Review: «No Man’s Sky»

Langsam und einsam erkunden wir ein unvorstellbar grosses Universum. Zu tun gibt es da wenig. Nach einem gewaltigen Hype polarisiert das Game nun extrem. Wir verstehen die Kritik, finden «No Man’s Sky» aber trotzdem grossartig.

Dieses Game ist ein hochinteressantes Biest.

Wir entdecken ein riesiges Universum mit 18 Trillionen Planeten. Auf jedem können wir landen, aus dem Raumschiff aussteigen, Flora und Fauna entdecken, Gebäude finden, Rohstoffe abbauen und verkaufen. Um unsere Ausrüstung zu verbessern, langsam in das Zentrum des Universums zu reisen und eine mysteriöse Geschichte zu verstehen.

Dieses Universum, alle Planeten, alle Bewohner sind prozedural erstellt. Also nicht von Hand modelliert, sondern nach bestimmten Regeln per Algorithmus generiert. Wir alle erkunden das gleiche Universum, doch niemand weiss, was da eigentlich genau drin ist. Wir erkunden Planeten, die selbst die Entwickler noch nie gesehen haben.

Video: Guido spielt «No Man’s Sky» (Let’s Play)

Winziges Team, riesiger Hype

Es ist ein seltsames Konzept von einem kleinen Studio aus Guildford im Südosten Englands. Nur etwas mehr als zwei Dutzend Personen haben am Game gearbeitet. Und vorzuweisen hatte Hello Games bisher nur «Joe Danger», dessen zwei Ausgaben ich zwar sehr mochte, die aber in keiner Weise so ehrgeizig waren wie «No Man’s Sky».

Ein See, grüne Hügel, rosa Pflanzen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Den ersten schönen Planeten benenne ich «Guidur I». Screenshot

Als «No Man’s Sky» vor zwei Jahren vorgestellt wurde, stahl es allen die Show. Seither hat sich ein Hype aufgebaut, der selbst für die nicht gerade Hype-feindliche Game-Industrie aussergewöhnlich ist. Das Game des kleinen Indie-Studios wurde von Verleger Sony auf die grosse Bühne gehoben. Director Sean Murray stellte es gar in Late-Night-Shows vor. Die Erwartungen der Fans stiegen ins Unermessliche. Als Murray im Mai eine Verschiebung der Veröffentlichung um einen Monat ankündigen musste, erhielt er Todesdrohungen. Immerhin schrieb auch jemand erotische Fan-Fiction.

Extrem polarisierte Meinungen

Nun ist es also hier. Und es polarisiert. Eine Fraktion findet es «berauschend», eine andere «langweilig und hässlich». Auch die Nutzer-Reviews bei Steam pendeln wild hin und her.

Ich finde «No Man’s Sky» grossartig, trotz unbestreitbarer Schwächen. Denn die Idee, ein Universum zu entdecken, das in meiner Konsole lebt und das noch nie jemand zuvor tatsächlich gesehen hat, bleibt faszinierend.

Nicht viel zu tun

Doch zunächst zu den Problemen. Das wohl wichtigste: Es gibt nicht so viel zu tun. Wir bauen Ressourcen ab und verkaufen sie, stöbern durch Aussenposten, suchen Pflanzen und Tiere, lernen neue Wörter, finden Baupläne für bessere Ausrüstung, versorgen unser Raumschiff mit Treibstoff, fliegen von Planet zu Planet und springen ins nächste Sternsystem. Wenn wir mit Ausserirdischen sprechen, geht es meist nur darum, die richtige Antwort auszuwählen und eine Belohnung zu erhalten. Eine Geschichte gibt es, sie ist aber mysteriös und minimal. Kämpfen können wir am Boden gegen fliegende kleine Wächter-Roboter und im All gegen Piraten.

Ein rotes Raumschiff raucht im rötlichen Gras. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: So fing ich an: Raumschiff kaputt, Planet wenigstens recht angenehm. Screenshot

Das wiederholt sich bald. Auch die neuen Planeten sind eher selten interessant: Oft sind sie kahl, mit wenig Vegetation und kaum Viechern. Die Gebäude sehen alle sehr ähnlich aus; besonders hier werden die Grenzen des Algorithmus sichtbar.

Die Sentinel-Roboter sind überall und tragen zum Eindruck der Gleichförmigkeit bei. Dass wir alles, was wir entdecken, auch benennen können (Sternsysteme, Planeten, Örtlichkeiten, Tiere und Pflanzen), ist zu Beginn reizvoll und lädt zu Schabernack ein, doch der verblasst bald ob der schieren Menge.

Das Menu sieht zwar schön aus, ist aber zu umständlich und nicht an die Konsole angepasst. Auch die PC-Version war zumindest zu Beginn für zu viele unspielbar.

Make explore, not war

Die Kämpfe gegen Roboter oder Piraten sind schrecklich. Zu Beginn viel zu schwierig, weil wir noch kaum durch Schilder geschützt sind und die Roboter direkt auf uns zu fliegen und perfekt zielen können. Es ist unmöglich, aus der Deckung heraus oder irgendwie taktisch zu kämpfen. Auch im Raum sind die Kämpfe langweilig: Ein paar Piraten fliegen in einer Ellipse um uns herum und wir schiessen einen nach dem anderen ab. Ob wir den Kampf überleben, hängt lediglich davon ab, ob wir genug Ressourcen dabei haben, um unser Schild immer wieder aufzuladen, bis alle Piraten erledigt sind.

Das Menu, um Antimaterie herzustellen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gegenstände herstellen oder Ausrüstung verbessern. Screenshot

Ausserdem ist es sehr schwierig, zu einem besseren Raumschiff zu kommen. Das Schiff, das ich zu Beginn hatte, konnte ich zwar schon bald ersetzen – doch jetzt sind alle Schiffe, die klar besser als meines sind, weit ausserhalb meiner Reichweite, weil viel zu teuer.

Ich habe also bald versucht, jede Gewalt zu vermeiden – und damit fällt eine mögliche Rolle für uns weg: Als «Space Pirate» zu spielen, ist zu umständlich und langweilig. Für Action- und Baller-Fans ist «No Man’s Sky» nichts.

Auch «Händler» geht nicht: Wir können zwar kaufen und verkaufen, doch der Platz im Raumschiff ist zu knapp und die Preis-Unterschiede zu gering, um den Zeitaufwand des Hin- und Her-Fliegens zu rechtfertigen.

Als «Mineur» können wir uns fühlen. Doch das ist natürlich Arbeit, die wir nur tun, weil wir müssen.

Die Rolle, die uns also bleibt, ist die des Entdeckers. Und die ist grossartig.

Grossartige Einsamkeit

Denn ich verstehe «No Man’s Sky» als ein Spiel über Einsamkeit. Über unsere Bedeutungslosigkeit in diesem gewaltigen Universum. Es ist ein langsames, meditatives Spiel. Es geht darum, Sinn zu finden in der Leere.

Gelbe Wüste mit Kakteen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kaktus-Planet. Screenshot

Ich glaube, das ist der Hauptgrund, warum viele enttäuscht sind – sie haben unendliche Unterhaltung und Aufregung erwartet. Stattdessen bedient «No Man’s Sky» eine andere Emotion: unendliche Einsamkeit. Als lägen wir nachts auf dem Rücken im Gras. Wir starren in den Sternenhimmel und fragen uns, was dort oben wohl ist.

Deshalb hatte ich auch bald keine Mühe mehr mit dem sehr beschränkten Platz in unserem Raumschiff. Zu Beginn des Spiels tun wir das, was man in Spielen immer tut: Systematisch alles abgrasen und jede Ressource aufsammeln, die herumliegt. Das geht hier nicht, weil unsere Taschen sofort voll sind. Das Spiel kommuniziert uns: Lass das einfach liegen! Denn Treibstoff und die wichtigsten Baumaterialien sind immer in Hülle und Fülle vorhanden. Wir werden in unserem Entdeckungsdrang nie behindert, trotz kleinem Raumschiff.

«Walking Simulator» in Space

«No Man’s Sky» ist also gewissermassen ein «Walking Simulator», ein Genre, das genau so die Gemüter scheidet wie dieses Spiel. Wir bewegen uns durch diese Welt, doch wir tun wenig. Wir hüpfen einfach von Planet zu Planet und staunen, was der Algorithmus für uns bereit hält.

Fratze, Flügel, Mausohren, Krallen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bei Tag sah der fliegende Teddybär noch süss aus. In der grünen Nacht ist er eine Ausgeburt der Hölle. Screenshot

Dabei ist es tatsächlich so, dass wir mehrheitlich auf gleichförmigen, kahlen, hässlichen, toten Planeten landen. Doch ab und zu stossen wir auf eine Überraschung, eine atemberaubende Aussicht. Und das ist eben eine gute Dramaturgie: Wir wühlen in der Ramschkiste und freuen uns über ein Schnäppchen.

Sanfte grüne Grashügel mit rötlichen Bäumen im Sonnenuntergang. Einen Dinosaurier, der aussieht, als müsste er ganz dringend aufs Klo. Einen fliegenden Teddybär mit Mausohren und Krallen. Das alles habe ich in diesem Universum gefunden. Und ich verspüre auch noch nach gut zwanzig Stunden den Drang, weiter zu fliegen und zu schauen, was es wohl auf dem nächsten Planeten zu entdecken gibt.

So bin ich bereit, «No Man’s Sky» seine Schwächen zu verzeihen. Weil es etwas wagt. Weil ein kleines Studio eine gewaltige Idee verfolgt. Weil das Spiel konsequent auf eine andere Emotion abzielt.

Mensch-Maschinen-Kunst und Naturerlebnis

Vor einem Aussenposten spaziert ein Dino vorbei. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ich entdecke einen Dinosaurier, der dringend aufs Klo muss. Screenshot

«No Man’s Sky» ist ausserdem ein Vorbote der Zukunft. Es führt vor, wie Mensch und Maschine zusammen Kunst schaffen können. Darüber denken neue Kunstformen wie «Glitch Art» oder die «Neue Ästhetik» ebenfalls nach.

Und: Bei aller Künstlichkeit bietet «No Man’s Sky» eigentlich ein Naturerlebnis. Denn in anderen Games haben immer Menschen die dramatische Aussicht gestaltet. Hier nicht, hier ist sie nach gewissen Regeln und durch Zufall entstanden. Wie in der Natur. Und ich bin wohl der erste, der sie sieht. Darum ist «No Man’s Sky» so faszinierend.

«No Man’s Sky» ist für Playstation 4 und Windows PC.

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