«Bioshock Infinite» schwebt über allen anderen

Wie die Stadt Columbia über den Wolken schwebt, so schwebt «Bioshock Infinite» über anderen Schiess-Spielen: Mit einer Geschichte und einem Schauplatz, den man in solcher Vielschichtigkeit in diesem Genre sonst nicht kennt.

«Give us the girl and wipe away the debt»: das ist der Auftrag, den unsere Hauptfigur Booker DeWitt annimmt. Er soll das Mädchen Elizabeth finden und befreien, das in der über den Wolken schwebenden Stadt Columbia festgehalten wird. DeWitt hat Spielschulden und ist Alkoholiker. Er hat am Massaker bei Wounded Knee teilgenommen, der letzten grossen Schlacht im Vernichtungskrieg gegen die amerikanischen Ureinwohner. Seither leidet er wohl unter einer posttraumatischen Störung, ist ein gebrochener Mann. Mit diesem Auftrag hofft er, sich sowohl finanziell als auch moralisch rein zu waschen.

Columbia und der Prophet

Kein besserer Ort dafür als Columbia. Die Stadt wurde erbaut von Zachary Hale Comstock, mit dem Ziel, eine bessere Welt über den Wolken zu erschaffen; ein Utopia über dem Schlamm und Schmutz der Erde. Und über den Sünden: Comstock ist ein religiöser Fanatiker, der sich als Prophet gibt und mit Statuen, Geschichtsklitterung und konsequenter Propaganda einen Führerkult aufbaut. Er verspricht nicht nur ein wirtschaftlich besseres Leben, sondern auch ein reines, glückliches, moralisches: «The Prophet leads his people out of the Sodom below».

Eine Parade mit Propagandabildern des Propheten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dieser Prophet hält nicht, was er verspricht. Screenshot

Dieses Konzept bezieht sich auf den Gedanken der «City upon a Hill» (hier ist es eine «City upon the Clouds»): Ein Zitat aus der Bergpredigt, das in der amerikanischen Politik immer wieder gern verwendet wird (zum Beispiel von John F. Kennedy oder Ronald Reagan), um die moralische Vorbildfunktion und Strahlkraft der USA zu beschwören. Die Geschichte ist um 1912 angesiedelt; kurz vor dem Ersten Weltkrieg und nach dem Krieg der USA gegen Spanien. Also zu einem Zeitpunkt, als die USA den Gedanken des «American Exceptionalism» aktiv aussenpolitisch umzusetzen begannen und mit der «Befreiung» Kubas und der Philippinen den Grundstein für ihr Empire legten. Aufbruch und Sendungsbewusstsein, das in der kreuzzüglerischen Stadt Columbia gespiegelt wird.

Auch der Name «Comstock» ist nicht zufällig gewählt – war doch Anthony Comstock ein Post-Inspektor, der die «New York Society for the Suppression of Vice» gründete und Zeit seines Lebens gegen wahrgenommene Obszönitäten aller Art zu Felde zog. Nach ihm benannt ist der Comstock Act, ein Bundesgesetz, das verbot, per Post «obszönes Material» zu verschicken (darunter fielen auch Anatomie-Lehrbücher). Ebenso verbot das Gesetz Verhütungsmittel und die Verbreitung von Informationen zu Abtreibung. Comstock sah sich als derjenige, der das «Unkraut in Gottes Garten jäten» müsse. Also ein famoses Arschloch und damit perfektes reales Vorbild für die Figur des Zachary Hale Comstock.

Zweiklassengesellschaft

Ein Mann und eine Frau gefesselt auf einer Bühne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Ire und die Schwarze als Ziel eines Ballwurfwettbewerbs. Screenshot

Mit dem Versprechen einer besseren Welt über den Wolken lockt Comstock Menschen nach Columbia. Sind sie dort einmal angekommen, müssen sie allerdings erfahren, dass das Versprechen nicht für alle gilt. Schwarze und Iren werden in den dreckigen Kellern unter der Stadt gehalten und dürfen für die reichen «Founder» bis zum Umfallen schuften. Der skrupellose Geschäftsmann Jeremiah Fink besitzt sämtliche Produktionsmittel in der Stadt und beutet die Arbeiter schamlos aus. Fink und Comstock profitieren voneinander: Fink verdient sich eine goldene Nase und garantiert den Wohlstand für Comstocks Oberklasse.

Darf es etwas mehr Quantenmechanik sein?

In dieses historische Zerrbild wird zusätzlich eine gehörige Portion Quantenphysik verwoben. Zunächst wird mit Quanten-Levitation erklärt, warum eine ganze Stadt schweben kann. Die Wissenschaftlerin Rosalind Lutèce entdeckt das und ermöglicht so Comstock erst, Columbia zu bauen. Doch damit nicht genug. Lutèce entdeckt in der Geschichte auch die Theorie, die in der realen Quantenphysik die Viele-Welten-Interpretation genannt wird: Dass es möglicherweise eine unendliche Anzahl Universen gäbe, und alles, was in der Vergangenheit hätte passieren können, in einem dieser anderen Universen tatsächlich geschehen sei.

Diese Theorie wurde erstmals von Hugh Everett formuliert (übrigens dem Vater von «Eels»-Frontmann Mark Oliver Everett) und von Bryce DeWitt weiterentwickelt. Der also den gleichen Nachnamen trägt wie die Hauptfigur in «Bioshock Infinite».

Die Theorie ist natürlich für jeden Plot ein gefundenes Fressen. Und «Bioshock Infinite» nutzt die Idee von unzähligen parallel existierenden Universen, um die Handlung weiterzudrehen. Elizabeth, die wir bald befreit haben und die uns auf der Flucht aus der Stadt begleitet, hat die übernatürliche Fähigkeit, Risse («Tears») in ein anderes Universum zu öffnen.

Zum Beispiel, um einen Blick in eine alternative Geschichte zu werfen, wo nicht mehr die «Founder» die Oberhand haben, sondern eine Rebellion der Unterklasse das Gefüge von Columbia auf den Kopf gestellt hat. Aber auch rein spielmechanisch, indem Elizabeth uns im Kampf eine Deckung oder einen Geschützturm herbeiholen kann – aus einem Paralleluniversum, in dem gerade einer zur Verfügung steht.

Ein Quartett singt auf einem Schwebefloss. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Barbershop-Quartett singt Beach Boys. Screenshot

Dazu bietet der Kniff die Möglichkeit, viele kleine Anachronismen im Spiel zu verstecken. So singt ein Barbershop-Quartett eine schön harmonisierte Version von «God Only Knows» der Beach Boys oder ein Grammophon spielt eine Kabarett-Version von Tears For Fears' «Everybody Wants To Rule The World» ab. Sozusagen Songs, die aus einem anderen Universum abgekupfert wurden.

Alt-Tab zur Wikipedia

Genau solche Dinge machen den Hauptreiz von «Bioshock Infinite» aus. Es ist quasi ein Meta-Game, die vielen Fäden der Geschichte und die unzähligen Anspielungen und historischen Referenzen zu entwirren. Das Spiel zu pausieren und sich durch die Wikipedia zu kämpfen; sich in amerikanische Geschichte oder Quantenphysik einzulesen. Ich habe damit ähnlich viel Zeit verbracht wie mit dem Spiel selbst – «Bioshock Infinite» ist nicht nur für ein Schiess-Spiel aussergewöhnlich anregend.

Ein kompetenter Shooter

Daneben ist das Spiel auch ein richtig kompetenter Shooter. Wie in der «Bioshock»-Serie üblich benutzen wir eine Waffe (nur zwei können gleichzeitig mitgenommen und ausgewechselt werden) und dazu übernatürliche Kräfte. Hier heissen sie «Vigors» und wir können damit Gegner elektroschocken, Maschinen übernehmen oder einen tödlichen Schwarm Krähen hervorrufen.

«Bioshock Infinite» vermeidet dabei eine Falle, in die viele Shooter tappen und die ich nicht ausstehen kann: Es zwingt uns nicht eine bestimmte Spielweise auf. Wir können jede Waffe verwenden, die wir finden und für die wir genug Munition haben (die bis auf einen Level gegen Schluss immer an Automaten nachgekauft werden kann).

Das bedeutet, dass wir selbständig entscheiden können, welche Kombination aus Waffe und Vigor wir einsetzen – was natürlich den Spielstil wesentlich beeinflusst. So könnten wir Gegner per Stromschlag betäuben und aus der Distanz erledigen; oder wie ein Widder anstürmen und mit der Schrotflinte aufräumen. «Bioshock Infinite» bemüht sich, uns dazu zu bringen, auch mal eine andere Kombination auszuprobieren. Aber nicht, indem es uns zwingt und nur bestimmte Waffen zulässt – sondern indem die Gegner und die Umgebung variiert werden und sich so eine gewählte Strategie nicht unbedingt eignet. Überzeugen statt zwingen – so muss man das machen.

Erkunden und Entschlüsseln

Ein Denkmal zeigt den Propheten im Kampf gegen Revolutionäre. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Comstock rächt sich an der «Vox Populi». Screenshot

Das Spieltempo ist meist eher gemächlich, leichte Scharmützel statt epische Schlachten. Also nicht die ununterbrochene Achterbahnfahrt eines «Call of Duty»; erst gegen Schluss gibt es zwei, drei grössere Gefechte, die richtig hektisch und schwierig werden. Aber meist lässt uns das Spiel Zeit, die Stadt Columbia zu erkunden. Und die ist der eigentliche Star des Spiels – eine unglaublich vielschichtig verwobene historische Vision, eine spannende Dystopie.

Und auch wenn mich die Geschichte (wohl absichtlich) reichlich verwirrt zurückgelassen hat: «Bioshock Infinite» darf sich diese Komplexität leisten. Denn es erschafft eine Welt mit einer solchen Anziehungskraft, dass wir die reichhaltigen Rätsel entschlüsseln wollen.

«Bioshock Infinite» ist für PC, Playstation 3 und Xbox 360. Es ist ab 18. Das Haikiew ist hier.