Fälle pro Jahr.
  • Vier von fünf Ansteckungen betreffen Männer. Wie in den Vorjahren wurde 2019 von Männern mit HIV-Diagnose am häufigsten Sex mit anderen Männern als Ansteckungsweg genannt (49,1%).
  • Aids bricht pro Jahr bei rund 70 HIV-positiven Personen aus. Dies sei der Schnitt über die vergangenen fünf Jahre. Drei von vier Aids-Patient:innen seien heterosexuelle Personen. Das sei erstaunlich. Die Aidshilfe Schweiz geht davon aus, dass viele heterosexuelle Personen gar nichts von ihrer Infektion wussten, bis zum Ausbruch von Aids, wobei das regelmässige Testen bei homosexuellen Männern verbreitet sei und daher auch eine HIV-Infektion eher festgestellt wird.

Von Geburt an HIV-positiv

«Ich habe vor acht Jahren einen gesunden Sohn zur Welt gebracht und auch mein Lebenspartner ist HIV-negativ», erzählt Judith. Sie ist seit ihrer Geburt HIV-positiv.

Frau mit Brille
Legende: Judith: «Mein Immunsystem ist geschwächt. Mit 29 war ich jetzt das erste Mal ein Jahr lang nicht krank. Das hat sicher auch mit den Masken zu tun.» zVg

In ihrer Jugend sei Aids sehr präsent gewesen. Seit HIV aber kein Todesurteil mehr sei, habe das Interesse abgenommen. «Dass Frauen jetzt sogar stillen können, das ist auch so ein Fortschritt, den die Bevölkerung gar nicht mehr mitbekommt.» Viele seien mit ihrem Wissen nicht mehr auf dem aktuellsten Stand.

Ich glaube in den Köpfen der Bevölkerung sind immer noch die alten Bilder vom Platzspitz, der Drogenszene, verbunden mit HIV.
Autor: Judith (29)ist seit ihrer Geburt HIV-positiv

Die Aufklärung ist Judith ein grosses Anliegen. Bereits zu Schulzeiten entschloss sie sich, dass sie keine Heimlichkeiten möchte. Sie outete sich. «Es wäre wichtig, dass auch Persönlichkeiten hinstehen würden und sagen 'Ich bin HIV-positiv, aber es macht mich nicht aus'.» Denn es gäbe nach wie vor Missverständnisse.

Erst kürzlich wurde sie von einem Zahnarzt abgelehnt. Das sei verletzend. Noch heute müsse sie erklären, dass ihr Blut nicht ansteckend und das Virus nicht über die Luft übertragbar sei.

Was ist HIV? Was ist AIDS?

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Was ist HIV? Was ist AIDS?
Legende: Colourbox

Aids steht für «Acquired Immune Deficiency Syndrome» und bedeutet «erworbenes Immunschwächesyndrom». Dabei handelt es sich um die Spätfolge einer Infektion mit dem HI-Virus, «Human Immunodeficiency Virus».

Das HI-Virus zerstört bestimmte Zellen des Immunsystems und schwächt dadurch nach und nach die Abwehrkraft des Körpers. Der Verlauf einer HIV-Infektion wird in verschiedene Stadien eingeteilt. Aids bezeichnet jenes Stadium, in dem das Immunsystem so stark geschwächt ist, dass die Diagnose mindestens einer der Aids-definierenden Infektions- oder Tumorerkrankungen vorliegt.

Therapie und Ansteckungsgefahr: Die Medizin kann HIV nicht heilen. Doch gibt es Medikamente, mit denen die HIV-Infektion wirksam behandelt und kontrolliert werden kann. HIV-positive Menschen sind grundsätzlich nicht mehr ansteckend, wenn sie ihre HIV-Therapie nach Plan befolgen und wenn ihre Virenlast nicht mehr nachweisbar ist. Sie können also ungeschützten Sex haben, ohne zu befürchten, dass sie ihren Partner oder ihre Partnerin anstecken.

Angesteckt im Jahr 2014

«Das kann mir nicht passieren. Das ist so weit weg. In meiner Welt war HIV nicht vorhanden», erzählt Jens* (29). Die Diagnose einer HIV-Infektion mit 22 Jahren habe ihm den Boden unter den Füssen weggerissen. «Ich internalisierte die gängigen Stigmas: Jetzt bin ich krank. Man sieht es mir sicher an. Ich werde ausgeschlossen.»

Mann vor Fenster Symbolbild
Legende: In seiner Welt gebe es kein HIV, dachte Jens*. Die Diagnose «HIV-positiv» war für den damals 22-jährigen ein Schock. (Symbolbild) Daniil Onischenko / Unsplash

Workshops mit anderen Direktbetroffenen halfen ihm aus der anfänglichen Lebenskrise. Heute weiss er: «Nichts schränkt mich ein.» Jens spricht über seine HIV-Infektion, auch an Veranstaltungen. Er rät: «Wertet euch nicht ab. Egal in welcher Form. HIV-positive sind keine schlechteren und auch keine kränkeren Personen.»

In seiner Familie wüssten es trotzdem nicht alle. Das sei besser so, «aus Gründen», meint Jens. «Ein Outing und die damit verbundene Aufklärungsarbeit wären anstrengend und mit Schmerz verbunden.» Das sei nicht nötig.

Ich fürchte die Stigmatisierung und die Frage: 'Warum hast du es nicht von Anfang an gesagt?'
Autor: Jens* (29)Steckte sich mit 22 mit HIV an

In der queeren Community sei man gut aufgeklärt. Im Alltag werde er aber immer wieder unfreiwillig mit seiner Krankheit konfrontiert. Was die generelle Aufklärung betrifft, müsse noch viel passieren. Erst kürzlich habe er im Spital angeben müssen, ob er HIV-positiv sei oder nicht. Rechtlich sei das gar nicht mehr zulässig. «Das bringt dich in Bedrängnis. Sollst du jetzt lügen oder nicht?» Schon sei man bei der Stigmatisierung.

*Name geändert

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40 Jahre Aids, Andreas Lehner, Geschäftsführer Aidshilfe Schweiz
06:01 min, aus Morgengast vom 15.06.2021.
abspielen. Laufzeit 06:01 Minuten.

Radio SRF 1, Morgengast, 15. Juni 2021, 07:15 Uhr

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