Review: «Sunless Sea»

Entdecken, Handeln, Kämpfen – und dabei immer versuchen, am Leben zu bleiben. Obwohl «Sunless Sea» noch nicht fertig ist, zieht das Game mit seinem hervorragend geschriebenen Gothic-Horror jetzt schon in seinen dunklen Bann.

Eine Boje leuchtet einsam in dunkler See. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In die Dunkelheit von «Sunless Sea» können wir all unsere Ängste projizieren. Failbetter Games

«Atmosphärisch» ist wohl das erste Adjektiv, das einem zu «Sunless Sea» in Sinn kommt: das tiefe Schwarz des unterirdischen Meeres, das schwache Leuchten einer Boje, Inseln und Städte, die sich im Licht des Suchscheinwerfers langsam sichtbar werden, während unser Schiff Kurs auf die Küste hält.

«Sunless Sea» schmückt die Welt weiter aus, die das Entwicklerstudio Failbetter Games 2009 mit dem viel gelobten Browser-Game «Fallen London» geschaffen hat. Es ist eine schauerliche Welt, wie aus «Gothic Horror»- und «Steampunk»-Geschichten. Und literarische Vergleiche sind durchaus angebracht: In beiden Games steht die Erzählung im Mittelpunkt und Failbetter Games legt dabei viel Wert auf gut geschriebene Texte, voll mit makabren Details und dunklem Humor.

Ziel: Überleben

«Fallen London» spielt in einem unter die Erde verlegten London, das von einem unterirdischen Ozean umgeben ist, in dessen Tiefen riesige Krabben und andere Ungeheuer lauern und auf dessen Inseln manch unheimliches Geheimnis auf uns wartet.

Ein Haifisch, gefangen in einem mittelalterlichen Eisen-Harnisch Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Monster, Biester, Bestien: Besiegen wir den Hai, dient uns sein Fleisch als Nahrungsquelle. Failbetter Games

In «Sunless Sea» befahren wir nun diesen dunklen Ozean. Wir beginnen unsere Reise im gefallenen London, als Kapitän eines kleinen Dampfbootes. Danach lässt und das Game selbst wählen, welche Abenteuer wir erleben wollen. Das Ziel unserer Reisen: diese unheimliche Welt erkunden, Handel treiben, reich werden. Und vor allem: am Leben bleiben.

Anders als in «Fallen London» sehen wir die unterirdische Welt nicht bloss in bebilderten Texttafeln, sondern in 2D-Ansicht aus der Vogelperspektive. Mit den Pfeiltasten der Tastatur steuern wir unser kleines Schiff durch das riesige unterirdische Meer, die «Unterzee». Wer sich noch an den Game-Klassiker «Sid Meier's Pirates!» erinnern kann, wird sich hier schnell zurechtfinden.

Ins Dunkel projizierte Ängste

Schon eine der ersten Missionen macht klar, was hier für eine Stimmung herrscht: Wir sollen eine Ladung sogenannter «Tomb-Colonists» auf die Insel Venderbight bringen – bandagierte Untote, die in Särgen reisen. Wenn wir uns nach Abliefern der «Ware» entscheiden, die Insel genauer zu erkunden, tut sich eine neue Geschichte auf, an deren Ende wir eine seltsam bandagierte Gestalt als Schiffskoch anwerben können. So wächst mit jedem neuen Abenteuer unser Vermögen, unser Warenlager oder eben unsere Crew.

Spielszene aus «Sunless Sea» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Selbst Korallenriffe sehen im dunklen Meer von «Sunless Sea» noch unheimlich aus. Failbetter Games

Dass wir dabei von der Welt kaum mehr sehen, als das schwache Licht unserer Schiffslampe preisgibt, erhöht bloss die Spannung. In die Dunkelheit können wir alle unsere Ängste projizieren , denn wie Horror-Fans wissen: Die Angst vor dem Schrecken ist meist schlimmer, als der Schrecken selbst.

Nur eines bleibt immer gleich: Tod und Verderben lauern da draussen überall. Seien es Monster, die unser Schiff angreifen oder die eigene Crew, die uns bei einer Meuterei den Garaus macht. Und stets droht der Hunger, wenn wir uns ohne genügend Nahrung zu weit vom nächsten Ufer entfernen nur noch eine Wahl haben... Wie sagt so schön die Tagline des Games? «Lose your mind. Eat your Crew».

Ein Game voller Geschichten

Es ist beeindruckend, wie viel Text jetzt schon in dem Game steckt, das erst in einer Early-Access-Version zum Download auf der Game-Plattform Steam steht (das fertige Spiel soll im September folgen). Schon jetzt ist es mit mehr als 100'000 Worten ein Roman, bis zum Schluss sollen es gar 250'000 Worte sein. Viel Lesestoff, den der Vorgänger «Fallen London» mit gut einer Million Worten aber noch locker übertrifft. Zum Vergleich: Die Bibel kommt auf nicht ganz 800'000 Worte.

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«Sunless Sea» bei YouTube

«Sunless Sea» bei YouTube

Den Game-Trailer schauen. Den Verstand verlieren. Die Crew essen.

An anderen Stellen sind dagegen Lücken auszumachen: Grosse Teile der Karte etwa blieben noch leer und auch die Grafiken der Unterwelt scheinen oft erst halbfertig. Auf einer Übersichtstafel zeigen Failbetter Games den aktuellen Entwicklungsstand von «Sunless Sea», das derzeit erst zu geschätzten zwei Dritteln fertig ist (Stand Anfang August).

Redundante Kämpfe

Einige Mängel werden sich allerdings schwerer beheben lassen: Das Kampfsystem des Games zum Beispiel ist wenig aufregend gestaltet. Treffen wir auf einen Gegner, beginnt ein rundenbasierter Kampf, bei dem wir zwischen Angriff, Verteidigung und Beleuchtung wählen können. Letzteres ist besonders wichtig, da wir einem im Dunkel liegenden Feind keinen Schaden zufügen können.

Solche Kämpfe dauern in der Regel kaum länger als eine halbe Minute. Der Ablauf ist aber so redundant, dass die Kämpfe schnell an Spannung verlieren. Weil während eines Gefechts stets pausiert werden kann, ist auch schnelle Reaktion nicht gefragt.

Viel Sterben, viel Klicken

Was nicht heissen soll, dass «Sunless Sea» ein leichtes Spiel ist – im Gegenteil. Sterben gehört hier quasi zum Geschäft. Segnet unser Kapitän das Zeitliche, müssen wir das Spiel wieder von vorne beginnen. Allerdings kann der Verstorbene noch Eigenschaften an seinen Nachfolger vererben: eine nützliche Fähigkeit etwa, ein bewährtes Crewmitglied oder eine Karte der bisher entdeckten Gebiete.

Spielszene aus «Sunless Sea» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auf dem Rückweg nach London: Ohne regelmässigen Landgang droht die Besatzung bald mit Meuterei. Failbetter Games

Dass der Tod permanent ist, steigert die Spannung. Es hat aber auch den Nachteil, dass wir uns erneut durch alle Entscheidungen klicken müssen, die unser Vorgänger schon gemacht hat – denn dessen Erfahrungen sind mit ihm gestorben.

Nach ein paar Toden ist das noch kein Problem. Gut möglich aber, dass nach zu vielen Neuanfängen der Spielspass darunter leidet.

Finanziell mit dem Rücken zur Wand

Und noch ein grundsätzliches Problem plagt «Sunless Sea»: Das Game macht es uns nicht eben einfach, mit unseren Entdeckungsreisen und Abenteuern auch wirklich Geld zu verdienen. Zu oft schaffen wir es bloss knapp über die Runden und sind froh, wenn das Ersparte überhaupt noch für Treibstoff und Nahrung langt.

Spielszene aus «Sunless Sea» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die «1» im Feuerchen links oben zeigt: Langsam geht der Treibstoff zu Ende! Failbetter Games

Wer finanziell stets mit dem Rücken zur Wand steht, wird aber eher auf Nummer sicher gehen und nicht zu viel wagen – kennt man ja aus dem richtigen Leben. Bei «Sunless Sea» steht das allerdings dem eigentlichen Spielprinzip entgegen: Als furchtloser Abenteurer eine unterirdische Welt zu entdecken.

Hoffen wir, dass Failbetter Games bis September einen Weg finden, diese recht widersprüchlichen Ansprüche an den Spieler noch miteinander zu versöhnen. Denn die Welt von «Sunless Sea» ist bereits im dreiviertelfertigen Zustand so unheimlich reizvoll, dass man gerne dahin zurückkehrt. Riesenkrabben zum Trotz.

«Sunless Sea» gibt es für PC und Mac. Es kann auf der Steam-Plattform als Early-Access-Spiel heruntergeladen werden.