«Integration ist harte Arbeit»

Beide leben nicht da, wo sie geboren sind. Der Berner Schriftsteller Jonas Lüscher lebt in München und Tania Espinoza Haller kam als Kind von Bolivien nach Bern. Am Sonntag sind sie bei Katharina Kilchenmann im «Persönlich» aus dem Konzert Theater Bern.

Tania Espinoza Haller

Porträt von Tania Espinoza Haller. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Tania Espinoza Haller. zvg

Tania Espinoza Hallers Vater war Journalist. Die Familie lebte in La Paz in einem grossen Haus. Als sie zehn Jahre alt war, kam alles anders: «Mein Vater war politisch engagiert und musste beim Garcia-Meza-Putsch im Juli 1980 untertauchen.» Noch im selben Jahr kam die Familie von Bolivien in die Schweiz.

«Für meine Eltern war klar, dass meine Schwester und ich hier eine öffentliche Schule besuchen würden», sagt Espinoza Haller. «Wir sollten so wenig wie möglich mit Migrantenkindern spielen und jedes erdenkliche Ferienlager mitmachen.» Am Anfang war es hart. Sie musste als Zehnjährige Deutsch lernen und hatte keine Ahnung von den gesellschaftlichen Codes in der neuen Heimat.

«Die Sprache spielt eine zentrale Rolle»

«Wie man sich verhält, kann man nur im Zusammenleben lernen», sagt Espinoza Haller. «Man muss wissen, wo man wie spricht oder wie viel Emotionen eine Begegnung verträgt. Das ist harte Arbeit, und die Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle.»

Mit 25 wurde Tania Espinoza Haller Lehrerin. Bis dahin sprach sie nur Hochdeutsch. Aber dann plötzlich entschied sie sich, auch diese Hürde zu nehmen – und überraschte ihr Umfeld mit akzentfreiem Berndeutsch.

Vom Flüchtlingskind zur Stadtratspräsidentin

Heute ist Tania Espinoza Haller bernische Schulinspektorin und im laufenden Jahr auch noch Stadtratspräsidentin. «In Kombination mit der Familie bedeutet das einen ziemlichen Organisationsaufwand», sagt sie. «Aber das nehme ich gerne auf mich.»

Jonas Lüscher

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Bildlegende: Jonas Lüscher. zvg

Jonas Lüscher hat lange an seiner Novelle «Frühling der Barbaren» gearbeitet. In einer Sprache, die bis ins Letzte durchdacht ist, beschreibt der Berner Schriftsteller den Schweizer Fabrikerben Preising. Dieser hat in einem Luxusresort mitten in der Wüste den Zusammenbruch der britischen Finanzwelt miterlebt.

Der Autor macht aus einer gut situierten Hochzeitsgesellschaft eine Horde von Barbaren und steckt zum Schluss das ganze Ferienparadies in Brand. Die Arbeit hat sich gelohnt: Seit der Veröffentlichung ist der Berner ein gefragter Autor. Das Buch war 2013 für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert.

Zürich – Bern – München

Jonas Lüscher ist ein feinsinniger Mensch und ein präziser Denker. Er formuliert seine Sätze genau, sowohl im Gespräch als auch auf dem Papier. So ist es wohl kein Zufall, dass er in «Frühling der Barbaren» die klassische Form der Novelle gewählt hat, um seine Geschichte kurz und prägnant zu erzählen.

1976 in Zürich geboren, ist Jonas Lüscher in Bern aufgewachsen und hat dort das Lehrerseminar besucht. Nun lebt er seit über zehn Jahren in München, arbeitete als Dramaturg, Drehbuchautor, Lektor oder Kellner. Er hat Philosophie studiert und macht derzeit seine Doktorarbeit in Philosophie und Ethik an der ETH Zürich.

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