Review: «Sunset Overdrive»

Mit Bowling-Kugel oder Teddybär-Kanone gegen orange Energy-Drink-Mutanten: «Sunset Overdrive» unterhält mit Fun-Punk und bescheuerten Kostümen. Und hält uns ständig in Bewegung.

Nichts finde ich ekliger als Energy Drink plus Zigarette am Morgen.

Deshalb bereitet es mir besonderes Vergnügen, auf die Gegner in «Sunset Overdrive» zu ballern: Nach dem Genuss eines neuen Energy Drinks sind sie zu grausigen Monstern mutiert, und wenn wir sie treffen, zerplatzen sie in Fontänen orangenen Schleims.

Tesla-Fallen senden blauen Blitze aus und verteidigen eine Festung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ich mag Tesla-Fallen. Insomniac

Sunset City wurde wegen der Energy-Drink-Mutanten abgeschottet, die Bewohner sind dem Chaos überlassen. Aus der Stadt zu entkommen, ist das Ziel der Rahmenhandlung.

Doch eigentlich geht es darum: Wild über diesen grossen Spielplatz zu toben, springen und grinden. Auf orange Monster, Roboter oder fiese Plünderer schiessen, mit Waffen, die Vinyl-Platten oder explodierende Teddybären abfeuern. Und möglichst viele möglichst bescheuerte Kostüme anziehen.

Haha, ein Witz!

«Sunset Overdrive» zwinkert uns dabei ständig zu. Es weiss, dass es ein Game ist, und es erinnert uns ständig explizit daran. Macht etwas inhaltlich keinen Sinn? Egal! Hauptsache, die Mechanik macht Spass.

Ein erwachsener Mann in Fantasie-Rüstung hebt den Finger. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der König, frisch gestärkt mit Blutegel und Taubenbraten. Insomniac

Das ist einerseits toll, denn Spiele können tatsächlich von einer guten Mechanik allein leben. Sie dürfen völlig sinnfreie Geschichten erzählen.

Andererseits ist «Sunset Overdrive» nicht so lustig, wie es selber denkt. Es bricht regelmässig durch die Vierte Wand und macht sich über seine eigene plumpe Struktur lustig: «Haha, schon wieder eine simple Damit-ich-dir-helfe-musst-du-mir-zuerst-dies-besorgen-Aufgabe! Haha! So sind Games halt! Haha!» Es tut dies etwas zu oft. Das wirkt mit der Zeit verkrampft, als wolle es ein schlechtes Gewissen mit einem flachen Witz überspielen.

Fun-Punk!

Nicht nur visuell ist das Spiel knallbunt, überdreht und etwas plump. Auch der Soundtrack, der wie das Fun-Punk-Revival der 90er-Jahre klingt. Und natürlich konnten Skater unter der kalifornischen Sonne nicht die gleiche Dringlichkeit entwickeln wie frierende Drögeler im grau deindustrialisierten England. Wer also schon damals fand, dass Blink 182 und Offspring und Greenday «gar keine richtigen Punks» seien, weil sie irgendwie zu wenig bierernst gegen Konsum und Establishment kämpfen, der könnte auch mit dem Stil von «Sunset Overdrive» etwas Mühe haben.

Mir war das nicht nur egal, im Gegenteil: Mir gefiel die dümmlich-simple «Alles nur Spass!»-Attitüde. Diese Stadt ist nicht lebendig. Sie ist nur ein Spielplatz, gross und gleichzeitig kompakt genug. Das Spiel will nichts von Belang erzählen, sondern nur eine einzige Emotion auslösen: «Huiiiiiiiiiii!»

Nie am Boden bleiben, nie stillstehen

Im Zentrum dieser Aufregung steckt Bewegung. Hüpfen wir auf ein Auto oder einen Sonnenschirm oder einen Busch, katapultiert uns dies hoch in die Luft. Wir können auf Oberleitungen oder Geländern oder generell fast jeder Kante grinden. Eine Rolle nutzen wir als Sturmangriff oder Ausweichmanöver.

Zudem ist die Stadt offen, wir bewegen uns frei darin herum. Keine abgeschotteten Bereiche, keine unsichtbaren Korridore, keine Levels in dunklen Gängen.

Ein Typ mit Trucker-Hat zerstört einen Roboter. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: He's a Skater Boiiiiiii, the robot said «see you later boiiii*bummmmm». Insomniac

Diese Bewegung müssen wir erst lernen; anfangs sprang ich oft daneben oder hatte Mühe, meine Gegner im Fadenkreuz zu halten. Doch das Game macht klar, dass kein Weg an der steten Bewegung vorbei führt. Vorsichtiges Schleichen geht nicht; bleiben wir stehen oder zu lange auf dem Boden, sterben wir.

Auch ist das Game mit Checkpoints streng – in den meisten Aufgaben werden wir recht weit zurückversetzt, wenn wir fehlschlagen. Wir können uns also nicht mit Ach und Krach durchmogeln, sondern müssen lernen, wie man wild und effektiv hüpft und grindet. Und je stilvoller wir spielen, desto gewaltiger werden unsere Angriffe – das Spiel belohnt Können und bringt uns so dazu, sein ästhetisches Ideal zu übernehmen.

Bescheuerte Waffen, bescheuerte Kostüme

Diese Ästhetik zeigt sich auch in den fantasievollen Waffen. Neben den bereits erwähnten Spreng-Teddies feuern wir aus dem «Dude» Bowling-Kugel ab, spucken grüne Feuerwerksdrachen oder schleudern einen «Murderang», meine persönliche Lieblingswaffe (weil die Munition ja zurückkommt und sich so nicht verbraucht und beim Hin- und Rückflug Schaden anrichtet).

Ein Mann zieht alle seine Waffen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Du findest meinen Helm doof? Überzeugen dich dafür meine Waffen? Insomniac

Besonders gefallen hat mir ausserdem die riesige Kostümauswahl – vom Pandakopf über das Kettenhemd zum Känguru-Täschchen. Wir können unsere Spielfigur frei einkleiden, möglichst lächerliche Kombinationen ausprobieren. Und diese auch abspeichern, um schnell zwischen den besten hin und her zu wechseln.

Aussergewöhnlich ist dabei, dass dies auch für die Gestalt unserer Figur gilt. Es ist also möglich, mitten in der Geschichte von einer zierlichen schwarzen Frau mit Sommersprossen und Bart auf einen bleichen Muskelprotz im Tutu zu wechseln. Sinnfrei? Egal, Hauptsache Spass!

Nicht innovativ, aber konsequent

Im Vorfeld und im Marketing wurde «Sunset Overdrive» als besonders innovativ angepriesen. Das ist übertrieben. Stattdessen setzt es Elemente aus anderen Spielen zusammen, und zwar konsequent nach dieser Regel: Was Spass macht, ist drin. Der Fun-Punk klingt nach «Crazy Taxi». Die Waffen, der Humor und der comic-artige Stil erinnern mich an «Borderlands». Die offenen Schlachtfelder an «Halo». Das knallbunte Feuerwerk der Kämpfe an «Infamous». Die Stadt und das Verbessern der Fähigkeiten an «Crackdown». Der Fokus auf Bewegung an «Titanfall».

So ist «Sunset Overdrive» grossartige, bewährte Unterhaltung. Dass es erfrischend anders wirkt, hat aber mehr mit der Konkurrenz zu tun, die sich seit «Modern Warfare» (2007!) in der Sackgasse der graubraungrünen, bierernsten Militär-Glorifizierung verrannt hat. Um da auszubrechen, sind mir sogar Energy Drinks, flaue Witzchen und kalifornischer Fun-Punk recht.

«Sunset Overdrive» ist für Xbox One. Es ist ab 16. Das Haikiew ist hier.