Review: «Infamous First Light»

Endlich eine zeitgemässe Frauenrolle! «First Light» ist ein Dessert für Fans der «Infamous»-Reihe: ein Kapitel, das die Geschichte von «Infamous Second Son» erweitert und die Vorgeschichte von «Fetch» erzählt, einer jungen Frau mit Neon-Superkräften.

Ich muss zugeben, dass ich ein Fan der «Infamous»-Serie bin. Die letzte Version habe ich im Frühling hier besprochen und sehr gemocht. Und das, obwohl mir die Hauptfigur Delsin zuwider war und das Spiel nicht gerade mit Innovation glänzte. Das war mir aber schnuppe, denn das freie Bewegen durch ein wunderschön beleuchtetes Seattle und die spektakulären Kämpfe waren grossartig.

Ein Fan will mehr und erhält das nun mit «Infamous First Light». Das Spiel ist ein reiner Download-Titel, auch spielbar, wenn man das Hauptspiel «Second Son» nicht besitzt. Im gleichen Seattle angesiedelt ist «First Light» aber deutlich kürzer als «Second Son».

Es ergänzt die Geschichte des Hauptspiels um einen Prolog: Wir erfahren, wie Abigail Walker, genannt «Fetch», zu der Figur wurde, wie wir sie im Hauptspiel angetroffen haben. Eine klassische Origin-Story.

Fetch rennt schnell und zieht eine Neon-Spur hinter sich her. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Neon-Rausch verschwimmt die Welt in Pink. Screenshot

Fetch war schon in «Second Son» eine spannende Figur – und ihre Superkräfte aus Neonlicht so beeindruckend, dass sie genau die Figur aus dem Hauptspiel ist, mit der ich gerne mehr Zeit verbringe.

Rasende Neon-Spur

Fetch kann als Blitz in Pink durch die Stadt rasen, in atemberaubenden Tempo die Hauswände hoch. Dabei zieht sie eine Neon-Spur hinter sich her. Um dieses Leuchten besonders schön zur Geltung zu bringen, ist Seattle in «First Light» verregnet und in permanenter Dämmerung. Wie schon im Hauptspiel ist ihre Bewegung toll, die Kämpfe sind nach wie vor spektakulär und dank ein paar neuen Fähigkeiten auch klar genug von «Second Son» abgesetzt. Dazu ist die Geschichte zwar viel kürzer, aber besser geschrieben.

Wir steigen zwei Jahre vor «Second Son» in die Geschichte ein und finden Fetch zusammen mit ihrem Bruder auf der Flucht. Nach einer langen Drogenkarriere mit halsbrecherischer Geldbeschaffung haben sich die Geschwister nun so tief reingeritten, dass sie die Stadt fluchtartig verlassen müssen.

Fetch unter herbstlichen Bäumen im Regen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In diesem dauerdämmrigen Seattle schifft es ständig. Screenshot

Das geht schief. Stattdessen entführt der widerliche Shane den Bruder von Fetch und erpresst sie, seine Drecksarbeit zu erledigen und ihn zum Verbrecherkönig der Stadt zu machen. Wir bekommen also erklärt, warum Fetch dann später in «Second Son» einen Privatkrieg gegen die Drogenbanden Seattles führt.

Eine gute Frauen-Rolle

Mit Fetch reiht sich «Infamous First Light» in die noch sehr überschaubare Reihe von Action-Spielen mit Heldin ein. Und Fetch ist endlich eine Frauenrolle, die nicht die immer gleichen Klischees bedient. Sie ist weder hilflos noch unschuldig, nichts an ihr ist sexualisiert. Das ist alles so sauber geschrieben, dass es sogar trotzdem in Ordnung ist, dass ihre Superkräfte total pink leuchten.

Die Geschichte stellt zudem ein sehr verbreitetes Klischee auf den Kopf: die «Damsel in Distress», der Mann rettet eine hilflose Frau. Hier ist es umgekehrt: Fetch versucht, ihren hilflosen Bruder zu retten.

Fetch «sprayt» Neon-Bilder an die Wand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jöö! Geschwister-Neon-Graffiti. Screenshot

Und weil dieser zuvor versuchte, sie aus dem Drogensumpf zu befreien, sich zumindest als ihr Beschützer sah, ist diese Umkehr auch nicht einfach ein simples Spiegelbild des Klischees. Stattdessen ist Fetchs Motivation vielschichtiger und glaubwürdig.

Und Schock lass nach! Diese Geschichte ist gar nicht völlig seltsam! Es ist tatsächlich möglich, ganz natürlich eine Geschichte mit einer Frau in der Hauptrolle zu erzählen! Huch! «Infamous First Light» winkt also souverän in die Richtung des dumpf sexistischen Mobs, der sich gerade auch aktuell im Internet zusammenrottet. Da fällt eine lautstarke Minderheit über legitime Kritikerinnen her, auf eine Art und Weise, die allfälligen Argumenten jede Legitimität entzieht. Dass Games von einer «feministischen Verschwörung» irgendwie bedroht seien, ist schlicht Quatsch, und «Infamous First Light» zeigt das exemplarisch.

Die Nebenrolle hätte die Hauptrolle sein sollen

Dennoch ist es bezeichnend, dass die weibliche Hauptfigur im kurzen Zusatzkapitel untergebracht ist und im Hauptspiel von einem Douche Bag in die Nebenrolle verdrängt wird. Offenbar dürfen es immer nur kleine Schritte sein.

Das ist schade, denn ich hätte ein ausgewachsenes Spiel viel lieber mit Fetch als dem doofen Delsin gespielt, der Hauptfigur in «Second Son». Fetch ist schlicht die spannendere Figur. Ihre Sorge um den Bruder ist glaubwürdig, ihr Verhalten unter diesen Umständen ist nachvollziehbar. Fetch wird von einer Militaristin gefangen gehalten und manipuliert, und in diesen Verhören offenbart sie einen vielschichtigen, komplexen Charakter, von dem ich gerne mehr gesehen hätte.

Fetch steht auf einem Platz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Oben rechts der Widerling Shane. Wuärgs. Screenshot

Dies ist schliesslich der bleibende Eindruck von «First Light»: Ich hätte gerne mehr gehabt. Natürlich ist das kein ausgewachsenes Spiel, und ich mag sonst eigentlich durchaus kurze Spiele. Aber dieses wirkt komprimiert, beschleunigt, fast etwas gehetzt. Dan Whitehead (Eurogamer) nennt es in seinem Review «sandbox gaming on fast forward».

Nun hat meine Grossmutter immer gesagt, man solle dann aufhören, wenn es gerade am schönsten sei. Und mehr zu wollen, ist ja besser als die Nase voll zu haben. «First Light» ist halt nicht mehr als ein Dessert für Fans wie mich.

«Infamous First Light» ist für Playstation 4. Es ist ab 16. Das Review von «Infamous Second Son» ist hier. Das Haikiew ist hier.