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Digital am Sonntag Digital am Sonntag, Nr. 49: Der Mob und die Schreibmaschine

Am Wochenende hat man Zeit zum Lesen. Deshalb stellen wir hier jeden Freitag die Artikel zu Digital-Themen zusammen, die wir lesenswert finden.

Entspanntes Lesen in bequemen Sesseln.
Legende: Es muss nicht immer Zeitung sein. Gaetan Bally/Keystone

Shitstorm vs. Meinungshoheit

Da hat im ZDF ein Star-Moderator (M. Lanz, «Wetten, dass..?») ein richtig schlechtes Interview geführt, in dem er es für grossartig-bissigen Journalismus hielt, einer Eingeladenen (S. Wagenknecht, «Die Linke») laufend möglichst plakativ über den Mund zu fahren.

Einige verliehen ihrem Unmut darüber auf Twitter Ausdruck; andere eröffneten eine Online-Petition, die das ZDF auffordert, sich von Lanz zu trennen. Die Petition wirft ihm vor, nicht nur in dieser einen Sendung eine schlechte Leistung abgeliefert zu haben, sondern «notorisch peinlich» zu sein, vom «Umgang mit abweichenden Meinungen überfordert». Über 230'000 Personen haben die Petition bis jetzt unterstützt.

Das deutsche Feuilleton möchte aber offenbar lieber nicht über Interview-Technik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk diskutieren. Sondern darüber, dass sich in diesem Internet ständig ein grauenhafter Mob zusammenrottet und auf arme, unschuldige Leute losgeht, und dass das ganz schlimm sei.

Der preisgekrönte Journalist Stefan Niggemeier (ehemals BILDBlog) fasst prägnant wie immer einige der dämlichsten Meinungsäusserungen zusammen und weist in seinem Blog, Link öffnet in einem neuen Fenster darauf hin, dass die Feuilletonisten hier viel parteiischer sind, als sie selbst zugeben würden:

[Die Medien] verzweifeln daran, dass sie nicht nur ihr Meinungs-Monopol verloren haben, sondern den neuen anderen Stimmen auch noch zusätzlich Gehör verschaffen. Deshalb sehnen sie sich nach Zeiten zurück, als die Leute einfach schweigend konsumiert haben: das Fernsehen und die professionellen Kritiken darüber.

Damit aber noch nicht genug: «Zeit»-Herausgeber Josef Joffe lässt sich tatsächlich dazu hinreissen, genau das zu tun, was in diesem schlimmen Internet eigentlich verpönt ist: den Nazi-Vergleich.

Ich kannte Joffe bisher vor allem aus säuerlichen Karikaturen, Link öffnet in einem neuen Fenster der Satiriker des Titanic-Magazins und dachte mir immer, dass die wohl etwas zuspitzen. Nicht mehr, nachdem ich nun bei Niggemeier nachlese, Link öffnet in einem neuen Fenster, was Joffe allen Ernstes in ein angesehenes Qualitätsblatt geschrieben hat.

Denn Joffe behaupet nicht nur, dass Leserbriefe auf einer Schreibmaschine schreiben irgendwie deeskalierend wirke, als hätte er noch nie Wutbürger-Leserbriefe gelesen. Und vergleicht die Petition nicht nur mit dem altgriechischen Scherbengericht, ohne zu merken, dass jemanden per Abstimmung verbindlich in die Verbannung zu schicken nicht das gleiche ist wie lautstark eine Entlassung zu fordern. Sondern er bringt dann eben auch noch den Nazi-Vergleich:

In analogen Zeiten hieß es: «Kauft nicht beim Juden!» Heute ist die Verwünschungskultur digital.

Der Vergleich ist so schwachsinnig, dass es Niggemeier die Sprache verschlägt:

Mir fällt zu diesem Vergleich nichts mehr ein.

Das erlebt man bei Niggemeier selten.

Bilder schreiben

Jup, alles gab es schon früher. So auch ASCII-Art. Dort werden Bilder mit den Buchstaben und Sonderzeichen der ASCII, Link öffnet in einem neuen Fenster-Zeichentabelle erstellt, nicht Farbpunkt für Farbpunkt.

Gab es eben schon früher, schreibt , Link öffnet in einem neuen FensterAlexis Madrigal im Magazin «The Atlantic»: Schon Schreibmaschinen wurden für genau den gleichen Zweck benutzt. Nicht um zu schreiben, sondern um Bilder damit zu erstellen.

Links ein Kopf von Elvis Presley, rechts eine Liste von Zahlen und Ziffern.
Legende: Der King, mit Schreibmaschine gemalt. Daneben die Anweisungen zum Nachmalen. The Atlantic

Schön sind nicht nur die Gemeinsamkeiten dieser analogen Methode mit ihrem digitalen Nachkommen; sondern auch die Unterschiede. So hat man mit der Schreibmaschine die Möglichkeit, über einen Buchstaben mit einem weiteren zu überschreiben – was viel mehr grafische Kombinationen ermöglicht als mit den fixen Zeichensätzen der Computer.

Und dann konnte man so ein Bild natürlich nicht einfach copypasten. Stattdessen gab es Bücher, die Anweisungen enthielten, wie man welche Buchstaben schreiben musste, um das Bild selber zu erstellen, Zeile für Zeile, Zeichen für Zeichen. Und ja, diese Mühe nahm man tatsächlich auf sich: Aus einem Buch, das solche Bild-Anweisungen sammelte, zitiert Madrigal einige Stimmen von begeisterten Bild-Schreibern:

You have created a new hobby for me. […] Fascinating to watch the picture build up after each line. […] I feel a sense of achievement. […] Our whole family is intrigued by this very clever method of drawing and we congratulate you on your originality.

Hey, das wäre doch ein schönes neues Hobby für Josef Joffe!